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Credit Suisse
Thiams Zitterpartie gegenüber den Saudis: Die Hintergründe

Thiam
CS-Chef Tidjane Thiam gibt dem saudischen Kronprinz Mohammed bin Salman eine Absage.Quelle: Montage: Handelszeitung

Credit Suisse-Chef Tidjane Thiam fährt nicht nach Riad. Mit seiner Absage an Saudi-Arabiens Machthaber beginnen die Probleme erst.

Von Stefan Barmettler
am 18.10.2018

Er hatte lange an eine einvernehmliche Lösung geglaubt. Mehrmals hat Credit Suisse-Chef Tidjane Thiam in den letzten Tagen nach Riad gekabelt und versucht, die Organisatoren der Future Investment Initative (FII) zum Verschieben ihrer Jahreskonferenz zu bewegen. Ende Oktober, genauer in einer Woche, eine Investoren-Gipfel in Saudi Arabien abhalten - mitten in einer Krise, welche die Ermordung des Journalisten Jamal Khashoggi ausgelöst hat; mitten in einer Krise auch, deren Folgen in Saudi Arabien noch gar nicht abzuschätzen sind.

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Thiam biss gemäss Recherchen zufolge mit seinem Verschiebungsplan bei den Organisatoren auf Granit. Am Datum, 23. Okober, wollen die Saudis trotz weltweiter Empörung und dem Fernbleiben von hochkarätigen Chefs von Westfirmen festhalten.

Für Thiam steht viel auf dem Spiel

Nach dem Nein zu seinem Plan zog Thiam am Dienstag die Konsequenzen und sagte seine Teilnahme an der FII ab. Thiam war nicht der einzige Top-Banker, der die Terminierung angesichts der gravierenden Vorwürfe an Saudi Arabiens Machthaber für mehr als unpässlich hielt. Stunden zuvor hatte das prominente Wall Street-Trio Larry Fink (Blackrock), Stephen Schwarzman (Blackstone) und Jamie Dimon (J.P. Morgan Chase) gemeinsam zum Rückzug geblasen. Sie hatten am Montag den Saudis ein Ultimatum gestellt: Entweder ihr verschiebt die Konferenz - oder wir verzichten.

Für Thiam ist das Streichen der Teilnahme besonders brisant. Denn für ihn und die Bank stehen viel auf dem Spiel. Anfang Jahr war er persönlich nach Riad geflogen, um bei der Saudi Arabian Monetary Authority (SAMA) - sie ist Notenbank und Finanzmarktaufsicht - die Bewerbungsunterlagen für eine volle Banklizenz einzureichen. Derzeit ist die Credit Suisse bloss mit einer beschränkten Lizenz der Saudischen Capital Market Authority (CMA) ausgestattet; mit einer Lizenz der SAMA, der obersten Behörde im Land, kann die Bank ihren vollen Service inklusive Onshore-Wealth Management anbieten.

Mohamed Alabbar (L), Emaar Properties Chairman, gestures during the Future Investment Initiative conference in Riyadh, Saudi Arabia October 24, 2017. REUTERS/Hamad I Mohammed - RC1696D81DE0
FII-Konferenz (im Jahr 2017): Damals sass CS-Chef Thiam noch auf dem Podium
Quelle: Reuters

Langwieriger Prozess bis zur Banklizenz
Bislang ist noch keine Schweizer Bank im Besitz dieser umfassenden Banklizenz - auch UBS oder Bank Bär nicht. In den erlauchten Kreis gehören bloss eine Handvoll Banken, darunter Deutsche Bank, BNP Paribas, Bank of Tokyo, State Bank of India und J.P. Morgan Chase.

Die Voll-Lizenz ist Teil der Wachstumsstrategie von Thiam und Iqbal Khan, dem Chef der internationalen Wealth Management. Bereits vor zwei Jahren hatte Khan angekündigt, man strebe SAMA-Bankenlizenz an. Nun fällt Thiams Absage ausgerechnet in den langwierigen und politisch sensiblen Bewilligungsprozess.

«Langfristig sind wir für die Region bullish», wurde CS-Mann Khan damals in der «Gulf Times» zitiert. Seither hat die Bank in Saudi Arabien im grossen Stil Vermögensverwalter angeworben. Dieser teure Personalausbau wird bei der Credit Suisse derzeit unter dem Posten Vorinvestitionen verbucht.

Was für zusätzlichen Rückenwind sorgt: Die Grossbank ist vor Ort bestens verdrahtet. Zum einen hat man mit der Olayan Group einen schwerreichen Clan im Aktionariat. Die liberalen Olayans sind seit 1988 an Bord. Rainer E. Gut, der damalige Chef und heutige CS-Ehrenpräsident, hatte sie ins Boot geholt, um Finanzierungsprobleme in den USA zu beheben.

Noch heute sind die Saudis mit knapp 5 Prozent Aktienanteil - hinter den Staatsfonds von Katars und Norwegen - einflussreiche Investoren der Credit Suisse. Mit Lubna Olayan, der Tochter des Firmengründers, ist die Bankenspitze in regem Ausstausch.

Mohammed bin Salmans Geschäftsinteressen 
Weiter sitzt mit Huda Al Ghoson die mächtigste Frau Saudi Arabiens im Verwaltungsrat der regionalen Credit Suisse Saudi Arabia (CSSA). Al Ghoson ist im Hauptamt oberste Personal-Chefin beim saudischen Ölkonzern Aramco, der wiederum von Machhaber Mohammed bin Salman kontrolliert wird. Im weiteren ist die Grossbank Sponsor der Future Investment Initiative und Thiam einer der handverlesenen Mitglieder des Advisory Board der Initiative.

Thiams Absage ist ein Hochseilakt. Denn die FII ist Chefsache. Treibende Kraft der Investoren-Konferenz ist Mohammed bin Salman persönlich. Der 33 jährige schickt sich an, die ganz aufs Erdöl ausgerichtete Volkswirtschaft zu diversifizieren und mit traumhaften Investment-Plänen ausländische Investoren anzulocken.

Begleitet werden die Geschäftsinteressen durch Liberalisierungsschrittchen wie der Fahrerlaubnis für Frauen, welche im Westen das Bild einer auf Modernisierung bedachten Regierung vermitteln soll. Mit dem Verschwinden und der Ermordung von Khashoggi im Saudischen Konsulat von Istanbul aber ist die millionenteure PR-Offensive aufs schwerste beschädigt.

Aber auch im Inland hat Mohammed bin Salman seine Feinde, nachdem er Dutzende von Clan-Mitgliedern wochenlang im Hotel Ritz Carlton in Riad festhielt und ihnen unter Drohungen geschätzte 300 Milliarden Franken abpresste.

Citibank bemühte sich Jahre
Wer wie die Credit Suisse in Saudi Arabien im grossen Stil geschäften will, bewegt sich auf glitschigem Territorium. Das haben auch die Chefs der Citibank erfahren. Nach 9/11, als ein Dutzend Saudische Staatsbürger Terroranschläge gegen die USA ausführten, zog sich die Grossbank aus einem Joint Venture mit Saudi Arabien zurück. Dieser Entscheid ging in Riad nicht vergessen: Über Jahre bemühen sich die Amerikaner um eine Banklizenz - vergeblich.

Erst letztes Jahr schliesslich erhielten sie das Ok für eine - beschränkte - Lizenz.