Wenn in der Wirtschaftswelt nicht mehr Profit das höchste Ziel sein soll. Was sehen Sie als Alternative?

Andreas Jacobs: Mit Gewinn zu wirtschaften wird das Kernelement der Unternehmensziele bleiben. Aber es ist klar geworden, dass Profitwachstum um jeden Preis auch schädlich sein kann. Gerade in der Bankenwelt hat es fatale Schäden angerichtet. Die Ziele Wachstum und Gewinn werden in Zukunft mit anderen Zielen ergänzt werden müssen. Neben der ökonomischen Säule braucht es auch eine soziale und eine ökologische Säule, die nachhaltiges und adäquates Verhalten berücksichtigt.

Sie müssen ein starkes Interesse daran haben, dass die Aktienkurse von Adecco und Barry Callebaut wieder zulegen. 2008 schrumpfte der Wert der Holding-Beteiligungen um rund 1 Mrd Fr. Doch die Nachhaltigkeit der Unternehmen wird die Kurse kaum aufwärts bewegen.

Jacobs: Natürlich sind wir daran interessiert, dass die Kurse weiter steigen. Ich glaube, mit mehr Nachhaltigkeit bringen wir grundsätzlich auch die Unternehmen vorwärts. In einer Krise muss man die Kosten im Griff haben, denn nur wer profitabel ist, wird nach der Krise bereit sein für weiteres Wachstum. Ebenso müssen neue Produkte entwickelt werden, die nachhaltig sind und auch die ökologische Nachhaltigkeit fördern. Das wird auf die Dauer den Kursen nützen. Unternehmen, die Produkte hervorbringen, die die Umwelt nicht belasten, werden die Gewinner von morgen sein. Plakativ gesagt: Der Gewinner von morgen wird nicht Porsche oder Mercedes sein, sondern beispielsweise ein Elektroauto von Tesla.

Haben Sie den Eindruck, dass Unternehmer und Manager Ihre Einsichten teilen?

Jacobs: Ja, das ist zunehmend der Fall. Im Schokoladegeschäft fragen immer mehr Kunden nachhaltige Schokolade nach. Also Produkte mit Kakao aus rückverfolgbarem Anbau, gesündere Produkte mit weniger Fett, hohem Polyphenolgehalt oder probiotische Produkte. Diese Produkte werden alle viel schneller wachsen als konventionelle Schokoladenprodukte.

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Ist das Nachhaltigkeitsdenken auch in der Finanzwelt angekommen?

Jacobs: Die Konsumenten werden sich auch bei den Banken sehr viel mehr dafür interessieren, wie die Produkte entstanden sind und was sie eigentlich kaufen. Kein Mensch wusste, was ein Subprime-Papier ist, am Ende tauchten solche Produkte an allen Ecken auf. Solche verschachtelten, intransparenten Produkte werden keine Abnehmer mehr finden.

Nachhaltigkeit ist in der Wirtschaft doch nur so lange willkommen, als dass sie nichts kostet.

Jacobs: Das glaube ich nicht. Der Konsument wird wesentlich kritischer werden und auch den ökologischen und sozialen Inhalt der Produkte hinterfragen.

Das würde aber auch die totale Rückverfolgbarkeit der Produkte bedeuten, und die können Sie bei Barry Callebaut mit Ausnahmefällen nicht garantieren.

Jacobs: Das ist schwierig, wenn Sie an den Terminmärkten in New York und London Rohwaren einkaufen. Da gibt es keine Rückverfolgbarkeit. Wir haben aber den Anteil des direkt in den Anbauländern eingekauften Kakaos deutlich erhöht in den letzten Jahren. Wir kommen nun auf über 60%.

Will die Jacobs Holding an ihren Beteiligungen festhalten, wenn sich die Kurse von Barry Callebaut und Adecco nicht bald deutlich nach oben bewegen?

Jacobs: Diese beiden Beteiligungen sind schon lange in unserem Portfolio. Mein Vater und die ganze Familie haben sie über viele Jahre aufgebaut. Eine Trennung ist undenkbar. Das aktuelle Kursniveau beschäftigt uns schon, führt aber keineswegs zu einer strategischen Neuausrichtung. Unser Ziel ist es, die Beteiligungen langfristig zu halten und auszubauen. Wir sehen in beiden Beteiligungen Plattformen, um in den jeweiligen Märkten weiter zu wachsen und zu konsolidieren. Wir planen zurzeit keine Diversifizierung durch den Kauf von Gesellschaften in anderen Branchen.

Stehen weitere Übernahmen an bei Adecco und Barry Callebaut?

Jacobs: Wir haben klare Wachstumsziele. Barry Callebaut etwa soll doppelt so schnell wie der Markt wachsen. Darin sind organisches Wachstum und kleinere Übernahmen enthalten. Am Ende einer Krise gibt es stets Konsolidierungschancen und interessant bewertete Firmen.

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Soll der neue Adecco-CEO schneller vorwärtsmachen bei den Übernahmen?

Jacobs: Der Verwaltungsrat hat die Strategie festgelegt, unter anderem ein verstärktes Wachstum in der Vermittlung von Fachkräften. Da haben wir bereits einige Übernahmen getätigt und wir werden weiter organisch und über Akquisitionen wachsen.

Dennoch sind Sie wohl kaum glücklich über den misslungenen Übernahmeversuch von Michael Page?

Jacobs: Wenn wir die heutige Bewertung von Michael Page anschauen, war unser Entschluss richtig, kein Angebot zu machen.

Nach jeder Krise, wenn Werte und Arbeitsplätze vernichtet werden, tönt es ähnlich. Man hat das Gefühl, es finde ein Umdenken statt. Doch zeigt die Wirtschaftsgeschichte, dass diese Überlegungen jeweils nur von sehr kurzer Dauer waren und alles wieder in den alten Bahnen läuft.

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Jacobs: Aber es gibt einen wesentlichen Unterschied. In der Vergangenheit gaben der Staat und die Industrie die Antworten auf die Krisen und die Probleme. Das war in den 1930er-Jahren so und das war während der Ölkrise so. Heute ist der Konsument die dritte neue Kraft, vielleicht weil der Staat und die Unternehmen versagt haben. Der Konsument fragt nach Dingen, nach denen er früher nicht gefragt hätte, weil er nicht wusste, dass es sie gab. Deshalb fangen die Unternehmen an, die Anliegen aufzunehmen.

Vielleicht ist der Konsument in der Schweiz und in Grossbritannien bereit, für nachhaltige Produkte und Werte zu bezahlen, doch in den USA wohl kaum?

Jacobs: Der US-Konsument generell ist zwar nicht die Speerspitze dieser Bewegung. Aber die USA sind sehr gross. Kalifornien ist vielleicht die Speerspitze. Konzepte wie Tesla Motor wurden in Kalifornien entwickelt. Da ist in den USA schon sehr viel vorhanden.

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Sie halten nichts davon, dass der Staat der Auto- oder Finanzindustrie unter die Arme greift. Dennoch halten Sie die überhöhten Boni für ein Systemversagen. Kann sich das System selber reformieren oder braucht es doch die regulierende Kraft des Staates?

Jacobs: Boni sind notwendig, um die Leistungen der Menschen zu differenzieren und um gute Leute an Bord zu holen. Die Vergütung sollte aber nicht nur von den finanziellen Ergebnissen abhängig sein, sondern auch von anderen Arten der Wertschöpfung, welche alle Stakeholder betreffen. Wenn bei uns beispielweise das Management dazu fähig ist, mehr Kakaobauern in unsere Nachhaltigkeitsprojekte zu bringen, ist das eigentlich einen Bonus wert. Solche Anreize müssen die Unternehmen selber definieren, das kann der Staat nicht regulieren. Wenn der Konsument liest, da verdient wieder einer 25 Mio Fr., dann wird er sauer, das akzeptiert er nicht. Das ist gesund. Insofern wird es ein natürliches Regulativ geben. Der Staat hat häufig genug selbst versagt. Wir haben heute eine Alterspyramide, die problematisch ist, ein ungenügend finanziertes Gesundheitswesen, wir haben eine irrsinnige Verschuldung, die jeden Tag weiter wächst. Das geht alles zulasten unserer Kinder. Die meisten Regierungen, die für vier, fünf Jahre gewählt werden, denken nicht ernsthaft daran, was in 20, 30 Jahren passiert.

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Sie sind Experte für Wettbewerbsrecht. Der deutsche Finanzminister hält das Schweizer Bankgeheimnis für einen illegitimen Wettbewerbsvorteil. Sind Sie damit einverstanden?

Jacobs: Ich kann nachvollziehen, dass der deutsche Finanzminister - wenn er seine leeren Kassen sieht - findet, er müsse ausser Landes gehen, um die Deutschen, die anderswo Geld anlegen, anzuzapfen. Einer der wesentlichen Gründe, warum das Thema so virulent ist, hat sicherlich mit der Politisierung im Vorfeld des Wahlkampfs zu tun. Wo sich ein SPD-Finanzminister exponiert und eine Jagd auf Reiche macht, ist das zu 99% Wahlkampf und vielleicht zu 1% Doktrin.

Was man in Deutschland erlebt, sieht man auch in Frankreich und Grossbritannien. Mit neuen Steuern werden die Reichen stigmatisiert, sie sollen «gemolken» werden. EU-Regierungen befürchten, dass es Revolten geben könnte gegen die Reichen. Sehen Sie da eine Gefahr?

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Jacobs: Das sehe ich schon. Die politische Hetze zusammen mit der steigenden Arbeitslosigkeit und der sinkenden Kaufkraft sind eine sehr ungute Kombination, die zu sozialer Unruhe und Konfrontation führen könnte. Da muss man als Politiker verantwortlich handeln.