VIRT-X. Lee Hodgkinson, Chef der Schweizer Virt-x-Börse, wo die Titel der grossen Schweizer Firmen gehandelt werden, beurteilt die Zukunft seiner Börsenplattform positiv. «Wenn die traditionellen Börsen fortfahren, die richtigen technologischen Plattformen zu konkurrenzfähigen Preisen anzubieten, dann sehe ich keinen Grund, warum wir nicht einen substanziellen Marktanteil behalten sollten», sagte der 35-jährige Engländer zur «Handelszeitung». Entscheidend, so der Börsenchef, sei für konventionelle Börsenplätze, wie die Schweizer Handelsorganisation SWX mit ihrer Blue-Chips-Plattform Virt-x, eine ständige Verbesserung des Angebots für die Kunden.

Auf Konfrontationskurs

Ausgerechnet die wichtigste Kundengruppe geht nun aber auf Konfrontationskurs. Unter der Führung des US-Investmentmultis Morgan Stanley gründete eine Gruppe globaler Banken vor Jahresfrist das Projekt Turquoise. Ziel ist eine eigene Handelsplattform. Die inzwischen auf neun Partner angewachsene Allianz, zu der von Beginn weg die beiden Schweizer Grossbanken UBS und CS zählten, verfügt über grosse Marktmacht. Rund die Hälfte des europäischen Aktienhandels stammt aus Aufträgen der beteiligten Banken. Weil in diesem Geschäft die hohen Investitionskosten nur bei entsprechend grosser Masse zu tiefen Kosten pro Deal führen, müsste den Börsen in Zürich, Frankfurt, Paris und London ob den Plänen ihrer Grosskunden der Schrecken in die Knochen fahren.

Grossbanken halten sich zurück

Dies ist aus drei Gründen nicht der Fall: • Erstens kämpft Turquoise mit Startschwierigkeiten. Ursprünglich war der Start für diesen November geplant, heute ist die Rede vom kommenden Spätsommer. Die Zeit genutzt haben andere elektronische Handelsplattformen wie Chi-X von der japanischen Nomura-Bank, die sich erfolgreich auf den Handel der 100 meist gehandelten Titel der Londoner Börse spezialisiert hat.• Zweitens ist die Wahl des Turquoise-CEO umstritten: Eli Lederman ist ein Topshot von Morgan Stanley und damit ein Intimus jener Bank, die schon einmal mit einer eigenen Börsenplattform gescheitert ist.• Drittens und am wichtigsten aus Schweizer Sicht ist das defensive Engagement einiger Turquoise-Partner. Bei beiden Grossbanken ist die Zurückhaltung mit den Händen zu greifen. «Wir stehen ein für eine konkurrenzfähige, unabhängige und zuverlässige Schweizer Finanzplattform», sagt CS-Mann Georg Söntgerath und fügt bei: «Aber als globaler Finanzdienstleister müssen wir unsere Transaktionen weltweit über verschiedenste Börsen und Plattformen abwickeln können und sind daher auch bei Turquoise engagiert.» Ähnlich tönt es bei der UBS. «Letztlich ist es für uns entscheidend, wo ein Auftrag am besten ausgeführt werden kann», sagt Sprecherin Tatjana Domke. «Die Kriterien sind Liquidität, Geschwindigkeit und Kosten.»Auf dieses Argument scheint Virt-x-Chef Lee Hodgkinson nur gewartet zu haben. «Vor wenigen Jahren war der Anschluss an eine Börse noch ein komplexer Prozess, während dies heute unkompliziert und kostengünstig ist», sagt er. «Die Eintrittsbarrieren tendieren gegen Null. Die grösste Schwierigkeit für neue Konkurrenten ist es, einen hohen Grad von Liquidität zu generieren.»

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Wenig Effort erkennbar

Auch unabhängige Experten erkennen wenig Effort unter den Turquoise-Partnern. «Den Grossbanken ist am Ende des Tags egal, wo der Aktienhandel stattfindet», sagt Peter Keller, ehemaliges Geschäftsleitungsmitglied der SWX-Gruppe. «Behalten wollen sie wegen des Bankgeheimnisses nur die Kontrolle über die Abwicklung, und das haben sie geschafft.» Die Börse SWX, die Abwicklerin SIS und die Datenverarbeiterin Telekurs werden auf Anfang 2008 zur Swiss Financial Market Services zusammengeschlossen. Mit 31% halten die Grossbanken den Löwenanteil am neuen Konstrukt.