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E-Mobilität
Tesla-Chef Musk verschafft sich etwas Luft

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Elon Musk: Manche Nächte verbringt der Chef in den Tesla-Produktionshallen.Quelle: Keystone

Die Produktion von Teslas «Model 3» nimmt Fahrt auf. Doch die Kritiker bringt Musk mit dieser Meldung nicht zum Schweigen.

Von Philipp Vetter («Die Welt»)
am 04.07.2018

Die wichtigste Nachricht für den Elektroautobauer Tesla seit Jahren verkündet Elon Musk wie so oft per Twitter. Zwei Zahlen, vier Wörter und zwei Herz-Emojis reichen, um die Tesla-Aktie auf einen neuen Höhenflug zu schicken: «7000 cars, 7 days ♥︎Tesla Team♥︎.»

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Nicht nur die Anleger wussten, was der Chef des Autobauers mit dieser Nachricht meint. Nach eigenen Angaben hat Tesla sein Ziel erstmals erfüllt und nicht nur 5000 Exemplare seines Mittelklassewagens Model 3 innerhalb einer Woche gebaut, sondern zusätzlich auch noch 2000 Model S und Model X. Damit wäre Musk auf den letzten Drücker doch noch gelungen, woran viele vorher gezweifelt haben.

Anleger wetten gegen Musk

Doch nun stellt sich die Frage: Wie nachhaltig ist dieser Erfolg? Lassen sich diese Zahlen nun jede Woche wiederholen oder haben Musk und seine Leute alle Energie in diese sieben Tage Ende Juni gesteckt, um die Tesla-Anleger irgendwie bei Laune zu halten? Schon seit einigen Tagen häuften sich die Anzeichen, dass Musk sein selbst gestecktes Ziel von 5000 Model 3 pro Woche bis Ende Juni doch noch erreichen könnte.

Allerdings musste man zwischen den Zeilen lesen: Am Freitagabend teilte Musk per Tweet ein Musikvideo von «The Royal Teens», der Song heisst «Short Shorts». Doch die kurzen Hosen der Sänger dürfte der Tesla-Chef nicht gemeint haben, stattdessen zielte sein Spott auf Investoren, die mit sogenannten Leerverkäufen, die im englischen «Shorts» heissen, gegen den Erfolg von Tesla gewettet hatten. Seit Wochen prophezeit er diesen Anlegern, dass sie ihre Wetten und viel Geld verlieren würden.

«Produktionshölle»

Dabei sprach lange vieles für die Wette gegen Tesla. Mehrfach hatte Musk das Produktionsziel von 5000 Exemplaren pro Woche verschoben, eigentlich sollte diese Marke schon Ende des vergangenen Jahres geknackt werden. Doch das Unternehmen steckte in der «Produktionshölle», wie Musk selbst die Anlaufprobleme nannte.

Ein Jahr hat es nun gedauert, bis der eigentlich als Zwischenziel gedachte Wert erreicht wurde. Zwischenzeitlich musste Musk einräumen, dass er es vor allem mit der Automatisierung übertrieben hatte. Selbst Produktionsschritte, mit denen sich Maschinen schwer tun, die für Menschen aber überhaupt kein Problem sind, sollten Roboter ausführen.

Dass das Ziel von 5000 Model 3 pro Woche nur mit grösster Improvisation erreicht worden ist, daran bestehen keine Zweifel. Eine der Produktionslinien steht derzeit nicht einmal in einer Fabrikhalle, sondern auf dem Parkplatz des Werks in Kalifornien, geschützt nur von einem Zelt. Musk verkündet, dass er inzwischen quasi im Werk wohnt. Was bei anderen Herstellern wie Volkswagen, BMW oder Daimler als unprofessionell und Überforderung gewertet würde, lassen Anleger und Experten Tesla jedoch durchgehen.

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Tesla Model 3: Das neue Auto ist erst in den USA erhältlich.
Quelle: Keystone

Musk denkt unkonventionell

«Das Zelt zeigt, dass er unkonventionell denkt statt konventionell unterzugehen, wenn es eng wird», sagt Ferdinand Dudenhöffer vom Center Automotive Research (CAR) der Universität Duisburg-Essen. «Als Neuankömmling in der Branche hat er noch immer einen Sympathiebonus», sagt auch Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach.

Musk selbst lobt sein Team dafür, dass man innerhalb von nur drei Wochen eine weitere Produktionslinie quasi aus dem Nichts gestampft habe. Das Zelt könne durchaus zur Dauereinrichtung werden, behauptet der Unternehmer bei Twitter. «Ich bin gar nicht sicher, ob wir ein Gebäude brauchen», schrieb er schon Mitte Juni. Auch die automatisierte Batterieproduktion des deutschen Tochterunternehmens Tesla Grohmann Automation sei nun in der Gigafactory einsatzbereit. «They super kicked ass too», schreibt er ziemlich unübersetzbar und fügt auf Deutsch an: «Heiliger Strohsack!»

Experten zweifeln an Qualitätsanspruch

Angeblich soll die Produktion im Zelt nicht nur billiger sein, sondern sogar bessere Qualität liefern. «Keine Standard-Automotive-Lösung hätte in der Zeit gebaut werden können, deshalb haben wir eine neue Lösung entworfen», schreibt Musk. «Sie funktioniert und hat eine etwas höhere Qualität als die traditionelleren Produktionslinien.» Auch die Mitarbeiter würden sich im Zelt wohler fühlen, das Klima sei besser als in der Fabrik und man habe sogar noch «grossartigen Blick auf die Berge», behauptet der Tesla-Chef.

Zumindest an der höheren Qualität melden Experten jedoch Zweifel an. «Ob die Qualität stimmt, wird sich erst in in einigen Monaten zeigen», sagt Bratzel. «Wenn es da Probleme gibt, könnte das auch wegen der jetzt höheren Stückzahlen teuer werden.» Schon häufiger habe Tesla die gesamte Flotte zurückrufen müssen, weil man ein Problem festgestellt hatte.

Das war bei den noch wenigen Exemplaren von Model S und X zwar ärgerlich, aber machbar. Müsste man Zehntausende Model 3 in die Werkstätten rufen, wären die Kosten entsprechend höher. Auch Dudenhöffer geht von «höheren Garantiekosten» bei den ersten Model 3 in Massenproduktion aus.

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Musk: Der E-Auto-Pionier hat sich hohe Ziele gesteckt.
Quelle: VCG/Getty Images

Tesla repariert per Software

Helfen könnte Tesla eine Fähigkeit, um die andere Hersteller den Neuling beneiden: die Software-Updates, die aus der Ferne – «over the air» – auf alle Fahrzeuge aufgespielt werden können. «Das hilft natürlich nichts, wenn eine Schraube durchrostet», sagt Bratzel. «Aber viele Probleme lassen sich inzwischen auch mit Software nachträglich lösen.» So konnte unlängst angeblich sogar ein in einigen Tests zu langer Bremsweg durch eine Umprogrammierung behoben werden.

Bei den Experten überwiegt daher auch das Lob für das erreichte Produktionsziel. «Musk hat gezeigt, dass es geht», sagt Dudenhöffer. Nun könne er den erreichten Wert in den kommenden Monaten stabilisieren. «Musk hat wieder mal die Kurve gekriegt», sagt der Leiter des CAR-Instituts. Auch wenn er jetzt beweisen müsse, dass er mit der Massenproduktion von Elektroautos auch Geld verdienen könne.

Tatsächlich haben Fachleute die ersten Model 3 auseinandergenommen und analysiert, dass zumindest theoretisch ein Gewinn von 7000 Dollar pro Fahrzeug möglich wäre. Ob es Musk tatsächlich wie angekündigt noch in diesem Jahr in die schwarzen Zahlen schafft, ist aber weiter ungewiss. Zuletzt entliess er neun Prozent seiner Mitarbeiter, um die Kosten weiter zu drücken.

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Tesla-Fabrik: Hier ein Bild aus dem Werk im kalifornischen Fremont.
Quelle: Getty Images

Musk zehrt vom Bonus des Neuankömmlings

Viel Zeit hat Musk nicht mehr. «Er muss jetzt liefern – auch im übertragenen Sinn», sagt Bratzel. «Der Neulingsbonus wird schwächer, aber er hat ihn noch.» Der Tesla-Chef dürfe sich jetzt nicht wieder verzetteln, sagt Dudenhöffer. Statt immer neue Modelle und Produkte anzukündigen, müsse er jetzt die Produktionszahlen weiter stabilisieren und ausbauen.

Langfristig sollten – nach Musks Aussage – schliesslich nicht nur 5000 Exemplare pro Woche gebaut werden – sondern doppelt so viele. Die Nachfrage dürfte Tesla zunächst nicht ausgehen, ursprünglich hatte mehr als eine halbe Million Menschen ein Model 3 vorbestellt. Beliefert wurden bislang ausschliesslich Kunden in den USA.

Dieser Artikel erschien zuerst bei der «Welt» unter dem Titel: «Mit der Camping-Taktik erreicht Tesla sein wichtigstes Ziel».