«Es ist ein Tabuthema, die angestrebte Gleichwertigkeit von Bildungsabschlüssen an Universitäten und Fachhochschulen infrage zu stellen», klagt Thomas Held, der selber kein Blatt vor den Mund nimmt.

«Bachelor ist nicht gleich Bachelor», sagt der Direktor des nationalen Think Tanks Avenir Suisse. Trotzdem werde heute vorgegaukelt, alle Bildungsinstitu-tionen – egal ob ETH, Unis oder Fachhochschulen – wären gleich, und die Abschlüsse würden einander entsprechen. «In Amerika haben alle Colleges nominell den gleichen Abschluss. Trotzdem gibt es grosse Niveau-Unterschiede zwischen den einzelnen Schulen. Dort steht man aber dazu», sagt Held und fordert denselben Mut für die Schweiz. Denn die Finanzierung über das Giesskannenprinzip funktioniere nicht.

Heute zählt die Eidgenossenschaft im internationalen Vergleich zu den Ländern mit einem hohen bis sehr hohen Ausgabenniveau in der Bildungspolitik. Pro Schüler und Studierenden von der Primar- bis zur Tertiärstufe gab die Schweiz 2003 umgerechnet 12000 Dollar aus. Damit nimmt das Land innerhalb der OECD den 1. Rang ein.

Renommierte Wissenschaftler

Seit 1990 sind die Bildungsausgaben in der Schweiz um gut 10 Mrd Fr. auf heute 26 Mrd Fr. angewachsen. Allein auf der Tertiär-stufe – also bei der höheren Berufsbildung und den universitären Hochschulen – sind die Investitionen von 3,4 auf 6,6 Mrd Fr. geklettert. Dies entspricht 1,3% des Bruttoinlandproduktes.
Gemessen an den Forschungsleistungen ist die Schweiz heute gut positioniert. Bei der Anzahl Publikationen pro 1000 Einwohner belegt sie weltweit den 3. Rang. Darüber hinaus stossen die Schweizer Forschungsergebnisse auch auf grosses Echo: Beim Rezeptionserfolg der Publikationen in den Bereichen Ingenieurwissenschaften, Physik, Chemie und Life Sciences belegen die Schweizer Wissenschaftler die ersten beiden Ränge. Trotzdem kämpft die Eidgenossenschaft damit, auch weiter an der internationalen Forschungsspitze mithalten zu können.
Held erachtet deshalb langfris-tig die Differenzierung der Schweizer Hochschulen als zentral. Mit anderen Worten: Nicht alle Hochschulen dürfen den Anspruch erheben wollen, zu den besten zu gehören. Denn dafür reicht trotz steigender Bildungsausgaben das Geld nicht.
Der Avenir-Suisse-Bericht «Hochschule Schweiz» skizziert, dass sich ein oder zwei, allenfalls auch drei Hochschulen explizit in der globalen Elite behaupten können und entsprechend ausgestattet werden sollten. Daneben soll sich ein breiteres Feld im europäischen Wettbewerb messen. Nationale Hochschulen sollen die Studenten primär mit Bachelor-Abschlüssen auf die Tätigkeiten im Inland vorbereiten.
«Damit sich Hochschulen auf diese Weise profilieren können, müssen sie aber auch ihre Studierenden auswählen können», so Held. Genau das ist aber verpönt. Kantonale und eidgenössische Maturitäten berechtigen zum uneingeschränkten Zutritt zu allen Hochschulen. Wer eine Berufsmaturität besitzt, darf sich prüfungsfrei an den Fachhochschulen immatrikulieren. «Das widerspricht jeglichem Effizienzgedanken. Kein Unternehmen würde ohne eingehende Prüfung Mitarbeiter anstellen, in sie investieren und nach einem Jahr schauen, wer noch da ist», findet der promovierte Sozialwissenschaftler. Er befürwortet deshalb Eintritts-Assessments für Studienbeginner. Diese Tests sollen neben den Schulnoten auch Persönlichkeitsfaktoren sowie ausserberufliche Aktivitäten berücksichtigen. «Damit würde die Chancengleichheit nicht geschmälert. Jeder kann weiterhin studieren», so Held. Nur nicht mehr überall.
Im Zusammenhang mit den Selektionsmöglichkeiten stellt sich auch die Finanzierungsfrage. «Hochschulen müssen nicht profitabel sein», so Held, «aber die Vergabe öffentlicher Mittel sollte stärker outputorientiert sein. Zudem müsste die Finanzierung über Studiengebühren verstärkt werden.»
Als mögliche Zuteilungskriterien für Staatsgelder nennt der Avenir-Suisse-Mann die Anzahl erfolgreicher Abschlüsse, die Durchschnittsnoten oder die Erfolgsquote von Absolventen auf dem Arbeits-markt. «Wichtig dabei ist die Vergleichbarkeit der einzelnen Hochschulen anhand von öffentlichen oder gar staatlich unterstützten Rankings und nationalen Tests», betont Held.
Um die Chancengleichheit für die Studenten weiterhin zu gewährleisten, wird der Avenir-Suisse-Studie «Neue Wege zur Hochschulfinanzierung» die Einführung von staatlich garantierten Studentenkrediten vorgeschlagen.

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Differenzierung als Hilfe

Die Institutionen bekämen aufgrund eines solchen Finanzierungsmodells einen anderen Charakter: «Sie würden sich mehr um die Studenten kümmern und wären stärker dafür besorgt, dass diese in den Institutionen verbleiben», glaubt Held. Fazit: Die Qualität würde steigen. Und die stärkere Differenzierung würde der Schweiz helfen, sich als Bildungsexportland zu positionieren sowie vermehrt ausländische Studierende anzulocken.

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Serie: Reformdebatte (7) – Thomas Held

Bereits erschienen sind die Reformideen von Walter Wittmann, emeritierter Professor der Uni Freiburg («Handelszeitung» Nr. 27), George Sheldon, Professor der Uni Basel (Nr. 28), Heinrich Brändli, emeritierter Professor der ETH Zürich (Nr. 29), Glücksforscher Bruno S. Frey (Nr. 30), Heidi Schelbert, emeritierte Professorin für Volkswirtschaftslehre (Nr. 31), und Bernd Schips, emeritierter Professor der ETH Zürich (Nr. 32). Nächste Woche erscheinen die Reformideen von Robert Nef, Leiter des Liberalen Instituts in Zürich.

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Fakten: Zur Person

Thomas Held
Er ist seit 2001 Direktor von Avenir Suisse. Der promovierte Sozialwissenschaftler forschte und lehrte unter anderem in Zürich und Stanford. 1992 bis 2000 realisierte er mit einem Geschäftsführungsmandat das Kultur- und Kongresszentrum Luzern (KKL). Avenir Suisse beschäftigt sich unter anderem mit Hochschulpolitik, etwa in der Studie «Neue Wege zur Hochschulfinanzierung».

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Hochschulpolitik

Die Probleme
Die Schweiz gibt pro Student im internationalen Vergleich überdurchschnittlich viel Geld aus. Trotzdem muss der Staat grosse Anstrengungen unternehmen, um mit der internationalen Forschungsspitze mitzuhalten.

Helds Lösungen

• Eingeständnis von Niveauunterschieden bei den Hochschulen;
gezielte Förderung der Hochschulen, die mit der internatio-nalen Spitze mithalten sollen;

• Einführung eines Selektionsverfahrens für Studienanfänger;

• outputorientierte Vergabe öffentlicher Mittel an Hochschulen;

• Autonomie für Hochschulen bei Festlegung der Studiengebühren;

• Einführung von schweizweiten Rankings und nationalen
Tests.