Zu Beginn jeder Krise wird der Niedergang der Auslandsbanken prophezeit. Jede Übernahme einer Bank wird als untrügliches Indiz der schwindenden Attraktivität des Finanzplatzes Schweiz erachtet. Und nun steht sogar noch das Bankgeheimnis zur Debatte. Kann das gut gehen?

Zu- und Abgänge von Auslandsbanken sind kein Krisensymptom, sondern Lebenszeichen: Die Auslandsbanken verlieren seit langem pro Jahr etwa fünf Institute - gewinnen aber auch sechs hinzu. Im Krisenjahr 2008 wurden in der Schweiz 154 Institute gezählt - mehr als je zuvor. Die Abgänge sind nur selten durch eine Aufgabe der Geschäftstätigkeit und einen Transfer der Kundenbeziehungen ins Ausland bedingt, sondern meist Folge von Fusionen und Integrationen, seltener wegen Übernahmen durch Schweizer Institute.

Natürlich haben auch die Auslandsbanken die finanziellen Auswirkungen der Finanzkrise gespürt. Die Erfolgsgrössen fielen im Jahr 2008 etwa auf die im Jahre 2006 ausgewiesenen Werte. Wie 2007 gewonnen, so 2008 zerronnen. Der Einbruch war aber weniger tief als jener der dot.com-Blase: Der (reale) Einkommensrückgang fiel um 10% geringer aus, und der Anstieg der (realen) Aufwendungen blieb um fast 60% hinter jenem vor sieben Jahren. Doch täuschen wir uns nicht: Damals dauerte es drei bis vier Jahre, bis der einsetzende Boom den Druck auf die Gewinnmargen wegnahm. Und die Anpassungsphase wird dieses Mal länger dauern, denn mit einer ähnlich rapiden Erholung des Vermögensverwaltungsgeschäfts rechnet kaum jemand.

Anzeige

Vor allem werden die politischen und reputationellen Krisenfolgen die Erholung dämpfen. Die UBS brachte es schnell und still zustande: Das integrierte Onshore-offshore-Modell hat Schiffbruch erlitten, und in der Folge wurde das Vertrauen in das «Swiss Private Banking»-Modell und in den Schutz der Privatsphäre arg in Mitleidenschaft gezogen.

Der lange Weg bis zum Kreuzweg

Ins Kreuzfeuer der Kritik wäre die Schweiz allerdings auch ohne den «Fall UBS» gekommen. Die Geschichte unseres Schutzes der Privatsphäre ist eine Geschichte der Anpassungen an den Wertewandel im In- und Ausland. Die Schweiz hatte den Umfang des Privatsphärenschutzes dem Wertewandel und den daraus abgeleiteten gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen angepasst. Nach der Geldwäschereibekämpfung folgte die internationale Koordination der Rechts- und Amtshilfe, aber auch - schon vor 20 Jahren - die Ausdehnung der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit für Steuerbetrug. Vor einigen Jahren wurde die börsengesetzliche Amtshilfe ausgeweitet, und im April dieses Jahres haben nun verschiedene EU-Staaten - nach langer Verzögerung - die Amtshilfe bei Zollbetrug und bei den indirekten Steuern ratifiziert.

Der Weg vom Bankgeheimnis der 60er-Jahre über das Bankkundengeheimnis nach der Einführung von Geldwäschereiprävention und Sorgfaltspflichten hin zum heutigen Schutz der Privatsphäre war ein langer, unstetiger und teilweise steiniger. Er ermöglichte jedoch, den Schutz der Privatsphäre als zentrales Element des Private Banking aufrechtzuerhalten.

Neuausrichtung Private Banking

Zugegeben: Die Forderung nach vorbehaltloser Anerkennung des Art. 26 der OECD-Konvention kam früher und heftiger als erwartet. Die bis vor kurzem vertretene Ansicht, wer über Alternativen nachdenke, habe schon klein beigegeben, forderte ihren Tribut. Die Auslandsbanken haben bisher die geltenden Schweizer Rahmenbedingungen mitgetragen. Allerdings haben sich schon seit einiger Zeit die Zeichen verdichtet, dass das Private Banking auf ein neues Fundament gestellt werden sollte - der Zeitgeist im Ausland ist stärker auf Akzeptanz von Transparenz und Offenlegung ausgerichtet. Auslandsbanken sind ein Seismograph, der solche Anzeichen eines Wertewandels aufzeichnet und den Schluss nahelegt, dass ein neuer Weg für das Private Banking eingeschlagen werden kann.

Die geltenden Rahmenbedingungen unterstützen das grenzüberschreitende Geschäft nicht mehr. Die Erfolgsgeschichte UBS wurde zum «Fall UBS» wegen aktiver Beihilfe zur Steuerhinterziehung und Verletzung von aufsichtsrechtlichen Standards im grenzüberschreitenden Dienstleistungsgeschäft. Dies ist kein Einzel-, sondern ein Präzedenzfall! Die Auslandsbanken schlagen daher seit mehreren Monaten ein Modell vor, welches den Schutz der Privatsphäre sicherstellt, aber auf Steuerkonformität anstelle von Steuerneutralität setzt. Ähnlich wie bei der EU-Zahlstellensteuer soll die Bank als Steueragent fungieren, welche die Steuern gemäss nationalen Gesetzen erhebt. Die so belasteten Einkommen werden als deklariert anerkannt. Im Gegenzug erhält die Schweiz einen erleichterten Marktzugang. Damit wäre eine solide Basis für das grenzüberschreitende Geschäft geschaffen.

Anzeige

Geschäftsmodell mit Mehrwert

Traditionelle Offshore-Banken möchten den alten Weg noch weitergehen. Doch der Schweizer Bankenplatz lebt immer mehr von der Möglichkeit, geografisch flexibel agieren zu können. Nun sind die Schweizer Banken aber in der Situation jener Familie, in der ein Teil das Fussballspiel besuchen, der andere jedoch einen Ausflug machen möchte. Auf jeden Fall will die Familie etwas gemeinsam unternehmen - sich trennen geht nicht. Der Kompromiss ist schnell gefunden: Heute der Ausflug, das nächste Mal das Spiel. Der Bankensektor muss aber einen gemeinsamen und einmaligen Entscheid treffen. Im Interesse des Finanzplatzes sollten jene Interessen sich durchsetzen, deren Geschäftsmodelle auch in Zukunft einen Mehrwert generieren. Und in der Tat zeichnet sich langsam ab, dass diese Forderung nach einer zukunftsträchtigen Richtungsänderung immer weitere Unterstützung findet. Auch bei Schweizer Banken von Genf bis (mittlerweile) St. Gallen! Die Politik forderte neue Ideen - wer hören will, kann diese auch vernehmen.

Anzeige