ÖLPREIS. Das Öl ist so teuer wie nie zuvor: Im Handel in Singapur wurde zu Wochenbeginn die Marke von 93 Dollar pro Barrel geknackt, in New York stieg der Preis auf die Rekordhöhe von 92.40 Dollar je Fass.

Bei jeder Preisrunde warnen Ökonomen reflexartig, dass ein hoher Ölpreis die Konjunktur schwer belasten könnte. Bislang gibt es dafür aber keinen Beleg. Die Weltwirtschaft hat eine Phase glänzenden Wachstums hingelegt und sich völlig unbeeindruckt davon gezeigt, dass sich der Preis für ihren Schmierstoff beständig erhöht hat. «Ein so hoher Ölpreis tut weltwirtschaftlich betrachtet jetzt schon weh», sagt Norbert Walter, der Chefvolkswirt der Deutschen Bank. «Allerdings schmerzt der Anstieg längst nicht so sehr wie in früheren Zeiten. Eine echte Ölkrise mit rasant steigenden Inflationsraten ist unwahrscheinlich.» Tatsächlich spricht vieles dafür, dass es auch bei der magischen Marke von 100 Dollar noch keinen Grund zur Panik gibt. Denn die Wirtschaft ist längst nicht mehr so abhängig vom Öl, wie sie es einmal war. Natürlich ist es den Unternehmern nicht gleichgültig, wenn sie mehr für Öl bezahlen müssen. Das Geld fehlt ihnen für Investitionen und verringert den Gewinn – vor allem in energieintensiven Industrien wie der Metall- und Papierindustrie. Doch insgesamt ist über alle Branchen hinweg der Energieverbrauch stark rückläufig. Das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) hat ausgerechnet, dass für 1% Wirtschaftswachstum nur noch halb so viel Öl nötig ist wie Anfang der 70er Jahre. Ausserdem zieht sich der Anstieg diesmal über einen längeren Zeitraum hin, während die Preise Anfang der 70er Jahre fast senkrecht in die Höhe geschossen sind. «Das lässt den Unternehmen Zeit, sich zumindest teilweise anzupassen», sagt Sandra Ebner von der Deka Bank. Im Herbst 1973 hingegen vervierfachte sich der Ölpreis innerhalb weniger Monate von 3 auf 12 Dollar pro Fass. Die Gelassenheit der Unternehmen liegt auch im starken Euro begründet. Zwar kostet ein Fass Rohöl mit rund 90 Dollar heute mehr als viermal so viel wie Anfang 2002. Umgerechnet in Euro fällt der Anstieg aber weitaus weniger dramatisch aus. Denn im selben Zeitraum hat der Euro gegenüber der amerikanischen Währung regelmässig neue Höchststände erreicht, zuletzt am Freitag mit einem Rekord von 1.4387 Dollar. Damit hat die europäische Gemeinschaftswährung seit Jahresanfang 14% an Wert gewonnen. Die Folge: Die Amerikaner müssen heute viermal so viel für ihre Ölimporte bezahlen wie vor fünf Jahren, die Europäer dagegen nur das 2,7-Fache.

Ökonomen rechnen heute anders

All diese Faktoren haben dazu geführt, dass Ökonomen in ihren Modellen über die Jahre hinweg den negativen Einfluss eines steigenden Ölpreises immer weiter verringert haben. So rechnet Joachim Scheide, der Konjunkturchef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), mit nur 0,2 Prozentpunkten weniger Wachstum, wenn der Ölpreis um 10 Dollar zulegt. Wird dieser Anstieg dann noch durch einen stärkeren Euro abgedämpft und wachsen die Öl exportierenden Länder weiter auf Hochtouren, dann werden auch noch höhere Energiepreise die Wirtschaftsdynamik kaum bremsen. Problematisch würde es allerdings, wenn sich das globale Wachstum abschwächt und der Ölpreis hoch bleibt. «Zwar kann ein Ölpreis von 100 Dollar derzeit keine Rezession auslösen», sagt Scheide. «Wird dieser Preis allerdings im Abschwung erreicht, verstärkt er ihn noch zusätzlich.»

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