Das Kostenbewusstsein hat bei den Banken seit der Finanzkrise zugenommen. Die Ausgabenbudgets werden auch im Bereich der Informationstechnologie (IT) noch selektiver erstellt. Die Marktforscher von IDC Financial Insights erwarten für das laufende Jahr bei den weltweiten IT-Investitionen lediglich einen bescheidenen Anstieg von 0,5%. Nicht alle Sektoren und Regionen in der Finanzindustrie wachsen allerdings im Gleichschritt. Entsprechend weichen die Prognosen voneinander ab. Die Beratungsfirma Celent etwa rechnet für 2010 mit einer deutlich höheren Wachstumsrate von 2,2%.

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Für Andreas Andreades, CEO der Genfer Softwarefirma Temenos, zählt das Potenzial im angestammten Markt für Kernbankenapplikationen: «In diesem Segment erwarten wir ein schnelleres Wachstum im niedrigen einstelligen Prozentbereich als für die Banken-IT insgesamt.» Sein Unternehmen gewinne Marktanteile, was sich auch am 12%igen Zuwachs bei den Lizenzverkäufen ablesen lasse. Michel Mathys, Verkaufsdirektor beim Genfer Unternehmen Eri Bancaire, sieht eine ähnliche Tendenz: «Die Bankbranche hat ihre Investitionen im laufenden Jahr wieder mit neuen Informatik-Werkzeugen verknüpft.» Weltweit profitiere sein Haus bei den Softwareapplikationen je nach Markt von einem Anstieg zwischen 2 und 5%.

Erhöhter Konkurrenzdruck

Die IT-Lieferanten machen verschiedene Gründe für den jüngsten Wachstumsschub aus. Es gibt den Konkurrenzdruck innerhalb der Branche, die Regulierungen nehmen zu, und überdies wollen sich die Banken mit neuen Finanzinstrumenten profilieren sowie den Kontakt zum Kunden noch enger gestalten. «Das Investitionsklima in unserem Heimmarkt ist grundsätzlich positiv», sagt Finnova-Chef Charlie Matter. Beim Lenzburger Softwarespezialisten erwartet man weiterhin stabile Investments im IT-Umfeld mit leichtem Wachstum. Insbesondere würden Projekte bei Front- und Sales-unterstützenden Prozessen ebenso wie im Bereich Automatisierung favorisiert. Für Bernhard Zihler, Mediensprecher bei Avaloq, steckt die Finanzindustrie noch immer in einem Erholungsprozess, und damit habe sich das «Kostenbewusstsein drastisch erhöht». Sobald sich die Lage stabilisiere, würden die IT-Investitionen erhöht. Gemäss dem Zürcher Softwareanbieter haben derzeit wegen der erweiterten Regulierungen vor allem Investitionen in Reporting und Compliance-Anwendungen erste Priorität.

Die Technologietreiber sind je nach Weltregion verschieden. In den Schwellenländern sorgt allein das starke Wachstum, mit einer rasch wachsenden Zahl an Kunden und dem Übergang zu modernen Bankprodukten, für eine grössere Nachfrage nach Kernbanken-Software. Demgegenüber beobachtet Temenos-Chef Andreades innerhalb der Industriestaaten seit der Finanzkrise eine gewisse Akzentverschiebung. Zuvor hätten weitsichtige Banker klar erkannt, dass ältere Technologien enorme Kosten und ein erhöhtes Risiko schaffen.

Bei Geldinstituten, die mit Kapitaleinschüssen und Staatshilfen aus einer finanziellen Schieflage gerettet wurden, stünden jetzt die Rückkehr zu den Kernaufgaben einer Bank sowie ein gezieltes Kostenmanagement und die Risikoreduktion im Vordergrund. Charlie Matter, der mit Finnova hauptsächlich in der Schweiz operiert, sieht vor allem «im Ausland nach wie vor viele ältere Technologien im Einsatz». Die Ablösung etwa von etablierten, Host-basierten Systemen ist für ihn ein wichtiger Treiber. Dazu kommen verstärkte IT-unterstützte Frontsysteme im Bereich Customer-Related Management (CRM) sowie im Verkaufs- und Beratungsprozess. Schliesslich gelte es für die Banken, bei den neuen mobilen Vertriebskanälen wie den Handhelds und dem Mobile Computing mitzuhalten. «Die örtliche Ungebundenheit und die Unmittelbarkeit prägen unser Leben in allen Bereichen.»

Chancen in Emerging Markets

Michel Mathys von Eri Bancaire erkennt einen klaren Trend in Richtung mehr Interaktivität: «Die Banken müssen den Kontakt zu ihren Kunden enger gestalten.» Eine junge Generation, die mit den Web-Anwendungen eng vertraut ist, erwartet schnelle und transparente Dienstleistungen. Unbeschränkte Mittel stehen den Banken seit der Finanzkrise aber nicht mehr zur Verfügung. Unter den härteren wirtschaftlichen Bedingungen, die auch in der nahen Zukunft herrschen, fällt es der Finanzindustrie schwer, gleich hohe Erträge wie in der Vergangenheit zu generieren. «Alles, was hilft, Kosten zu senken, die Effizienz zu steigern oder Synergien auf der Einnahmenseite zu schaffen, wird nachgefragt», sagt Temenos-Chef Andreades. Kernbankenlösungen helfen dabei nicht nur die Produktivität zu steigern, sie sind auch unentbehrlich, wenn es gilt, die verschärften Vorschriften der Aufsichtsbehörden intern umzusetzen.

Die Anbieter von Bankensoftware sehen in der Schweiz und weltweit ein erhebliches Wachstumspotenzial. Nach Branchenschätzungen sind bei rund 80% der Banken ältere Technologien im Einsatz, die in absehbarer Zeit zur Erneuerung anstehen. Das gilt vor allem für die Emerging Markets. Dort gibt es zwar bereits erste Kernbankenlösungen, aber vielfach ist die Software noch lokal ausgerichtet. Die fortschreitende Globalisierung sorgt für einen Erneuerungsbedarf, der internationale Usanzen und Regulierungen mit einschliesst. Die IT-Lieferanten stufen vorab den asiatischen Raum als dynamischen Wachstumsmarkt ein. «Es gibt auch weiterhin gute Chancen in der Schweiz und in der Europäischen Union», ist Bernhard Zihler von Avaloq überzeugt. Im Heimmarkt sind vor allem bei den Retail-Instituten viele technologiegetriebene Investitionen bereits erfolgt. Für den Finnova-CEO Matter sieht die Situation «bei einigen Privat- und Vermögensverwaltungsbanken» allerdings noch anders aus. Für ihn ist der Schweizer Bankenmarkt insgesamt bei gezielten funktionellen Erweiterungen und Services nach wie vor attraktiv.

Speziell im Bereich des Private Banking ist die Boomphase vorderhand vorbei. Der Kostendruck und die Kostensensibilität nehmen zu. Angesagt ist eine Konzentration auf die eigenen Kernkompetenzen. «Das begünstigt neue Geschäftsmodelle wie Outsourcing sowie Internet-, Direkt- oder Depotbanken», sagt Charlie Matter. Absehbar ist auch eine weitere Konsolidierung in der Finanzindustrie. Mit einer veränderten Besitzstruktur eröffnen sich für die IT-Anbieter neue Möglichkeiten. In der Softwarebranche wird betont, dass die Nachfrage im Bankensektor derzeit weit weniger durch den konjunkturellen Zyklus als vielmehr durch strukturelle Veränderungen geprägt werde. Die Investitionsneigung bleibt allerdings im Vergleich zu den Boomjahren 2006 bis 2008 zurückhaltend.

Michel Mathys spricht von einem «moderaten, aber anhaltenden Wachstum». Für Andreas Andreades hat sich das Investitionsklima seit dem Tiefpunkt im 4. Quartal 2008 verbessert, während Bernhard Zihler in den kommenden Jahren eine signifikante Erhöhung der Ausgabenbudgets erwartet.