Stopp, sichern, Experiment misslungen! Nach elf Jahren muss der deutsche Reiseveranstalter FTI Frosch Touristik einsehen, dass er mit seinem Schweizer Ableger auf keinen grünen Zweig kommt. Ursprünglich wollte man den hiesigen Markt mit Günstig-Angeboten erobern und in die Phalanx der grossen helvetischen Anbieter eindringen. Daraus wird nichts. Der Umsatz ist im letzten Jahr auf unter 100 Mio Fr. gesunken.
Nun hat der alte und neue FTI-Deutschland-Chef Dietmar Gunz die Handbremse gezogen. Der Schweizer Hauptsitz in Dübendorf wird per Ende Jahr aufgelöst. Buchungen werden danach an den ähnlich gelagerten Veranstalter Flex Travel von TUI Suisse weitergeleitet. Von den 40 FTI-Angestellten werden nur wenige im neuen Hauptsitz am Basler Euroairport eine Stelle erhalten.
Der erst im Februar zum neuen Schweiz-Chef ernannte Werner Blum steht schon wieder auf der Strasse. Sein Nachfolger ist Walter Binggeli. «Wir werden uns mit einem Team von rund 15 Leuten ab der Sommersaison auf Charterflüge, Sprachreisen sowie das Autovermietungsgeschäft konzentrieren», kündigt der vormalige Basel-Chef von FTI Schweiz an.
Die Probleme von FTI kommen keineswegs überraschend. In einer Branche, die sich seit zwei Jahren auf einer Talfahrt sondergleichen befindet, haben vor allem mittlere und kleine Veranstalter das Nachsehen. Die Verluste im Schweizer Reisemarkt sind gemäss Fachleuten alarmierend. «Seit dem 11. September 2001 hat die gesamte Branche zwischen 20 und 25% Umsatz verloren», schätzt Beat Eichenberger, Chefredaktor des Fachmagazins «Travel Manager». Allein in diesem Jahr dürfte der Rückgang gegen 15% betragen. Bei Kuoni und TUI Suisse, der Nummer drei im Markt, beträgt das Minus rund 10%. Hotelplan hat mit 5% kleinere Einbussen erlitten.
*Billig-Airlines attackieren Pauschalreisen*
Die grossen Anbieter wirtschaften trotz Verlusten also immer noch besser als der Branchendurchschnitt, was einer Marktbereinigung zu Lasten der kleineren Veranstalter gleichkommt. Einigen unter ihnen ist der Schnauf bereits ausgegangen. Erstes Opfer war im letzten Jahr der USA-Spezialist Travel To. Es folgten weitere, und erst kürzlich musste auch Avione, ein ehemaliger Konkurrent von FTI in Basel, den Betrieb einstellen.
Nach der Euphorie der 90er Jahre macht sich in der Branche Ernüchterung breit. Der Reiseverkehr ins Ausland ist gehörig ins Stocken geraten. Gab im Jahr 2000 die Schweizer Bevölkerung für Reisen über die Grenze gemäss dem Bundesamt für Statistik noch 10,7 Mrd Fr. aus, liegt dieser Wert inzwischen noch bei knapp 10 Mrd Fr. Parallel zum Nachfrageschwund müssen sich die Veranstalter mit gewichtigen Veränderungen auseinander setzen. Folgende Trends sind deutlich festzustellen:
Die Reiseveranstalter müssen neben der schleppenden Nachfrage auch mit wachsender Konkurrenz durch Billig-Airlines kämpfen. Kuoni und Hotelplan haben sich für eine Kooperation mit denselben entschlossen. Kuoni wird ab Frühling 2004 Passagiere mit der neuen Helvetic Airways befördern. Hotelplan spannt mit dem deutschen Billig-Flieger Germania Express zusammen. Die Gefahr dabei: Die Passagiere gewöhnen sich an die niedrigen Tarife. Dies erhöht den Druck auf die bei Kuoni und Hotelplan integrierten und teurer betriebenen Chartergesellschaften Edelweiss und Belair.
Bei Kuoni scheinen die Meinungen zur Zukunft im Flugbereich auseinander zu gehen. Laut einem Branchenkenner soll sich das Management für eine finanzielle Beteiligung an Helvetic Airways eingesetzt haben, sei aber vom Verwaltungsrat zurückgepfiffen worden. Die Position von Edelweiss sei neu zu überdenken, hatte Präsident Andreas Schmid unlängst öffentlich kundgetan. «Zurzeit ist ein Verkauf von Edelweiss kein Thema», schafft die neue Kuoni-Sprecherin Andrea Hemmi vorübergehend Klarheit.
*Erhöhte Nachfrage für Direktbuchungen*
Das einzige Wachstumssegment sind zurzeit die Direktanbieter. Sie haben auch in den für den Gesamtmarkt verheerenden zwei letzten Jahren eher zugelegt. Kuoni ist 2001 mit Reisen Netto in diesen Markt eingetreten und setzt heute bereits 30 Mio Fr. um. Im Frühling wird auch Hotelplan mit der eigenen Direktbucher-Marke Easy einsteigen und Reisen Netto attackieren.
Direktreise-Branchenleader Vögele (TUI Suisse) hält den Umsatz auch in der Krise bei 100 Mio Fr. Die drei Branchenleader werden dieses lukrative und weiter wachsende Segment unter sich aufteilen. Der einzig ernst zu nehmende Konkurrent ist Direkt Reisen, die sich jüngst wie Mitbewerber Mediashop-Reisen in den Vertrieb via TV vorgewagt hat. Auch das eine weitere Konkurrenz für die Branche.
*Vormarsch der Internet-Buchungen*
Swiss hat mit dem günstigen Europa-Konzept deutlich gemacht, dass die Reisebranche künftig nicht mehr vordergründig ist für den National Carrier. Internet-Bucher werden mit Ermässigungen belohnt, was von diesen auch entsprechend estimiert wird. Alle Billigflieger bieten sich in erster Linie übers Netz an, um Vertriebskosten zu sparen.
Um nicht abgehängt zu werden, müssen sich auch die Reiseveranstalter vermehrt mit dieser Distribution auseinander setzen. Reisebüros werden in absehbarer Zeit wohl nur noch für komplizierte Buchungen mit Beratungsbedarf gebraucht.
Die Zeiten des Gemischtwarenladens sind vorbei. Unrentable Unternehmensteile werden abgestossen. Bestes Beispiel ist Kuoni, die mit dem jüngsten Verkauf der Geschäftsreisen-Tochter BTI Central Europe auf einen Umsatz von gegen 200 Mio Fr. verzichtet und sich nur noch auf das Kerngeschäft Ferienreisen konzentriert. FTI verzichtet mit dem massiven Abbau auf seine Baukastenreisen-Abteilung und fokussiert sich auf den Charter-Bereich.
Wie sieht der Schweizer Reisemarkt in fünf bis zehn Jahren aus? Es ist davon auszugehen, dass sich die genannten Entwicklungen in Zukunft noch mehr akzentuieren. Damit wird eine Marktbereinigung beschleunigt, die auch international in vollem Gange ist. Gemäss einer Studie der amerikanischen Consulting-Firma Mercer werden sich langfristig nur internationale und integrierte, fokussierte oder virtuelle Reiseveranstalter im Markt behaupten können. Ein Beleg dafür ist, dass der Marktanteil der drei grössten europäischen Reiseveranstalter TUI (D), Thomas Cook (D) und My Travel (GB) zwischen 1997 und 2002 nach Akquisitionen von 25% auf 54% gestiegen ist. Mittelgrosse Alles-Anbieter haben da keine Chance mehr.
Der international aufgestellte Kuoni-Konzern wird von Mercer keiner der drei Typologien zugeordnet. Dem Branchenleader könnte also im europäischen Wettbewerb das gleiche Schicksal drohen wie FTI in der Schweiz. Kuoni-Chef Hans Lerch widerspricht dieser These vehement und macht geltend, dass Kuoni im Vergleich zu den grossen deutschen und britischen Veranstaltern in den letzten Jahren weniger Umsatz eingebüsst habe. Die Frage bleibt offen, ob die Mischstrategie von Massengeschäft (Schweiz und Skandinavien) und Spezialistentum (alle übrigen Geschäftseinheiten) für den Veranstalter längerfristig aufgehen kann.

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