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Warum immer weniger Leute bei Wikipedia mitmachen

Gemeinschaftsprojekt Wikipedia: ungewisse Zukunft.   Bloomberg

Die grösste Enzyklopädie der Welt kämpft mit vielen Problemen. Der Aufstieg des Smartphones und interne Streitigkeiten bedrohen das grosse Projekt.

Von Gabriel Knupfer
am 24.06.2015

Die Gründung von Wikipedia 2001 war ein Meilenstein in der Geschichte des Internets. Die Online-Enzyklopädie entwickelte sich rasant zum grössten Nachschlagewerk der Welt – auf der Basis von freiwilligem Engagement. 70'000 Autoren arbeiten heute daran mit. Sie haben weit über 25 Millionen Artikel in mehr als 100 Sprachen geschrieben, die Aztekensprache Nahuatl ist ebenso vertreten wie Alemannisch oder das philippinische Tagalog. Kein Wunder, gehört die Enzyklopädie seit Jahren zu den meistbesuchten Seiten im Netz.

Und nicht nur die Zahlen sind eindrücklich. Ebenso interessant ist die Idee hinter der Seite, die ohne Werbung auskommt und einzig auf der Beteiligung der Wikianer beruht, die ihre Zeit und ihr Wissen gratis zur Verfügung stellen. Wikipedia kommt so mit sehr wenig Geld aus. Doch es sind auch andere Fragen als finanzielle welche die Zukunft der Seite in Frage stellen. Die grösste Bedrohung für Wikipedia ist laut des amerikanischen Social-Media Experten Andrew Lih der Aufstieg des Smartphones.

Pool der Wikipedia-Schreiber droht auszutrocknen

Zwar läuft Wikipedia auf Smartphones so gut wie auf einem herkömmlichen Computer oder Laptop. Das Problem sei aber, so Lih in einem Gastkommentar in der «New York Times», die schwierige Bearbeitung von Artikeln auf dem kleinen Bildschirm. «Mit der wachsenden Zahl der mobilen Internetnutzer könnte der Pool der Wikipedia-Schreiber austrocknen.»

Wikipedia ist auf möglichst viele Schreiber angewiesen. Die Vielzahl der Autoren ist wesentlich für die inhaltliche Tiefe und Qualitätskontrolle der Beiträge. Und während das Erstellen und Verändern von Artikeln schon auf einem Computer nicht ganz einfach ist, wird es auf dem Smartphone so richtig mühsam. Besonders wenn dann noch Links oder Referenzen gesetzt werden müssen, stehen die meisten Nutzer auf verlorenem Posten.

Viel Zoff in der Community

Langfristig kann sich Wikipedia dem Aufstieg der Smartphones nicht entziehen. Laut einer Studie des Pew Research Center haben schon heute 39 der 50 grössten Newsseiten mehr Traffic von mobilen Geräten als von Computern und Laptops. Die Wikimedia Foundation ist deshalb auf der Suche nach neuen Möglichkeiten, die eine einfachere Bearbeitung über Touchscreens ermöglichen. Doch hier zeigt sich die Schattenseite der demokratischen Strukturen. Einerseits sind diese die grosse Stärke Wikipedias, andererseits bremst gerade die Vielzahl der Mitbestimmer immer wieder.

Denn Veränderungen sorgen oft für Streit in der Community der eingefleischten Wikianer. 2014 zum Beispiel widersetzte sich die deutsche Wikipedia einem Update. Der Streit eskalierte soweit, dass die Wikimedia Foundation schliesslich das unerwünschte Multimedia-Programm über die Köpfe vieler deutscher User und auch Administratoren hinweg erzwang. Der Konflikt wurde dadurch aber nur weiter angeheizt. Die Strafe folgte: Bei der folgenden Wahl des Board of Trustees, des höchsten Gremiums der Foundation, wurden darauf alle drei zur Wahl stehenden bisherigen Mitglieder abgewählt.

Offensichtlicher Niedergang

Dabei ist die Frage, wie lange sich Wikipedia Streitereien auf Nebenschauplätzen noch leisten kann. Denn die Zahl der Autoren geht rasant zurück: Während 2005 in gewissen Monaten über 60 Schreiber auf der englischsprachigen Seite zu Admins gemacht werden konnten, finde man heute kaum noch einen pro Monat, schreibt Lih. Ein Teil der Schreiber drohe im Jahr 2006 steckenzubleiben, warnte Board-Mitglied María Sefidari kürzlich.

Das schlimmste Szenario wäre ein langsamer Niedergang ohne Knall sondern mit einem Wimmern, befürchtet Lih. Wenn Teilnahme, Genauigkeit und Nützlichkeit langsam abnehmen und die Community nicht durch ein dramatisches Ereignis aufwacht, könnten die nötigen Reformen ausbleiben.

Lücke wird von Profis gefüllt

Ein Ansatz zur Lösung ist für die Foundation die Zusammenarbeit mit Museen, Bibliotheken und ähnlichen Institutionen, die das Niveau der Beiträge sichern soll. So hat etwa das British Museum in London einen Wikipedia-Redakteur angestellt, nachdem man merkte, dass die Artikel auf der eigenen Webseite viel weniger gelesen werden als die entsprechenden Artikel auf Wikipedia. Andere gemeinnützige Organisationen wie die Smithsonian Institution sind dem Beispiel gefolgt und helfen so, die Qualität einzelner Artikel zu verbessern.

Der Rückgang bei den freiwilligen Schreibern hat aber auch PR-Agenturen auf den Plan gerufen. Zwar müssen digitale Dienstleister und Unternehmen, die kommerziell bei Wikipedia unterwegs sind, ihre Interessen offenlegen. Doch die Zahl dieser sogenannten «verifizierten Nutzer» liegt inzwischen bei mehr als 4000. Das Problem für den normalen Nutzer: Wer einen Artikel ändern möchte, braucht oft professionellen Beistand. Und dafür zahlt nach Recherchen der deutschen «Welt» schnell einmal 10'000 Euro. Der Kampf der Foundation gegen PR-Artikel und fehlerhafte Beiträge wird damit zunehmend schwieriger.

Bis heute keine Alternative

Doch ist eine Welt ohne Wikipedia überhaupt noch vorstellbar? Für viele Schüler, Studenten und wohl auch Journalisten sicher kaum. Immerhin hat das grossen Wissensprojekt des Internets viele etablierte Lexika verdrängt. Wikipedia gehört nach Ermittlungen von Alexa.com weiterhin zu den zehn am häufigsten frequentierten Internetseiten der Welt und steht im Moment wieder auf Platz sechs, nachdem die Seite Ende 2014 vorübergehend auf den siebten Platz zurückgefallen war.

In der Schweiz liegt Wikipedia sogar an fünfter Stelle. Keine andere nichtkommerzielle Seite kann mit diesen Zahlen mithalten. Für Lih ist deshalb klar: In einer Zeit der Internetgiganten ist die Enzyklopädie in Selbstverwaltung «sicher rettenswert».

 

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