Wenn André Lüthi Lust auf Ferien hat, unternimmt er ein Wüsten-Trekking in der Sahara oder verbringt mit seiner Familie eine Ski-Woche im Luxushotel Lenkerhof. Mal so, mal so. Der Chef des Reisebüros Globetrotter ist nicht anders als die meisten seiner Kunden, nämlich äusserst flexibel in der Angebotswahl. Globetrotter hat sich seit Bestehen darauf spezialisiert, individuelle Reisen fernab vom 08/15-Mainstream zu verkaufen, und ist damit erfolgreicher denn je. Stolze 12% betrug das Umsatzwachstum des Anbieters allein im letzten Jahr, dies in einem rückläufigen Gesamtmarkt. Zum Vergleich: Die Branchenleader Kuoni und Hotelplan büssten in der Schweiz knapp 5 respektive 4% ein.

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Globetrotter eingestellt auf Studenten, CEO und Rentner

«Wir haben das Glück, in Zeiten einer sich immer stärker individualisierenden Gesellschaft richtig positioniert zu sein», erklärt Lüthi den Erfolg von Globetrotter. Die Kundschaft ist so breit gestreut wie die Ferienangebote. Vom Studenten über den CEO zum Rentner kommen alle, weil sie die guten Länderkenntnisse und individuelle Beratung der Mitarbeitenden schätzen. Besonders erfreulich für Lüthi: «Auch immer mehr Familien entdecken das individuelle Reisen.» Mit Kind und Kegel im Camper durch Australien, Südafrika oder Kanada ist bei Globetrotter ein absoluter Verkaufsrenner.

Genau diese Familien haben die grossen Reiseanbieter mit ihren All-Inclusive-Pauschalangeboten im letzten Jahr besonders schmerzlich vermisst. Ein Grund dafür ist die wirtschaftlich angespannte Situation von einkommensschwächeren Familien, die traditionell eher beim Generalisten buchen als bei Spezialisten wie Globetrotter oder Travelhouse (ex Reisebaumeister).

Die Individualreisen-Anbieter liegen aber auch mit ihren Angeboten zurzeit stark im Trend, was nun etwa Kuoni zu einem Umdenken bewegt hat. Neben den auf Nischen ausgerichteten Tochtergesellschaften Privat Safaris, Rotunda Tours, Frantour und Railtour erweitert der Feriengrossist auch das Angebot seiner volumenstarken Hauptmarken mit individuellen Reisen.

In diesem Jahr wurden die neuen Spezialkataloge Spanien/Portugal sowie Mallorca/Ibiza/Formentera mit exklusiven Villas und Fincas lanciert. Anfang Mai kommt ein Kuoni-Spezialkatalog für Schiffsexpeditionen dazu.

Sprecher Peter Brun bezeichnet Kuoni dank diesen Angeboten sogar als Spezialist, was etwas vermessen ist. Dennoch: Bei den Kunden kommt die Diversifizierung gut an. Brun: «Für Mallorca/Ibiza verzeichnen wir eine Verdoppelung der Buchungen gegenüber dem Vorjahr, bei Schiffs- und Flussreisen liegen wir ebenfalls zweistellig im Plus.»

System Travelhouse macht Schule bei den Grossen

Dem Trend zur Individualisierung trägt auch Hotelplan zunehmend Rechnung. Nachdem die Migros-Tochter ihrer Kundschaft schon im letzten Jahr die flexible Buchung von einzelnen Badeferienleistungen im Baukastensystem ermöglichte, wurde für diese Saison auch das Ferienangebot sowohl in der Breite als auch in der Tiefe ausgebaut.

Auch TUI Suisse nimmt den Trend zur Individualisierung im Reisemarkt ernst, obschon die Schweizer Tochter des deutschen Reiseriesen dank günstigen Preisen und dem umfassendsten Familienangebot im letzten Jahr die einzige Gewinnerin im Pauschalferiensegment war. Mit der jungen Veranstaltermarke Flex Travel, die Baukastenreisen nach Kanada, Australien, Asien, die USA und neu südliches Afrika anbietet, ist TUI Suisse im letzten Jahr sogar überdurchschnittlich gewachsen. Flex Travel werde deshalb kontinuierlich ausgebaut, kündigt Sprecher Roland Schmid an.

Die neue Strategie von Kuoni oder TUI Suisse, in länderspezifischen Katalogen individuelle Reisen anzubieten, ist das von Travelhouse seit Jahren verfolgte Geschäftskonzept. Obschon der Spezialist nach kontinuierlichen Wachstumsschüben im letzten Jahr stagnierte, sieht er sich dadurch bestätigt. «Es scheint so zu sein, dass der Markt unseren Weg als richtig beurteilt und uns jetzt nacheifert», sagte Travelhouse-Mitinhaber Thomas Stirnimann jüngst gegenüber dem Fachblatt «Travel Inside».

Als ehemaliger Kuoni-Manager hat sich Stirnimann mit Hotelplan und Co. über Jahre hinweg aggressive Preisschlachten um Familien geliefert und nun die Seite gewechselt. Bei Travelhouse will er die Angebotspalette mit Individualprogrammen nach Australien und anderen Destinationen kontinuierlich ausbauen. Die Generalisten will er in deren Kerngeschäft nicht bekämpfen, sondern eine Alternative zu ihnen sein.

Trend zur Individualisierung bleibt vorerst ungebrochen

Dass die klassischen Badeferien und Pauschalreisen auch in Zukunft einen schönen Teil des Reisemarktes abdecken werden, steht auch für André Lüthi nicht zur Debatte. «Allerdings prophezeie ich diesem Markt kein grosses Wachstum mehr, denn die Welt verändert sich.»

Der beste Beleg dafür ist Globetrotter selbst, die sich vom einstigen Joint- und Birkenstock-Grüppchen zum stolzen Konzern mit 112 Mio Fr. Umsatz gemausert hat und mit Hilfe der Individualtouristen weiter wachsen will. In Aarau will Lüthi demnächst die 17. Filiale eröffnen und eventuell das eine oder andere Reisebüro übernehmen. «Solange die Nachfrage für unsere Dienstleistung so stark wächst, wollen wir sie auch decken.» Weitere Umsatzsprünge für Globetrotter scheinen vorprogrammiert.

Reisejahr 2006: Das Geschäft zieht an

Dank grosszügigen Frühbucherrabatten ist das Reservationsgeschäft bei den grossen Schweizer Reiseveranstaltern in diesem Jahr gut angelaufen. Kuoni berichtet von einem aktuellen Buchungsplus von 20% gegenüber dem Vorjahr. 10% mehr Aufträge sind bisher bei TUI Suisse eingegangen und auch Hotelplan spricht bei allen Destinationen von einem «deutlichen Plus» gegenüber 2005.

In der Destinations-Hitliste liegen Spanien, Italien und Griechenland an der Spitze. Ganz vorne sind aber auch Brasilien, Nordamerika und schliesslich Asien.

Mühe bekundet hingegen die in den Vorjahren so erfolgreiche Türkei, dies wegen Vogelgrippe und Fussball-Ausschreitungen. Bei Hotelplan will man aber bereits wieder einen neuen Trend für die Türkei festgestellt haben.