Obwohl die Verhandlungspartner – die Personalverleihkonzerne und die Gewerkschaften – ein starkes Interesse an einem Gesamtarbeitsvertrag (GAV) für Temporärarbeitende haben, verzögert sich der Abschluss. Der Direktor des Branchenverbandes Swissstaffing, Georg Staub, rechnet nun mit dem Inkrafttreten per 1. Januar 2009, ein Jahr später als vorgesehen, wie er auf Anfrage sagt.

Die Temporärarbeitskonzerne wie Adecco, Manpower und Randstad wollen mit dem GAV gegen die schwarzen Schafe der Branche vorgehen und das Ausbeuter-image der Branche bekämpfen. Die Gewerkschaften ihrerseits weigerten sich lange, mit den Unternehmen zu verhandeln und die Temporärarbeit anzuerkennen.Doch inzwischen erwarten sie von einem GAV einen besseren Schutz für die Teilzeitangestellten. Jeden Tag kommen in der Schweiz rund 60000 Temporärarbeitskräfte zum Einsatz. Einem Temporärjob gehen zwar nur 2% der Erwerbsbevölkerung nach, doch die Tendenz ist zunehmend. Im Jahr 1993 lag der Anteil erst bei 0,4%.

Knacknuss Abgrenzung

Laut der Gewerkschaft Unia findet die nächste Verhandlungsrunde im Februar 2008 statt. Die grösste Knacknuss besteht darin, dass ein allgemeinverbindlich erklärter GAV für die Temporärangestell-ten mit den bestehenden Branchen-GAV kollidiert. Um dieses Problem zu lösen, haben die Parteien inzwischen einige universitäre Institute für die Beratung eingeschaltet.

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Für Firmen, die Temporärarbeiter beschäftigen, wird der Temporär-GAV ein zusätzliches Vertragswerk ins Haus bringen und vorerst Mehraufwand bedeuten. Differenzen zwischen den Verhandlungspartnern gibt es vor allem bei der Krankentaggeld-Regelung respektive der Höhe der Lohnfortzahlung bei Krankheit. Aus Sicht des Unia-Verhandlungsdelegierten André Kaufmann könnte bereits in der nächsten Verhandlungsrunde ein GAV-Entwurf vorliegen, sofern sich bei diesem Punkt eine für beide Seiten zufriedenstellende Lösung finden lässt. Als nächster Schritt wird der GAV den jeweiligen Verbandsgremien und dem Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) zur Vorprüfung unterbreitet.

Bei den Fragen der beruflichen Weiterbildung, der Mindestlöhne sowie der Finanzierung und Organisation des Vertragsvollzuges seien bereits valable Vorschläge erarbeitet worden, sagt Kaufmann weiter. Swissstaffing-Direktor Staub rät zu Pragmatismus und fordert: «Wir müssen Hand bieten zu einer für das schweizerische kollektive Arbeitsrecht revolutionären vertraglichen Lösung – im Bewusstsein, dass es sich beim ersten Entwurf eher um eine Blaupause für einen Prozess denn um ein ehernes Gesetz handeln wird.»An den Verhandlungen beteiligt sind alle namhaften Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände. Bei Swissstaffing sind 200 Unternehmen involviert, die einen Branchenumsatz von 4 Mrd Fr. erzielen.

Imageverbesserung deutlich

Marktleader Adecco profitiert bereits in Deutschland von einem Branchenarbeitsvertrag. Adecco-CEO Dieter Scheiff sagte gegenüber der «Handelszeitung» vor einem Jahr, dass die Zeitarbeitsbranche in Deutschland nach Abschluss eines Tarifvertrags nun auch von den Gewerkschaften akzeptiert würde. Scheiff: «Ich strebe grundsätzlich positive Verbindungen mit Gewerkschaften an.» Generell hätten in Deutschland die Leute erkannt, dass Zeitarbeit einen positiven Beitrag gegen Arbeitslosigkeit beisteuert und dass es auch eine sehr gute Methode ist, um Flexibilität in den Arbeitsmarkt zu bringen.

 

Wolken über dem Arbeitsmarkt

Die jüngsten Arbeitslosenzahlen der Schweiz sind erfreulich: 2007 lag die Arbeitslosenquote mit 2,8% auf einem Fünfjahrestief. 2005 waren es 3,8% und 2006 3,3%. Im Dezember 2007 ist zwar die Arbeitslosigkeit gestiegen, doch das entspricht der typischen Zunahme im Winter.

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Dennoch ist der Rückgang der Arbeitslosigkeit angesichts des starken Wirtschaftswachstums von geschätzten 2,5 bis 3% nicht überragend. Die Arbeitslosenquote sei «langsamer zurückgegangen als im letzten Aufschwung», sagt Serge Gaillard, Direktor Arbeit im Seco. Für dieses Jahr gehen die Auguren des Bundes von einem Wachstum von 2% und einer Arbeitslosenquote von 2,5% aus.

Die Signale, die von den zuverlässigen frühzyklischen Personalverleihkonzernen ausgehen, lassen keine Euphorie aufkommen (siehe Grafik). Noch vor dem Start der Subprime-Krise verzeichneten sie im Mai 2007 einen deutlichen Einbruch. Ab August war die Lohnsummenentwicklung in der Zeitarbeit gar rückläufig Das Minus von 8% im August 2007 gegenüber August 2006 zeigt: Die Schweizer Firmen haben plötzlich deutlich weniger Teilzeitangestellte beschäftigt.

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«Bei einer Abkühlung treten die Firmen als Erstes bei den Temporärangestellten auf die Bremse», sagt Myra Rosinger von der Branchenorganisation Swissstaffing. Hatten die Personalverleiher schon 2004 vor Aufschwung und Fachkräftemangel gewarnt, als niemand daran glauben wollte, warnen sie heute vor eine Baisse.