Vordergründig sieht alles noch gut aus: Nach der von der Schweizerischen Nationalbank (SNB) vergangene Woche veröffentlichten Statistik haben ausländische Unternehmen noch nie so viel in der Schweiz direktinvestiert wie im Jahr 2007. Die Kapitalimporte stiegen innert eines Jahres um 52,9% von 38,7 Mrd auf 59 Mrd Fr. Die Erträge aus Direktinvestitionen verdoppelten sich von 28 auf 53 Mrd Fr. Angesichts dieser Zahlen kommt Peter Baumgartner, Direktor des Verbands der Industrie- und Dienstleistungskonzerne der Schweiz (Swissholdings), zum Schluss: «Die Fakten sind eindeutig. Unser Land ist ein beliebter Investitionsstandort.»

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Doch wie lange noch? Auch wenn ausländische Unternehmen, für die ein stabiles Umfeld von vorrangiger Bedeutung ist, «die wirtschaftliche Robustheit und die Widerstandskraft der Schweiz jetzt noch hoch einschätzen», sei eine gewisse Verunsicherung spürbar, meint Baumgartner.

Klare Botschaft nötig

Diesen Eindruck bestätigt der Solothurner Finanzdirektor Christian Wanner. Der Präsident der Konferenz der kantonalen Finanzdirektoren (KdK) glaubt, dass der labile Zustand im Steuerstreit zwischen der EU und der Schweiz verunsichern könne. Seiner Ansicht nach braucht es mehr denn je die klare Botschaft: «Wir unterziehen uns keinem Diktat der EU.» Eine solche Botschaft gebe investitionswilligen Unternehmen Rechtssicherheit für einen Planungshorizont von fünf bis zehn Jahren, ist Wanner überzeugt.

Kenner des Direktinvestitionsbereichs, wie der Direktor von Swissholdings oder Martin Naville, CEO der Swiss-American Chamber of Commerce (Amcham), teilen die Ansicht Wanners, wonach Rechtssicherheit einer der stärksten Trümpfe der Schweiz im globalen Standortwettbewerb ist.

Dazu gehört nach Auffassung eines steuerpolitischen Vordenkers aus der Wirtschaft, der nicht namentlich genannt sein will, dass die Schweiz ihrerseits die internationalen Spielregeln einhält. Für sie sei es enorm wichtig, dass ihr Steuersystem weltweit anerkannt werde. Denn nur so lasse sich verhindern, dass die Schweiz immer wieder auf schwarzen Listen der OECD oder der EU erscheine. Der Experte: «Für den Investitionsstandort Schweiz ist das nicht gut.»

Deshalb sei es nötig, dass man sich im Bereich der Bemessungsgrundlagen schrittweise dem Ausland angleiche, während man bei den Gewinnsteuersätzen alles unternehmen müsse, um konkurrenzfähig zu bleiben.

Mit andern Worten: Je mehr die Schweiz versucht, durch eigene Steuerreformen die zum Beispiel von der EU kritisierte steuerliche Ungleichbehandlung in- und ausländischer Erträge bei Holding-, gemischten und Verwaltungsgesellschaften zu beseitigen, desto stärker wird der Druck, andere steuerliche Hindernisse zu beseitigen und die Unternehmenssteuern zu senken. Deshalb will der Bundesrat die Stempelabgabe abschaffen, die sich zunehmend als Investitionshemmer und Standortnachteil für die Schweiz erweist. Zudem sollen auch konzerninterne Transaktionen von Steuern befreit werden. Gleichzeitig sollen die Kantone auf die Kapitalgewinnsteuern verzichten können.

Die Wirtschaft lobt diese Massnahmen als «richtigen Schritt zur Steigerung der Standortattraktivität», wie es in einer Stellungnahme des Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse heisst. Bei Swissholdings stehen sie zuoberst auf der Liste der internationalen Trends in der Konzernbesteuerung. Doch man will mehr - die Senkung der Gewinnsteuersätze.

Wichtig für die Shortlist

«Für ein Land wie die Schweiz, das keinen so grossen Binnenmarkt wie die USA oder Deutschland zu bieten hat, sind Steuern immer ein sehr wichtiger Standortfaktor», sagt Christoph Schalt-egger, Fachmann für Steuerfragen bei Economiesuisse. Deshalb müsse die Schweiz in diesem Bereich immer etwas bieten können, was sie von der Konkurrenz abhebe. «Den Gewinnsteuersätzen kommt dabei eine Signalfunktion zu.»

Entscheidend sei das in der Frühphase von Investitionen, sagt Amcham-CEO Naville: «Beim Zusammenstellen der Shortlist der fünf Länder, die für eine Ansiedelung in Frage kommen, spielt die steuerliche Belastung eine entscheidende Rolle.» Sei man einmal drauf, so seien dann andere Faktoren wichtiger, so zum Beispiel die Nähe zu Flughäfen und Universitäten, die vorhandenen Clusters, Bildungs- und Kulturangebot sowie Lebensqualität. Naville: «Wäre es nur nach den Steuern gegangen, hätte der US-Nahrungsmittelkonzern Kraft sein Headquarter im Kanton Obwalden errichten müssen, nicht in Zürich.»

Kantone leisten Widerstand

Niedrigere Gewinnsteuersätze: Was einfach klingt, lässt sich innenpolitisch jedoch nicht so leicht umsetzen. Denn die Finanzdirektoren haben Bundesrat Hans-Rudolf Merz bereits klar gemacht, dass weitere substanzielle Steuersenkungen für die Kantone untragbar wären. FdK-Präsident Wanner zur «Handelszeitung»: «Bei einer Lösung, die nur auf eine Senkung der Unternehmensgewinnsteuern hinausläuft, machen wir nicht mit. Wir sind bereit, über Lösungen nachzudenken. Aber es braucht einen Vorschlag, der politisch mehrheitsfähig ist. Doch hier zeichnet sich noch nichts ab.»