Der 50-jährige Walter K.* ist eigentlich ein vielbeschäftigter Manager. Jetzt aber spaziert er gemütlich durch einen Tierpark. Er beobachtet in aller Ruhe die Kängurus, Lamas und Emus in den Gehegen und geniesst dazwischen die Aussicht auf die Berner Alpen. Als er einen beschaulichen Blick auf seine Uhr wirft, denkt er an das Programm, das heute noch auf ihn wartet: Kunst- und Musiktherapie, Entspannungsübungen, psychologische Gruppentherapie zwecks Stressmanagement. Walter K. ist einer von vielen Burnout-Patienten in der Privatklinik Wyss in Münchenbuchsee BE.

Erschöpfungssyndrom und Stress

Burnout gilt als psychische Reaktion auf chronischen Stress und als typische Krankheit von erschöpften Führungskräften. Doch nicht nur bei ihnen steigt die Burnout-Gefahr. «Mangelnde Wertschätzung, zu wenig Gestaltungsmög-lichkeiten, Zeitdruck und zu hohe Arbeitsbelastung führen dazu, dass sich heute fast jeder zweite Beschäftigte abends leer und ausgebrannt fühlt», erklärt Nico Gurtner, Sprecher der Privatklinik Wyss. Hinzu kommt, dass im Zeitalter der elektronischen Medien Erreichbarkeit rund um die Uhr erwartet wird. Abschalten wird so unmöglich, und die Erholung bleibt auf der Strecke. Gefährdet sind nicht etwa sogenannte Weicheier, sondern besonders leistungsbereite und -fähige Menschen, beispielsweise auch Hausfrauen oder Bauern. «Gross ist das Risiko für Männer und Frauen mit einem übermässigen Pflichtgefühl, für Perfektionisten mit hohen Erwartungen», sagt Stephan R. Trier, Ärztlicher Direktor der Privatklinik Aadorf.

«Die Betroffenen fühlen sich schlapp, lust- und antriebslos oder reagieren zynisch. Sie haben Konzentrationsstörungen, Kopf- oder Rückenschmerzen, schlafen schlecht, leiden unter Depressionen bis hin zu existenziellen Ängsten, verbunden mit Suizidgedanken», fasst Achim Haug zusammen, Ärztlicher Direktor der Privatklinik Schlössli in Oetwil am See. Diese gehört zur Clienia-Gruppe mit einer weiteren Privatklinik in Littenheid TG sowie Ambulatorien in Männedorf, Uster und Wetzikon, die sich alle auch auf Patienten mit Burnout-Syndrom fokussieren. Zum Behandlungskonzept gehören neben schulmedizinischen Ansätzen und einem speziellen Burnout-Modul auch alternative Methoden wie Phytotherapie, Akupunktur und Elemente aus der Traditionellen Chinesischen Medizin.

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Im Gespräch mit dem Patienten wird jeweils ein individuelles Set von Therapien ausgewählt, das je nach Erfolg im Behandlungsverlauf auch modifiziert werden kann. Die Möglichkeiten reichen von einer sorgfältigen körperlichen Abklärung über verschiedene Psychotherapien und Psychoedukation, Entspannungsverfahren wie autogenes Training, progressive Muskelrelaxation, Biofeedback, Massagen, Physiotherapie bis zu kreativen Angeboten und dem sorgfältigen Einsatz von pflanzlichen und schulmedizinischen Heilmitteln. «Natürlich achten wir darauf, dass der berufliche nicht durch einen therapeutischen Stress ersetzt wird», betont Haug.

Nach strengen wissenschaftlichen Kriterien hat die Privatklinik Meiringen ihr Burnout-Konzept entwickelt. «Für die Patienten gibt es eine spezifische Fachstation mit 20 Betten. In der Behandlung sind wöchentlich mehrere psychotherapeutische Einzel- und Gruppentherapien angesagt», verrät Klinikdirektor Peter Oeschger. Zu den weiteren Bausteinen gehören hier Körpertherapie, gegebenenfalls auch Psychopharmaka, Reiten und Stressmanagement. Beleuchtet wird ebenfalls der Umgang mit dem sozialen Umfeld, speziell natürlich die Arbeitsplatzsituation. Ein weiteres Ziel ist die Normalisierung des vegetativen Systems. Entspannungstechniken, Sport und Fitness sowie Elemente der Traditionellen Chinesischen Medizin runden das Programm ab.

Umgebung hilft bei der Heilung

Klar ist: Die Behandlungskonzepte sind längst kein Geheimnis mehr. Die verschiedenen spezialisierten Privatkliniken therapieren ihre Patienten nach ähnlichen Methoden. Eine weitere Gemeinsamkeit ist, dass die meisten Kliniken in einer gesundheitsfördernden Umgebung liegen. Mal ist es die alpine Natur wie in Meiringen, mal die Einbettung in Park und Hotels wie bei der Klinik Schützen in Rheinfelden oder dann eine offene und familiäre Atmosphäre wie in der Privatklinik Wyss.

Diese ist nicht etwa in einem abgeschotteten Gebäudekomplex untergebracht, sondern auf verschiedene, ins Dorf integrierte Häuser verteilt. Dennoch freut sich Walter K. nun darauf, dass er bald schon als geheilter Mensch und geläuterter Manager aus der Klinik entlassen werden kann.

 

 

NACHGEFRAGT Michael soyka, Chefarzt der Privatklinik Meiringen, Meiringen BE

nachgefragt


«Burnout ist nicht einfach eine Mode»

«Burnout ist

nicht einfach eine Mode»

Böse Zungen behaupten, bei jedem Menschen, der den Anforderungen im beruflichen und privaten Umfeld nicht mehr gewachsen ist, werde ein Burnout diagnostiziert.

Michael Soyka: Sicher gibt es Modediagnosen in meinem Fach. Der Vorteil des Begriffes Burnout ist, dass er allgemein verständlich ist, sich aber auch viele Menschen darin leicht wiederfinden können. Tatsächlich ist Burnout ursprünglich als Reaktion auf Stress innerhalb des Arbeitsumfeldes definiert worden. Begleitsymptome sind Erschöpfung, Demotivation und Zynismus, ausserdem verschiedene psychosomatische Symptome und eine verminderte Leistungsfähigkeit. Es gibt spezielle diagnostische Verfahren, um Burnout zu erfassen.

Wie kann der Betroffene selbst ein Burnout erkennen?

Soyka: Ein Burnout trifft oft Menschen, die zuvor für etwas «gebrannt» haben, besonders engagiert und leistungsfähig waren. Die emotionale Erschöpfung, das Gefühl, nicht mehr zu können und weniger effizient oder gerne zu arbeiten, Schlafstörungen oder andere vegetative Symptome sowie Demotiviertheit sind die Warnsymptome.

Wie lässt sich der Schwere- grad eines Burnouts festlegen?

Soyka: Die Frage, ob eine stationäre Therapie notwendig ist oder nicht, hängt vom Ausmass der psychischen und psychosomatischen Störungen ab. In vielen Fällen ist die Notwendigkeit, das bisherige persönliche und berufliche Umfeld zu verlassen, sich eine Auszeit zu gönnen, auch räumlich Abstand von dem zu bekommen, was einen krank gemacht hat, ausschlaggebend für eine stationäre Behandlung. Auch die Intensität der Behandlung ist im stationären Rahmen naturgemäss viel dichter als im ambulanten Bereich.

Wie lange dauert der Heilungsprozess bei einem schweren Burnout?

Soyka: Das ist unterschiedlich. Die Nachuntersuchungen zeigen aber, dass bei kompetenter Behandlung die Prognose in den meisten Fällen gut ist. Viele der Betroffenen sind später wieder arbeits- und leistungsfähig. Ganz wichtig ist eine gute Nachsorge.

Zurück an die Arbeit bedeutet häufig zurück in den Teufelskreis, der das Burnout verursacht hat.

Soyka: Wichtig ist eine gute Work-Life-Balance. Die Stressbelastungen müssen dauerhaft reduziert werden. Man braucht im persönlichen, aber auch körperlichen Bereich einen Ausgleich sowie andere Interessen. Nicht immer ist die Rückkehr an den Arbeitsplatz wünschenswert. Häufig ergeben sich während des stationären Aufenthaltes Möglichkeiten, den Arbeitsplatz und die beruflichen Anforderungen anders zu strukturieren.

Michael Soyka, Chefarzt der Privatklinik Meiringen, zu Behandlung von Burnout.

Böse Zungen behaupten, bei jedem Menschen, der den Anforderungen im beruflichen und privaten Umfeld nicht mehr gewachsen ist, werde ein Burnout diagnostiziert.

Michael Soyka: Sicher gibt es Modediagnosen in meinem Fach. Der Vorteil des Begriffes Burnout ist, dass er allgemein verständlich ist, sich aber auch viele Menschen darin leicht wiederfinden können. Tatsächlich ist Burnout ursprünglich als Reaktion auf Stress innerhalb des Arbeitsumfeldes definiert worden. Begleitsymptome sind Erschöpfung, Demotivation und Zynismus, ausserdem verschiedene psychosomatische Symptome und eine verminderte Leistungsfähigkeit. Es gibt spezielle diagnostische Verfahren, um Burnout zu erfassen.

Wie kann der Betroffene selbst ein Burnout erkennen?

Soyka: Ein Burnout trifft oft Menschen, die zuvor für etwas «gebrannt» haben, besonders engagiert und leistungsfähig waren. Die emotionale Erschöpfung, das Gefühl, nicht mehr zu können und weniger effizient oder gerne zu arbeiten, Schlafstörungen oder andere vegetative Symptome sowie Demotiviertheit sind die Warnsymptome.

Wie lässt sich der Schweregrad eines Burnouts festlegen?

Soyka: Die Frage, ob eine stationäre Therapie notwendig ist oder nicht, hängt vom Ausmass der psychischen und psychosomatischen Störungen ab. In vielen Fällen ist die Notwendigkeit, das bisherige persönliche und berufliche Umfeld zu verlassen, sich eine Auszeit zu gönnen, auch räumlich Abstand von dem zu bekommen, was einen krank gemacht hat, ausschlaggebend für eine stationäre Behandlung. Auch die Intensität der Behandlung ist im stationären Rahmen naturgemäss viel dichter als im ambulanten Bereich.

Wie lange dauert der Heilungsprozess bei einem schweren Burnout?

Soyka: Das ist unterschiedlich. Die Nachuntersuchungen zeigen aber, dass bei kompetenter Behandlung die Prognose in den meisten Fällen gut ist. Viele der Betroffenen sind später wieder arbeits- und leistungsfähig. Ganz wichtig ist eine gute Nachsorge.

Zurück an die Arbeit bedeutet häufig zurück in den Teufelskreis, der das Burnout verursacht hat.

Soyka: Wichtig ist eine gute «Work-Life-Balance». Die Stressbelastungen müssen dauerhaft reduziert werden. Man braucht im persönlichen, aber auch körperlichen Bereich einen Ausgleich sowie andere Interessen. Nicht immer ist die Rückkehr an den Arbeitsplatz wünschenswert. Häufig ergeben sich während des stationären Aufenthaltes Möglichkeiten, den Arbeitsplatz und die beruflichen Anforderungen anders zu strukturieren.