«Wieso mehr bezahlen?» Tele2 nimmt seinen Leitgedanken wörtlich - auch wenn es um das eigene Investitionsverhalten geht. Weil Swisscom für die Nutzung der Letzten Meile - des Stücks Kupferdraht zwischen der Verteilzentrale und dem Hausanschluss - 31 Fr. pro Monat und Anschluss verlangt, wird Tele2 keine eigenen Angebote lancieren. «Unter diesen Bedingungen werden wir momentan nicht in die Letzte Meile investieren», sagt Tele2-Schweiz-Chef Roman Schwarz der «Handelszeitung». Der Preis sei «jenseits von gut und böse» und «ein Schlag ins Gesicht aller, die den Markt seit Jahren liberalisieren wollen».
Der Discounter unter den Telekommunikationsanbietern reagiert prompt. Schwarz: «Wir werden gegen die Preispolitik des Exmonopolisten klagen.» Solange der Preis für die Letzte Meile nicht auf europäisches Niveau gesenkt sei, sprich auf 15 bis 18 Fr., «werden wir hierzulande keine Investitionsrisiken eingehen».
Im Gegensatz zu Sunrise ist Tele2 nicht bereit, den von der Swisscom veranschlagten Preis zu bezahlen und auf eine Rückerstattung nach einem allfälligen Gerichtsurteil zu hoffen. Für Schwarz ist die derzeitige Situation «ein Armutszeugnis für die Schweiz». Tatsächlich verfügt in keinem anderen Land in Westeuropa der ehemalige Staatsbetrieb über einen Marktanteil von über 63%.

*Herber Rückschlag*
Mit der Absage von Tele2 dürfte einzig Sunrise die Entbündelung der Letzten Meile in einem grossen Massstab nutzen. Das Tochterunternehmen des TDC-Konzerns mit Sitz in Kopenhagen plant in den nächsten drei Jahren Investitionen in einem dreistelligen Millionen-Franken-Bereich.
Für Tele2 Schweiz ist die Verzögerung ein herber Rückschlag, der auch die Position innerhalb des Konzerns schwächt. Dieser setzt seit kurzem gemäss Aussage des Tele2-Europa-Chefs Johan Jarnheimer nur noch auf Ländergesellschaften mit eigener Telekom-Infrastruktur. Niederlassungen, die sich einzig auf den Wiederverkauf von Dienstleistungen spezialisiert haben, werden abgestossen. Jüngstes Beispiel ist Portugal. In der Schweiz verfügt Tele2 einzig im Mobilfunk über eine eigene Infrastruktur. Mit Antennen werden der Grossraum Zürich sowie Teile von Lausanne, Genf, Bern und Basel abgedeckt. Mehrere Dutzend Mietverträge für die Errichtung von Sende- und Empfangsanlagen sind unter anderem in Luzern und St. Gallen abgeschlossen.
Mit einem geschätzten Jahresumsatz von über 400 Mio Fr. belegt der Billig-Anbieter nach Swisscom, Sunrise, Orange und Cablecom den fünften Rang. Das grösste Kundenwachstum verzeichnet Tele2 im Mobilfunk. Hier könnte der schwedische Ableger bis Ende Jahr die Marke von 100000 Kunden knacken. Die Probleme im Festnetzbereich bleiben dagegen: Die Kundenbasis bröckelt und das Geschäft mit Breitbandinternet ist keines. Tele2 braucht einen massiv tieferen Preis für die Letzte Meile, um den Trend drehen zu können.
«Wieso mehr bezahlen?» Das könnte sich der Mutterkonzern einmal fragen und die Schweizer Tochter ins Schaufenster stellen.