Wir müssen das EU-Joch abschütteln», sagt Franz Jaeger mit Blick auf die Aussenhandelsbeziehungen der Schweiz. Er zielt damit auf ein Problem, das die Textilwirtschaft im Speziellen plagt. Obwohl die Schweiz noch nie Einfuhrquoten für Textilien kannte und auch weit davon entfernt ist, solche protektionistischen Massnahmen zu ergreifen, bekommt auch unser Land ­ obwohl nicht EU-Mitglied ­ die neue Einfuhrpolitik der EU zu spüren. Ueli Forster, Mitinhaber der Forster Rohner AG, zur aktuellen Textilschwemme: «Indirekt sind wir eben auch betroffen.»

Gemäss Angaben von EuroCommerce, dem europäischen Verband des Einzel-, Gross- und Aussenhandels, sind derzeit Waren im Wert von Hunderten von Millionen Euro tangiert. Waren, welche für den EU-Raum und auch für die Schweiz geordert und von den Unternehmen meist schon bezahlt sind. Die Auslieferung ist nun blockiert, weil die von der EU mit China vereinbarte Höchstmenge für das Jahr 2005 für einige Produktkategorien nach wenigen Tagen ausgeschöpft war.

Schweizer ohne Hemden?

Dies könnte nun, gemäss einem Worstcase-Szenario, sogar dazu führen, dass Kundinnen und Kunden auch in der Schweiz vor leeren Regalen stehen. Wenn, was in China bestellt wurde, im Hafen von Rotterdam liegen bleibt, trifft dies letztlich auch die Schweiz. Europäer und Schweizer ohne Hemden und Hosen? Die EU-Kommission, allen voran EU-Handelskommissar Peter Mandelson, hat sich in eine schwierige Lage manövriert. Sogar die «Beijing News» sprechen von einer «peinlichen Situation».

Die Konkurrenz aus Asien ist mehr denn je den Europäern und Schweizern auf den Fersen. Zwar hatte die schweizerische Textilbranche im letzten Jahr erstmals seit langem wieder Aufwind ­ immerhin ein Umsatzplus von fast 2%. Aber: Nachdem die Schweizer sich hochprofessionell im Nischenplayer-Segment etabliert haben, sind die fernöstlichen Nachahmer bereits daran, auch hier Fuss zu fassen ­ etwa auf dem Gebiet der Hightech-Textilien. Darunter werden ­ unter anderen ­ hautatmungsfreundliche Stoffe verstanden. Wenn es um Nachahmerprodukte geht, haben die Chinesen die Japaner längst überrundet.

Zudem: China hat im Kleidermarkt bereits einen weltweiten Anteil von 28%. Im Urteil von Branchenexperten könnte er problemlos innert weniger Jahre auf 50% gesteigert werden. Was auch den Sinneswandel der EU erklärt, die plötzlich wieder Quoten-Regelungen anstrebte.

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Die Textilbranche in Asien boomt. Allein im 4. Quartal 2004 kamen die in dieser Region aktiven Hersteller und Lieferanten auf eine Steigerungsrate von gut 26%. Pikantes Detail am Rand: Auf der Titelseite des Jahresberichtes des Textilverbandes Schweiz, dem Branchenverband der Textil- und Bekleidungsindustrie, ist erstmals ein asiatisches Model zu sehen: Spindeldürr, hochgewachsen, mit dem gleichen Schritt wie Claudia Schiffer.

Die Textilbranche in der Schweiz hat zwar ­ umsatzmässig ­ im letzten Jahr zugelegt. Aber die immer heterogenere Struktur dieses Erwerbszweiges macht eine Analyse schwierig. Während die technischen Textilien zulegten, haben unter anderem die Stickereiexporte ­ nach wie vor ein wichtiger Imageträger ­ einen Rückschlag erlitten. Ein Phänomen: St. Galler Stickereien dominieren, wenn es um Modeschauen in aller Welt geht. Sogar das Hochzeitskleid von Prinz Charles' neuer Frau Camilla trug die Marke «Made in Saint-Gall». «Das hat sie wahrscheinlich gar nicht realisiert», relativiert Peter Anderegg, CEO von der Filtex AG, zu deren Unternehmen auch die Firma Jakob Schlaepfer gehört, welche den Stoff für dieses Kleid geliefert hat.

Daumen deutet nach unten

Obwohl Schweizer Textilunternehmen im Ausland Erfolge verzeichnen, färbt Thomas Schweizer, Direktor des Textilverbandes Schweiz, nicht schön: Wenn es darum geht, die Zukunftsaussichten zu beurteilen, würde sein Daumen in Richtung Asien auf «Hoch», in Richtung Europa und Schweiz eher nach unten deuten. Max R. Hungerbühler, Präsident von Swiss Textiles, denkt ähnlich, nicht zuletzt, weil das leidige Problem des Textilveredelungsverkehrs für die Schweiz immer noch nicht gelöst ist.

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Im Zeitalter der Liberalisierungsbemühungen ist nur schwer zu verstehen, dass Schweizer Textilien, die zur Weiterverarbeitung in den Maghreb ausgeführt und anschliessend wieder in die EU importiert werden, mit einem durchschnittlichen Zoll von 12% «bestraft» sind. Für den Warenfluss EU­Maghreb­ Schweiz gilt dies ebenso. Für schweizerische Textilproduzenten ist der Veredlungsverkehr eine wichtige Basis, um die weltweit höchsten Lohnkosten und die Auswirkungen des starken Schweizer Frankens einigermassen zu kompensieren.

Um sich von der starken weltweiten Konkurrenz abzuheben, sind die Schweizer Firmen zu immer noch wertschöpfungsintensiveren Kreationen gezwungen. Zumal die Kunden grossen Wert auf typisch schweizerische Tugenden legen: Topqualität, wenn es um Materialien geht, und Zuverlässigkeit, wenn rasche Reaktionen auf ständig wechselnde Marktbedürfnisse gefragt sind.

Das wissen Anderegg oder Hungerbühler. Ihre Unternehmen gehören ­ wie die Forster Rohner AG ­ zu den ersten Adressen, wenn Avantgardistisches gefragt ist. Hungerbühler: «Wenn wir einem Kunden in Frankreich Stickereien liefern und er diese in Tunesien verarbeiten lässt, muss er bei der Wiedereinfuhr bis zu 10 oder 15% Zoll zahlen.» Es versteht sich von selbst, dass so Schweizer Produkte schlechte Karten im Vergleich zu Konkurrenzprodukten aus Asien oder gar der EU haben.

Gemäss Thomas Isler von der Firma Gessner AG und ehemaliger Präsident des Textilverbandes Schweiz zählt nach wie vor das Know-how für sophistizierte textile Lösungen: «Ohne dieses Know-how aus der Hand zu geben, können wir mit internationalen Kooperationen erstklassige Produkte herstellen.» Damit visiert Isler nicht zuletzt die hohe Kaufkraftklasse an, die sich in China herausgebildet hat. Hier hat sich ein Markt für hochwertige Textilien entwickelt ­ nicht nur im Bekleidungsbereich, sondern auch im Heimtextilienmarkt.

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Stützpunkt in Schanghai

Kein Wunder: Der Textilverband Schweiz hat in Zusammenarbeit mit dem Gesamtverband der Deutschen Textil- und Modeindustrie und dem Fachverband der Textilindustrie Österreichs einen Stützpunkt in Schanghai eröffnet. «Damit wollen wir unseren Mitgliedfirmen die Tür zu einem interessanten Markt öffnen», sagt Isler.

Zu denen, die längst erkannt haben, wie man Kunden anzieht, die sehr viel Geld besitzen, gehört die Firma Cilander. Sie fabriziert ­ unter anderem ­ Gewebe, die das Haupt von jenen betuchten Exponenten vor der UV-Einwirkung in Ländern schützen, in denen solche Kopfbedeckungen sehr gefragt sind.


Nachgefragt: «Preisdruck ist und bleibt gross»

Karin Jung, Ressortleiterin Wirtschaft des Schweizer Textilverbandes, ist zuversichtlich, dass der Produktionsstandort Schweiz auch in Zukunft eine Chance hat ­ trotz erhöhtem Preisdruck.

Schwer verständlich: Wir gehören nicht zur Europäischen Union (EU) und sind trotzdem von ihren Marktregelungen betroffen. Markteingriffe wie zum Beispiel die Importbeschränkungen der EU betreffen in einem so stark globalisierten Markt, wie es der Textil- und Bekleidungsmarkt ist, eine ganze Reihe von Akteuren. So bekommen einerseits Schweizer Unternehmen, welche in China tätig sind, und anderseits der Schweizer Detailhandel, welcher meist über die EU beliefert wird, den Importstopp der EU zu spüren.

Angesichts des abgeschwächten weltwirtschaftlichen Aufschwungs wird sich das Konsumklima in Europa, auch was die Textilwirtschaft angeht, kaum verbessern. Sehen Sie das anders? Es wird je länger, je schwieriger, um von einer «Branchenkonjunktur» zu sprechen. Vielmehr laufen bei einigen Unternehmen die Geschäfte gut bis sehr gut, und andere haben härter zu kämpfen.

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Mit kaufkräftigen Konsumentinnen und Konsumenten in Asien können Arbeitsplätze in der Schweiz nicht erhalten werden. Wird sich die Auslagerung von Produktionsprozessen in Niedriglohnländer beschleunigen? Wenn die Rahmenbedingungen in der Schweiz stimmen, dann ist der Standort Schweiz für die Textilindustrie weiterhin eine Option.

Die demografische Entwicklung in den Industriestaaten spricht eher gegen den Standort Schweiz, wenn es um die Zukunftsperspektiven der Branche geht. Dadurch dass die Schweizer Textil- und Bekleidungsindustrie nie unter dem protektionistischen Schutz von Einfuhrquoten stand, ist der Strukturwandel unserer Industrie im Vergleich zur Situation in einigen unserer Nachbarländer viel weiter fortgeschritten. So ist der grösste Teil der Schweizer Textil- und Bekleidungsindustrie gewappnet gegen die harte Konkurrenz.

Es fällt auf, dass der Export von Textilprodukten und die Importe immer mehr auseinander klaffen. Ist die Schweiz gar nicht mehr der richtige Standort für diese Branche? Die Schweizer Textil- und Bekleidungsindustrie hat sich schon lange von der Massenproduktion verabschiedet. Die Produkte der Schweizer Firmen sind heute gefragt aufgrund ihrer Kreativität, der Topqualität, der Zuverlässigkeit der Unternehmen oder des Innovationsvorsprungs.

2004 hat sich im 2. Semester der Markt zwar belebt, der Preisdruck aber war unverändert. Wie schätzen Sie diese Situation für 2005 ein? Der Preisdruck wird sich wohl auch für das laufende Jahr kaum entschärfen. Die Konkurrenz ist und bleibt gross.


Textilindustrie: Branche leidet mit

Die Schweizer Textilwirtschaft setzt 3,7 Mio Fr. um und beschäftigt ­ Textil- und Bekleidungsindustrie zusammengerechnet ­ 16400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Diese Zahl hat sich über die vergangenen Jahre kontinuierlich verringert, nicht nur wegen der Auslagerungen ins Ausland, sondern auch, weil die Maschinenparks immer leistungsfähiger geworden sind.

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80% der in der Schweiz produzierten Ware wird exportiert. Nach wie vor gehören Deutschland, Italien und Frankreich zu den wichtigsten Abnehmerländern ­ jene Staaten, deren Industrie derzeit nicht in Topform ist.