Ein heisser Lohnherbst steht vor der Tür. Wie jedes Jahr wird dieser schon im Hochsommer mit den Forderungen der Gewerkschaften eingeleitet: Der Kaufmännische Verband fordert für 2009 3,5%, Travaile Suisse 4 bis 5%. Die Forderung des Gewerkschaftsbunds (SGB) wird sich im selben Rahmen bewegen. Er wird sie am 19. August publik machen.

Was die Arbeitgeber dann bezahlen, hängt ab von der Entwicklung der Produktivität, der Inflation, der Gewinnsituation und schliesslich von der Lage auf dem Arbeitsmarkt.

Die Produktivität misst die Leistungsfähigkeit der Arbeit. Steigen die Löhne im selben Ausmass wie sie, entstehen für Arbeitgeber keine zusätzlichen Kosten.

Das Prognose-Institut Bak Basel Economics schätzt den Wachstumstrend der Produktivität in der Schweiz über die nächsten vier Jahre auf jährlich 2 bis 2,5%. Auch die Gewerkschaften begründen einen Teil ihrer Forderung mit Produktivitätsfortschritten. Weitere 2 bis 2,5% sollen für die Teuerung entschädigen und für den Umstand, dass in der jüngeren Vergangenheit die Löhne unter dem Produktivitätswachstum geblieben sind.

Beim geschätzten Produktivitätswachstum handelt es sich um einen Durchschnittswert. Je nach Branchen und erst recht je nach Unternehmen weichen diese Zahlen erheblich voneinander ab (siehe Kasten).

Generelle Zulage problematisch

Angesichts dieser Unterschiede ist die Forderung nach einer generellen prozentualen Lohnerhöhung problematisch. Die entsprechende Forderung hat sich bereits Travaile Suisse auf die Fahnen geschrieben. Der SGB wird sich dem anschliessen, wie dessen Chefökonom Daniel Lampard sagt.

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Besonders umstritten ist diesmal die Forderung nach dem Teuerungsausgleich. Seit Beginn der 1990er Jahre hat die Schweiz keine derart hohe Inflation mehr gesehen. Im Juli wurde sie – bezogen auf den Vorjahresmonat – mit 3,1% ausgewiesen. Für das Gesamtjahr schätzt sie die Schweizerische Nationalbank (SNB) im Durchschnitt auf 2,7%.

Diese Rekordteuerung geht hauptsächlich auf importierte Energie- und Rohstoffpreise zurück und belastet die Unternehmen wie die Beschäftigten gleichermassen. Die im Wesentlichen von der inländischen Entwicklung getriebene, sogenannte Kerninflation, die neben anderen Gütern die Energiepreise unberücksichtigt lässt, hat sich vom Mai bis zum Juli sogar von 1,4 auf 1,2% zurückgebildet.

Wird die aktuell gemessene Inflation über die Löhne ausgeglichen und erhöhen die Unternehmen als Folge davon ihre Abgabepreise, verstetigt sich die Inflation auf hohem Niveau. Wie SNB-Direktoriumsmitglied Thomas Jordan bereits deutlich gemacht hat, würde es die Nationalbank nicht so weit kommen lassen. Um die Inflation wieder in die von ihr vorgegebenen Schranken von unter 2% zu drücken, würde sie die Leitzinsen erhöhen und damit in Kauf nehmen, eine Wirtschaft, die sich zyklisch im Abschwung befindet, weiter zu schwächen.

Gewinne erhöhen Spielraum

Die Hoffnung der Gewerkschaften ruht schliesslich auf der Gewinnsituation der Unternehmen. Tatsächlich ist diese historisch gesehen noch immer überaus gut, wie auch die aktuellen Halbjahresabschlüsse erneut gezeigt haben. Dadurch wären die Unternehmen aktuell weniger gezwungen, höhere Lohnkosten über die Preise weiterzugeben. Zumindest für das nächste Jahr ist es daher möglich, dass die Lohnerhöhungen den Produktivitätszuwachs leicht übersteigen.

Davon geht auch Yngve Abrahamsen von der Konjunkturforschungsstelle der ETH (Kof) aus. Das durchschnittliche Lohneinkommen wird nach seinen Berechnungen im laufenden Jahr um 2,6% und im nächsten Jahr um 2,4% zunehmen. Bleiben allerdings Effekte wie Boni und das Erreichen besserer Positionen unberücksichtigt, beläuft sich dieses Lohnwachstum bloss noch auf 2% im laufenden Jahr und auf 1,9% im nächsten. Auch der Direktor des Arbeitgeberverbands, Thomas Daum, vermutet, dass sich die Lohnabschlüsse etwa im Rahmen des Vorjahres bewegen werden: Bei 2 bis 2,5 %.

Angesichts des zu erwartenden Abschwungs ist nicht nur mit einer geringeren Inflation zu rechnen, auch mit tieferen Gewinnen und vor allem mit einer höheren Arbeitslosigkeit. Das wird die Verhandlungsposition der Gewerkschaften schwächen. Es ist daher wenig überraschend, dass sie jetzt versuchen, rechtzeitig möglichst viel ins Trockene zu bringen.