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Fussball
Türkischer Investor mischt Schweizer Clubfussball auf

Mehmet Nazif Günal weiss, wie man Geld macht. Nun versucht es der Investor in der Fussballprovinz. Er will den FC Wil aus der Challenge League hieven und mit Millionen zum Spitzenclub machen.

Von Stefan Eiselin und Jorgos Brouzos
am 22.07.2015

Mehmet Nazif Günal stand am 8. Juni 2014 auf einer Bühne im Istanbuler Stadtteil Arnavutköy. «Lieber Herr Ministerpräsident, Sie sind der zweite Atatürk», sagte der 67-jährige Baunternehmer zu Recep Tayyip Erdogan. Der Premierminister hatte eben den ersten Spatenstich auf der Baustelle des neuen Flughafens der Stadt gemacht. Günal fuhr fort: «Ja, vielleicht sind sie sogar noch grösser.»

Sich mit der Macht gut zu stellen, ist in der Türkei ratsam – gerade als Unternehmer. Günals Werben um Erdogan hat sich jedenfalls bezahlt gemacht. Sein Konzern MNG ist Teil des Konsortiums, das für 22 Milliarden Dollar den neuen Istanbuler Flughafen bauen darf. Er soll 2017 eröffnet werden und dereinst 150 Millionen Passagiere pro Jahr aufnehmen können – so viel wie kein anderer Flughafen.

Doch die Türkei wurde Günal längst zu klein. Mit seinem Konzern ist er in Ägypten, Albanien, Algerien, Aserbaidschan, der Elfenbeinküste, in Georgien, Kamerun, Libyen, Rumänien, Saudi-Arabien und in den Vereinigten Arabischen Emiraten aktiv. Und seit kurzem in der Ostschweiz. Anfang Juli kaufte der türkische Milliardär die Aktienmehrheit des FC Wil. Er will den Verein aus der Challenge League hieven und mit Millionen zum schweizerischen Spitzenclub machen.

Vom Bauarbeiter zum Milliardär

Das Geld dazu hat Günal. Sein Vermögen wird auf 1,2 Milliarden Franken geschätzt. Er ist damit einer der reichsten Männer der Türkei. Dabei begann er ganz unten. Als 20-Jähriger aus dem armen anatolischen Artvin jobbte er als einfacher Bauarbeiter. Später absolvierte er ein Bauingenieursstudium und heuerte bei einer Baufirma an, wo er zum Bauleiter aufstieg. 1976 machte sich Günal selbstständig und gründete das Unternehmen MNG. Die drei Lettern stehen für seine Initialen.

MNG hat noch heute ein starkes Bein im Bausektor. Inzwischen ist der Konzern aber auch in den Branchen Energie, Finanzen, Logistik und Tourismus aktiv. So betreibt er etwa mehrere Hotels in Istanbul, Antalya und Bodrum. Mit MNG Airlines fliegt die Gruppe auch Fracht um die Welt.

Nicht unumstritten

Dennoch hat Günal in der Türkei nicht nur Bewunderer. Sein Name wurde im Zusammenhang mit dem Bau umstrittener Wasserkraftwerke genannt, die Landschaften zerstören. Auch der Bau des neuen ­Istanbuler Flughafens ist umstritten, da ihm 660 000 Bäume zum Opfer fallen und eines der grossen Naturreservate der Millionenmetropole zerstört wird.

Die regierungskritische Presse zählt Günal zudem zu einer Gruppe von Geschäftsleuten, die Erdogan und dessen Regierung nahestehen und davon wirtschaftlich profitieren. So meldete die Zeitung «Taraf» im vergangenen Jahr, dass der MNG-Gründer trotz seines grossen Vermögens merkwürdigerweise nicht auf der von den Behörden veröffentlichten Liste der grössten Steuerzahler auftaucht.

Feine Nase fürs Geschäft

Auch wird Günal von der kritischen Presse vorgeworfen, auf Aufforderung des damaligen Ministerpräsidenten Erdogan vor zwei Jahren den damals noch MNG gehörenden, kritischen Nachrichtensender TV8 verkauft zu haben. Der neue Eigner machte aus dem Sender einen seichten Unterhaltungskanal. Günal und seine Partner im Flughafen-Konsortium sollen auf Weisung Erdogans auch Geld zum Kauf ­einer anderen Mediengruppe gesammelt haben. Deren Zeitungen und Fernsehsender sind heute Sprachrohre der Regierung.

Dass er eine feine Nase fürs Geschäft hat, bewies Günal immer wieder. Nun will er sein Talent im Schweizer Fussball unter Beweis stellen. Selbst ist er Mitglied des Istanbuler Spitzenvereins Fenerbahçe. Vor zwei Jahren wollte er dort sogar in den Vorstand, unterlag aber anderen Kandidaten. Nun versucht er es in der zweithöchsten Schweizer Spielklasse. In Wil wird er mit offenen Armen empfangen.

Günal schaute sich in Österreich um

Die türkisch-schweizerische Liaison ­begann vergangenen Dezember. Damals erhielt der FC Wil von MNG den ersten ­Telefonanruf. Seither wurde verhandelt. Die Türken prüften Bücher und Umfeld, kamen mit Anwälten vorbei und prüften das Stadion. Am Ende sagten sie zu. «Wir haben Glück, das wir auserwählt wurden», sagt Roger Bigger, der seit fast 13 Jahren Präsident des FC Wil ist.

Günal interessierte sich offenbar nicht nur für den FC Wil. «Er hat sich mehrere Clubs in der Schweizer Super League und in Österreich angesehen. Der FC Wil gefiel ihm am besten», erzählt Bigger. Günal wolle in den Fussball expandieren. Dafür habe er einen Club gesucht, bei dem er seine Vision verwirklichen und langfristig investieren könne, so Bigger.

Zuerst wird investiert

In der Challenge League liegen die Club-Budgets im tiefen einstelligen Millionenbereich, und sechsstellige Defizite sind Normalität. Dies gilt jetzt für den FC Wil nicht mehr. Günal will mit dem Club Geld machen, wie er es mit seiner Baufirma tut. «Es ist möglich, mit dem Fussball Geld zu verdienen», ist Bigger überzeugt. «Doch nicht in der Challenge League.»

Dort hätte der FC Wil ohne den neuen Investor mit einem Budget von rund 3 Millionen Franken um die Plätze 5 bis 8 gespielt. Nun steht viel mehr Geld zur Verfügung, und die Erwartungshaltung ist eine andere: Der Club will in die Super League aufsteigen und an europäischen Wettbewerben teilnehmen. Dann kann er höhere Ablösesummen für die eigenen Talente verlangen. Ein Spieler vom Kaliber eines Fa­bian Schär, der 2012 für wenige hunderttausend Franken vom FC Wil zum FC Basel wechselte, würde ein x-Faches kosten.

Zuerst wird aber investiert. Denn für den Aufstieg braucht es gute Spieler. Altstars aus Brasilien und der Türkei wurden bereits nach Wil gelotst. Nun sollen Jungtalente folgen. Alle werden fürstlich entlöhnt. Bislang verdiente ein Spitzenspieler in der Challenge League weniger als 10'000 Franken monatlich. Verteidiger Sead Hajrovic soll nun beim FC Wil 15'000 Franken erhalten. «Wir suchen Spieler, die uns helfen können und die das Potenzial haben, sich weiterzuentwickeln», sagt Bigger.

Bunte Schar im Verwaltungsrat

Die Spielertransfers will der Club nun selbst abwickeln. Viele europäische Profi-clubs müssen das über Drittinvestoren ­finanzieren. Dadurch entgehen ihnen Einnahmen. Zudem will die Fifa dieses Geschäftsmodell sowieso verbieten. Der FC Wil trat in der Vergangenheit einen Teil der Transferrechte seiner Spieler an eine deutsche Finanzgesellschaft und an Privatpersonen im Umfeld des Clubs ab. Künftig sollen sie voll bei ihm liegen.

Damit es wirtschaftlich auch klappt, platzierte der neue Mehrheitsaktionär Gü­nal fünf Stellvetreter in den Verwaltungsrat des FC Wil. Sie verfügen laut Bigger über ein gutes Netzwerk im internationalen Fussball und beste Kontakte zu potenziellen Sponsoren. Am 28. Juli sollen Irfan Karakas, ein türkischer Werbeunternehmer, der mit Günal bei Fenerbahçe aktiv ist, Ihsan Tarkan, ein türkischer Fusballmanager, Wirtschaftsanwalt und MNG-Berater Kaya Gönençer und Abdullah Cila, ebenfalls ein türkischer Fussballmanager, in den Verwaltungsrat gewählt werden.

Günals Sohn Murathan amtet schliesslich als Statthalter seines Vaters. «Wir erwarten einiges vom neuen Verwaltungsrat», so Bigger. Das tut auch Günal. Er gibt sich nicht mit zweiten Plätzen zufrieden. Genau dort rangiert derzeit der FC Wil.

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