Die Mehrheit der Menschen auf der Welt hat auch im Jahr 2015 noch keinen Zugang zum Internet. Ein unhaltbarer Zustand, sagte Facebook-Chef Mark Zuckerberg, und hat deshalb das Projekt Internet.org ins Leben gerufen. Dessen Masterplan sieht vor, armen Menschen die Segnungen des weltweiten Datennetzes zu bringen – oder zumindest einen Teil davon. Denn was die Leute erhalten, sind in erster Linie Facebooks eigene Dienste.

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Knapp 40 Webseiten können die User über Internet.org gratis ansteuern. Von den zehn meistgenutzten Seiten der Welt sind aber einzig Facebook und Wikipedia im Angebot. Google, Youtube und Amazon bleiben den Nutzern ebenso verschlossen wie Yahoo oder Twitter. Stattdessen gibt es neben Newsseiten in verschiedenen lokalen Sprachen sowie Englisch verschiedene Gesundheitsseiten und Jobplattformen für die armen Leute, die sich das ganze Internet nicht leisten können. Schon der Name des Projekts Internet.org ist also ziemlich irreführend.

«Ökonomischer Rassismus»

Nun regt sich Widerstand: Aktivisten in Indien, wo Internet.org in diesem Februar lanciert wurde, rufen zum Kampf gegen den Gratis-Dienst. «Poor Internet for poor people», sei das Lieblingskind von Mark Zuckerberg, schreibt der einflussreiche Investor Mahesh Murthy in einem Kommentar in der indischen Fachzeitschrift «Quartz». Facebooks Internet.org komme «ökonomischem Rassismus» gleich.

Viele Inder sehen das offenbar ähnlich: Im Rahmen der Initiative SavetheInternet.in gingen in den letzten Tagen über 750'000 E-Mails bei der indischen Telekom-Aufsicht (Trai) ein. Sie alle wehren sich gegen die Pläne von Facebook und die daraus resultierende Zweiklassengesellschaft im Web. Der Dienst Internet.org bedeute eine schwere Verletzung der Netzneutralität, dem Prinzip der Gleichbehandlung aller Daten ungeachtet des Inhalts.

Indische Firmen springen ab

Bereits haben mehrere indische Firmen auf die Kritik reagiert und ihre Unterstützung für Internet.org eingestellt. Cleartrip, NDTV, Newshunt und die Times Group wollen mit dem Facebook-Projekt nichts mehr zu tun haben. Cleartrip-Chef Subramanya Sharma schrieb in einem Blogeintrag, dass die öffentliche Debatte zum Umdenken geführt habe. Als Facebook bei ihnen angefragt habe, habe man an ein «soziales Projekt» geglaubt. Doch nun sei klar geworden, dass die Auswahl der Seiten durch den Internetriesen höchst problematisch sei.

Der Proteststurm in Indien hat selbst Mark Zuckerberg dazu genötigt, zum Verhältnis zwischen Facebook und der Netzneutralität Stellung zu beziehen. Internet.org sei der ehrliche Versuch, alle Menschen miteinander zu verbinden, so der Internetmilliardär. Universelle Konnektivität und Netzneutralität dürften aber nicht gegeneinander ausgespielt werden. «Wenn sich jemand keinen Internetanschluss leisten kann, ist es sicherlich besser, einen eingeschränkten Zugang zu bekommen, als gar keinen», so Zuckerberg.

«Keine Überholspur»

Mit Internet.org blockiere man niemanden und man kreiere auch keine Überholspur, schreibt Zuckerberg. «Wir sind offen für alle Netzbetreiber und hindern niemanden, daran teilzunehmen.» Letztlich gehe es darum, allen Menschen Zugang zu geben, «zu einem der mächtigsten Instrumente des wirtschaftlichen und sozialen Fortschritts».

Doch so einfach ist die Problematik mit den einseitigen Angeboten nicht vom Tisch zu wischen. Denn welche Seiten die Menschen durch Internet.org erhalten, entscheidet Facebook letztlich alleine. Konkurrenten bleiben aussen vor. Anstelle von Google gibt es für die Nutzer in Indien beispielsweise Bing von Facebook-Aktionär Microsoft als Suchmaschine. Und als Übersetzer kommt nicht etwa der bekannte Google Translator zum Einsatz, sondern der weit weniger bekannte Translator von Dictionary.com.

Facebook wird zum Synonym fürs Web

Es mag zwar stimmen, dass ein uneingeschränkter Zugang zum Internet sogar für einen Konzern wie Facebook finanziell nicht zu stemmen wäre. Doch die genannten Beispiele zeigen, dass es um mehr geht, als hehre wohltätige Zwecke. Internet.org dient letztlich Facebook selbst am meisten. Ohne Google, Youtube und ähnliche Dienste wird das Internet in den Entwicklungsländern künftig noch stärker mit Facebook assoziiert werden, als es heute schon der Fall ist.

Ein Internet von Facebooks Gnaden ist für viele Inder ein Horrorszenario. Gerade im Nachrichtenbereich könnte die rigide Moral und das amerikanische Weltbild des Internetkonzerns zu einer sehr einseitigen Auswahl der geeigneten Seiten führen – und so in diametralem Gegensatz zu dem stehen, wofür das Internet eigentlich stehen sollte: Einem freien Marktplatz von Ideen, Meinungen und Produkten.

Kein neuer Zuckerberg mit Internet.org

Weil die Netzneutralität – entgegen den Beteuerungen von Zuckerberg – durch Internet.org mit Füssen getreten wird, betrifft die Diskussion in Indien letztlich auch die Internetnutzer in den reichen Ländern. Diese müssen damit rechnen, dass der Begriff aufgeweicht wird. Künftig könnten Techkonzerne das Internet aufteilen und durch viele geschlossene, durchkommerzialisierte Netze ersetzen, fürchtet beispielsweise Johannes Boie in der «Süddeutschen Zeitung».

Inzwischen können 800 Millionen Menschen in neun Ländern über Internet.org auf ausgewählten Seiten surfen. Facebook bezahlt lokale Internetprovider und übernimmt so die Kosten für den Anschluss. Um auch die Menschen in den hintersten Winkeln der Welt zu erreichen, experimentiert der Konzern zur Zeit mit Drohnen und Ballons, die das Internet mit Lasern zu den Endkunden schicken sollen. Dass den Leuten damit eine Tür in ein besseres Leben geöffnet wird, glaubt Investor Mahesh Murthy nicht. «Mit Internet.org kann er nicht zum nächsten Zuckerberg werden», schreibt Murthy unter das Bild eines indischen Bauernjungen.

Indische Aktivisten erklären die Netzneutralität (Quelle: Youtube)