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Textilindustrie: Auf die Raffinesse kommt es an

Erstmals seit Jahren hat die Schweizr Textil- und Bekleidungsbranche wieder Aufwind. Das ist kein Grund zum Aufatmen: Die asiatische Konkurrenz ist unerbittlich.

Von Mélanie Rietmann
am 10.05.2005

Die sich ständig verändernde Mode ist der beste Garant für das Gedeihen der Textil- und Bekleidungsindustrie», sagt der legendäre Modeschöpfer Karl Lagerfeld. Aber die modischen Bocksprünge allein erklären noch nicht, wieso der Umsatz der schweizerischen Textilindustrie letztes Jahr - erstmals seit 2000 - wieder gestiegen ist, und zwar um 1,9%, was einem Gesamtvolumen von 3,7 Mrd Fr. entspricht. Nach wie vor gilt, was Ueli Forster, der Präsident der Economie-Suisse und CEO der Forster Rohner AG, sagt: «Es gibt keine Branchenkonjunktur mehr, sondern nur noch Firmenkonjunkturen. Die Schweizer Textilunternehmen entwickeln sich zunehmend zu Nischenplayern.»
Beispiel gefällig? Die Filtex AG. Zu dieser Gruppe gehört auch die Firma Jakob Schlaepfer, Hoflieferantin für den Stoff, aus dem die Hochzeitskleider von Camilla, der Frau des britischen Thronfolgers Prinz Charles, geschneidert wurden. Ob die Filtex bald das Label «Appointed by her Royal Majesty» verwendet? CEO Peter Anderegg lacht, wenn er darauf angesprochen wird. Sein Unternehmen sei zwar weltweit in die Schlagzeilen geraten, aber es seien ja nur wenige Meter gewesen, die geordert worden waren. So irreführend können Statistiken sein: Gerade bei den Stickereiexporten war 2004 ein frappanter Umsatzrückgang zu verzeichnen (-19%). Er lässt sich allerdings rasch erklären: Immer mehr Abnehmer im Ausland verlangen, dass auch die Produktionsleistungen integral auf ihrem heimischen Boden erfolgen. Das gilt auch für die Veredelung. Darunter fallen etwa Vorgänge wie das Bleichen oder das Färben. Daher sind viele Unternehmen dazu übergegangen, nicht nur vermehrt im Ausland zu produzieren, sondern auch die vor- und nachgelagerten Prozesse vor Ort auszuführen. Das Thema Auslagerung spitzt sich rasant zu: «Die Lohnkosten in der Schweiz können nicht wegdiskutiert werden», sagt Forster. Die Kreationen seines Hauses sind wie jene der Filtex AG auf allen Laufstegen der Modemetropolen zu sehen. Forster produziert in Rumänien und China.
*Stützstrumpf für Vielflieger*
Ausgelagert werden sogar nicht jedem Modegag unterworfene Artikel wie Kompressionsstrümpfe, ein Nischenbereich, in dem die Salzmann-Gruppe die Nase vorn hat. Sie hat sich in Brasilien und Ägypten Produktionsstandorte aufgebaut. Sie setzt über 100 Mio Fr. um und beschäftigt mehr als 480 Personen. Erfolgreiche Schweizer Textiler sind offenbar dort tätig, wo ihnen niemand das Wasser abgraben kann, weil immense Mittel in die Forschung, Entwicklung und Kreation gesteckt werden. Dazu ein Beispiel: Salzmann hat einen Stützstrumpf, der Flugpassagieren, die in der Billigklasse eingezwängt sind und dennoch stundenlang in der Welt herumfliegen müssen, Probleme mit den Beinen abnimmt.
Genauso erfolgreich ist die Firma Schoeller, wo CEO Hans-Jürgen Hübner die technischen Textilien, die dieses Unternehmen anbietet, gleich selber ausprobiert. Er fährt regelmässig mit seiner ihm «auf den Leib geschnittenen» Motorradoberbekleidung über seine geliebten Pässe. Dabei kam er auf die Idee, dass Gewebe atmungsaktiv und trotzdem modisch sein müssen. Das Resultat: Stretch- und Schutzgewebe für Aktiv- und Extremsportler. Sie reagieren auf jede Befindlichkeit, kühlen, wenn einem zu heiss ist, wärmen, wenn man friert. Das Volumen des Marktes für technische Textilien wird bis 2010 auf 140 Mio Dollar geschätzt.
Zugelegt haben auch die Heimtextilien. Eigenartig ist nur, dass auch der Import einen Umsatzsprung gemacht hat. Dazu Christian Fischbacher vom gleichnamigen Unternehmen, das zur Weltspitze gehört: «Aus der Türkei, China und Pakistan werden Heimtextilien importiert, die einen Zehntel unserer Preise kosten.» Das sei ein Massenmarkt geworden, wobei die Qualität eine untergeordnete Rolle spiele. Mehr noch: Raffinierte Muster können in Windeseile fotokopiert und versandt werden. Bis der Schutz für diese Nachahmungen spielt, vergehen Wochen. Daher haben sich Schweizer Hersteller immer mehr darauf kapriziert, ihre Innovationskadenz zu erhöhen. Es gibt aber auch ausländische Tüftler, die der Schweiz den Rang ablaufen wollen: Modeschöpfer träumen davon, Handys in Kleidungsstücke zu integrieren.
*«Swiss made» zieht doch*
Erstmals nicht zu den Siegern gehört der Bereich Underwear, die Unterwäsche also. Noch vor kurzer Zeit gehörte dieses Kleidersegment zu den Rennern. Nun waren Umsatz und Export knapp rückläufig. Die Zeit, als Frau drüber möglichst viel Durchsichtiges trug und drunter der BH eine wichtige Rolle spielte, scheint vorbei zu sein. Jetzt wird Bauch gezeigt.
Solche Sorgen plagen Andreas Sallmann, kreativer Besitzer von ISA, nicht. Seine Firma, auf Unterwäsche spezialisiert, ist die einzige ihres Genres, die noch alles in der Schweiz herstellt. «Wir werden, solange es irgendwie möglich ist, auf unseren Standortvorteil setzen», sagt Sallmann. Er glaubt weiterhin daran, dass Qualität, für die «Swiss made» steht, auf dem Markt zieht.

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