Nach den Jahrhunderttemperaturen in Russland, überfluteten Landstrichen in Pakistan und abbrechenden Eismassen von Grönland liegt es auf der Hand: Diese Ereignisse sind auf den vom Menschen verursachten Klimawandel zurückzuführen. Zu beweisen, dass es sich bei den jüngsten Naturkatastrophen um eine eindeutige Folge der Erderwärmung handelt, ist allerdings schwierig. Doch decken sich diese klimatischen Phänomene mit den Erwartungen der Klimaforscher - extreme Temperatur- sowie Niederschlagsschwankungen. Dazu kommen Natur- und Gesundheitsschäden, die durch das Fördern und Transportieren fossiler Brennstoffe entstehen. Diese Schäden gehen von verseuchten Seen in Venezuela, teilzerstörten Flussmündungen in Nigeria, verwüsteten Landstrichen in Kanada und verrusster sowie verschwefelten Städten in China bis hin zur jüngsten Verschmutzung im Golf von Mexiko und vor der Küste Chinas.

Extremrisiken berücksichtigen

Wir können nicht davon ausgehen, dass der Preis für Erdöl, Erdgas und Kohle all diese Kosten reflektiert. Dies, obwohl in den entwickelten Ländern rund 70% des Endpreises bei Benzin und Diesel als Steuer in die Taschen des Staates fliessen. Kohle sowie der Verbrauch von Diesel werden in einigen Ländern gar subventioniert. Auch der Bohrunfall vor der US-Küste wirft die Frage auf, ob die Risiken im Energiesektor bis anhin adäquat abgegolten wurden. Angesichts extremer Risiken, auch wenn deren Eintretenswahrscheinlichkeit nur sehr klein ist, müssten deutlich höhere Kapitalrenditen verlangt werden, als bis anhin angenommen. Diese Überlegung greift auch bei Kernkraftwerkbetreibern. Generell tun sich die Finanzmärkte schwer damit, adäquate Risikoprämien einzufordern, was im Charakter des Schadenfalls und der Natur des Menschen begründet ist.

Anhaltender Energiehunger

Fehlende Risikoprämien bei den Energiepreisen verursachen eine zu starke Nachfrage nach fossilen Energieträgern und in gewisser Weise eine Subventionierung des Wachstums, speziell von Schwellenländern, da diese stärker wachsen als die übrige Welt. Getrieben durch die Nachfrage der Schwellenländer erreicht der Rohölkonsum fast wieder die Höchststände aus der Zeit vor der Finanzkrise - bei 87 Mio Barrels pro Tag (mbpd), und die strukturell steigende Nachfrage ist ungebrochen. Das zeigt sich an einem einfachen Beispiel. Der asiatisch-pazifische Raum (APAC) zählt sieben Mal mehr Bewohnerinnen und Bewohner als Nordamerika, doch liegt der Rohölkonsum nur leicht höher als jener in Nordamerika.

Anzeige

Das starke strukturelle Wirtschaftswachstum der Schwellenländer wirkt sich stark auf die Zusatznachfrage aus. Allein in China dürfte der jährliche Rohölkonsum über 0,7 mbpd zulegen und damit mehr als 40% zur globalen Zusatznachfrage beitragen. Ohne markant höhere Energiepreise ist es daher eine Illusion zu glauben, dass dieser Energiehunger abflachen und die Energieintensität stark abfallen wird. Aus Indien wird unausweichlich ein neuer Nachfrageschub kommen, denn das Land konsumiert gegenwärtig nur 4,2% der Weltenergie. In fünf bis zehn Jahren wird das Pro-Kopf-Einkommen in Indien und anderen APAC-Staaten markant höher liegen als heute. In gewissen Fällen werden dann die Durchschnittseinkommen die 10-Dollar-Marke pro Tag überschreiten, was sich in einem verstärkten Verbrauch von Energie bemerkbar machen dürfte.

Steigender Energiekonsum

Effizienterer Treibstoffverbrauch, bessere Wärmedämmung und ein umweltfreundlicher Strommix werden in den nächsten fünf Jahren die steigenden Nachfragevolumen nach fossilen Energieträgern nicht kompensieren können. Für die nächsten fünf Jahre erwarten wir einen Anstieg des jährlichen Energiekonsums um 2,5 bis 3%. Entsprechend dürfte auch der Ausstoss von CO2 zunehmen. Schätzungen der Internationalen Energie-Agentur (IEA), dass der Ausstoss in den nächsten 40 Jahren um 40 bis 50% steigen wird, sind realistisch. Falls dies zutrifft, würde der Preis als Instrument zur Sicherung von Nachhaltigkeit versagt haben. Wegen eines zu tiefen Preises würden zu viele Leute Energie konsumieren. Bei höheren Preisen, welche die Nachhaltigkeit begünstigen würden, müssten Transferzahlungen die Verteilungsgerechtigkeit sicherstellen. Die erneuerbaren Energien bewegen sich auf einem noch sehr tiefen Niveau. Auch ein 50%iger Anstieg pro Jahr im Bereich Wind und Solar würde die Situation in Bezug auf den Verbrauch von fossilen Energien in den nächsten drei bis fünf Jahren nicht signifikant beeinflussen. Daher muss die Anpassung des globalen Energieverbrauchs zwingend über höhere Energiepreise zustande kommen.

Anzeige