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Tornos: Schwaches Drehmoment

Tornos: Schwaches Drehmoment
Tornos in Moutier: Hohe Kosten belasten.

Der starke Franken und ein Führungswechsel belasten den Maschinenhersteller Tornos. Die Hektik ist gross am Hauptsitz in Moutier.

Von Pirmin Schilliger
2011-08-17

Die Belegschaft der Tornos-Fabrik in Moutier leistet Präzisionsarbeit in bester Schweizer Tradition. Sie fertigen ultramoderne Drehbänke, die später millimeterkleine Aufziehrädchen, Zahnräder, Federn, Schrauben, Ventile oder auch Kugelgelenke automatisch herstellen können. Die tonnenschweren Maschinen sind weltweit gefragt – in der Automobil- und Uhrenindustrie, aber auch in der Medizinal- und der Elektrotechnik.

Es läuft richtig gut im Berner Jura. Im 1. Halbjahr verdoppelte Tornos den Umsatz auf 143 Millionen Franken. Und nach dem Verlust von 2010 resultierte ein Reingewinn von 5 Millionen Franken. Für 2011 rechnet Verwaltungsratspräsident François Frôté gar mit Verkäufen von 250 bis 280 Millionen und einem knapp zweistelligen Überschuss. Die Hoffnung keimte auf, dass Tornos nach drei mageren Jahren zurück auf dem Erfolgspfad ist und dass endlich wieder ein paar fette Jahre bevorstehen. Tornos könnte sie brauchen.

Doch nun sorgen die Verschuldungskrise, der drohende Konjunkturabschwung und der starke Franken beim Drehautomatenhersteller für Hektik. Anfang August musste Firmenchef Philippe Jacot sein Pult Knall auf Fall räumen – nach nur einem halben Jahr im Amt. «Der Kontakt mit Herrn Jacot war nicht optimal. Und wir konnten uns bezüglich Strategie nicht einigen», sagt Präsident Frôté.

Synergien? Fehlanzeige

Bei Tornos stellen sich derzeit viele strategische Fragen. Das Unternehmen verkauft drei Fünftel seiner Drehautomaten in die Euro-Länder und in die USA. Vier Fünftel der Kosten fallen aber in Franken an. Da wird die Produktion am Hauptsitz in Moutier und in La Chaux-de-Fonds zum Thema. Am Standort Schweiz wie auch an der starken Abhängigkeit von ­europäischen Abnehmern lässt sich laut Frôté kurz- bis mittelfristig aber kaum ­etwas ändern. Mit schmerzhaften Folgen. Statt bei den angepeilten 40 Prozent lag die Bruttomarge im 1. Halbjahr bei bloss 33 Prozent.

Dieses Problem muss ­Michael Hauser lösen, der am 1. September das Steuer bei Tornos übernimmt. Er gilt als erfahrener Manager. Zuletzt leitete der 50-Jährige GF Agie Charmilles. Der deutsch-schweizerische Doppelbürger ist in der Maschinenindustrie tief verwurzelt. So präsidiert er die Fachgruppe Werkzeugmaschinen bei Swissmem sowie ­Cecimo, den europäischen Dachverband der Werkzeugmaschinenhersteller. «In der obersten Führungsposition eines Unternehmens muss sich Hauser aber zuerst noch bewähren», gibt ein Branchenkenner zu bedenken.

Die Fäden bei der Rekrutierung des neuen Tornos-Lenkers liefen vermutlich über Frank Brinken. Der Chef von Starrag-Heckert kennt Hauser von Cecimo. Bei Tornos sitzt Brinken seit April 2011 im Verwaltungsrat. Er vertritt dort seinen Chef Walter Fust. Dieser hat vor Monaten sein Tornos-Paket von 5 auf 15 Prozent aufgestockt und ist nun grösster Aktionär. Weil Fust auch Mehrheitsaktionär von Starrag-Heckert ist, brodelt seither die Gerüchteküche. Verwaltungsratspräsident Frôté begrüsst das Engagement von Fust bei Tornos, allfällige Synergien habe man bereits geprüft. «Mit dem Resultat, dass die Möglichkeiten einer operationellen Zusammenarbeit nicht sehr gross sind.»

Vorteile im Asiengeschäft

Für Branchenbeobachter ist klar, dass eine Fusion der beiden Firmen keine industrielle Logik hätte. Vontobel-Analyst Fabian Häcki etwa spricht von unterschiedlichen Kulturen. «Starrag-Heckert produziert auf riesigen Maschinen komplexe Strukturteile, zum Beispiel für die Luft- und Raumfahrt. Tornos hingegen fertigt Maschinen für mikrotechnische Elemente.» Profitieren könnte Tornos ­allenfalls davon, dass Starrag-Heckert auf den asiatischen Märkten bereits viel stärker Fuss gefasst hat, mutmasst er.

Konkretisiert hat sich die Zusammenarbeit hingegen in einem anderen Fall. Tornos liefert der japanischen Tsugami – ursprünglich ein Konkurrent – bestimmte Schlüsselkomponenten und vertreibt in gewissen Märkten deren Maschinen. Die Japaner ihrerseits fertigen einfachere Komponenten für Tornos. Die operationelle Allianz wird finanziell untermauert, indem Tsugami 10 Prozent der Tornos-Aktien hält. «Die beiden Firmen ergänzen sich bezüglich Produkten und geografischer Verteilung sehr gut», meint ZKB-Analyst Michael Inauen.

Noch sind die Chancen intakt, dass 2011 für Tornos gut endet. Wer allerdings wissen möchte, mit welcher Strategie die heftigen Konjunkturzyklen künftig besser abgefedert werden sollen, muss sich gedulden. Die Information vom 25. Oktober, bei der der neue Businessplan für 2012 bis 2016 hätte vorgestellt werden sollen, ist aufs nächste Jahr verschoben worden. Frôté: «Wir wollen dem neuen Chef die Möglichkeit geben, sich einzuarbeiten und seine strategischen Ideen einzubringen, bevor wir informieren.»

 

Bewegte Geschichte: Am Konkurs vorbeigeschlittert

Mehr als 100 Jahre 1880 wurden in Moutier BE die ersten Maschinen zur Produktion von Kleinteilen hergestellt. In den 1960er- und 1970er-Jahren fusionierten die drei lokalen Firmen Tornos, Bechler und Petermann. Die Drehautomaten wurden zu hochtechnischen Maschinen weiterentwickelt und erfolgreich auf dem Weltmarkt etabliert.

Engpass bei Liquidität Im Soge des Internet- Hypes wagte Tornos im März 2001 den Börsengang. Nach dem Platzen der Börsenblase und den Anschlägen vom 11. September halbierte sich der Umsatz innerhalb eines Jahres auf 181 Millionen Franken. Im 1. Quartal 2002 fand sich das Unternehmen in einem Liquiditätsengpass. Das Wort Konkurs ging in Moutier um.

Neue Crew Die Führung wurde in der Folge ausgewechselt. Mit Unterstützung der Banken wurde Tornos restrukturiert. Der harten Sanierung fielen Hunderte von Stellen zum Opfer. Fünf Jahre lang, von 2004 bis 2008, waren die Zahlen dann schwarz. Die Finanzkrise traf Tornos 2009 wiederum hart. Um erneute Entlassungen kam man nicht herum. Auch 2010 schrieb Tornos rot.

Abhängig von Europa Tornos macht 58 Prozent seines Umsatzes in Europa und 20 Prozent in der Schweiz. Die härtesten Konkurrenten auf dem Weltmarkt sind die deutsche Index und japanische Hersteller wie Citizen und Star. Bedeutende Player sind auch die deutschen Gildemeister und Schütte.

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