Würde Apple-Chef Tim Cook dieser Tage in die Schweiz reisen, wäre klar, wie er im Restaurant bezahlte: mit seinem Handy. Kurz ans Terminal halten – und fertig. Das geht, weil Cook ein iPhone besitzt, dessen Funktion ­Apple Pay eine Kontaktlos-Kreditkarte imitieren kann.

Und wie Cook können das seit Juli auch viele Schweizer Apple-Kunden. Zumindest, wenn sie bei einer Kreditkartenbank sind, die mit Apple kooperiert.

Gemeinsam gegen Apple

Zu verhindern, dass die Konsumenten genau das tun, ist die Aufgabe von Thierry Kneissler. Auch er zahlt gerne mit dem Handy. Kneissler tut das ­jedoch mit Twint, einer Handy-App, die von der Postfinance entworfen wurde. Und deren Chef er ist.

Im Mai wurde entschieden, Twint mit der ähnlich ­aufgestellten App ­Paymit von UBS und SIX Group zu fusionieren. Gemeinsam wollen die Banken so Apple aufhalten.

Handelspartner wissen nichts

Doch der Neustart harzt. Im Herbst sollte das neue Twint eigentlich lanciert werden. Bis heute aber weiss noch ­niemand auch nur im Ansatz, wie das ­Fusionsprodukt aussehen soll. Selbst CoopThierry Kneisslers wichtigster Partner im Handel – tappt im Dunkeln. «Wir haben bis heute keine Informa­tionen erhalten», sagt Christoph Baumgartner, welcher beim Detailhändler für Zahlungssysteme verantwortlich ist. Und er folgert daraus: «Das wird später als Herbst.» Denn bei Twint soll sich viel verändern: Auf technischer, aber auch auf kommerzieller Ebene.

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Offiziell beschwört Twint-Sprecher Victor Schmid noch immer den alten Termin. Er betont aber schon mal ­vorsorglich, dass der Herbst auch Ende November noch andauere.

Verschiebedatum wahrscheinlich

Spricht man hingegen mit Leuten aus der Payment-Branche, tönt es wie bei Coop. Ein Manager einer Kreditkartenfirma erzählt, er wisse noch immer nicht, zu welchen Konditionen dereinst die Kreditkarten an Twint angebunden würden.

Und einer, der in der technischen Abwicklung von Zahlungen tätig ist, sagt, dass er trotz mehreren Anfragen keine Spezifikationen für Twint ­erhalten habe. So klingt es bei vielen. Der Kreditkarten-Manager rechnet ­damit, dass das neue Twint im Winter oder gar erst im neuen Jahr startet.

«Zehntausende» wollen Apple Pay

Die Verzögerung ist heikel. Dann sie lässt Apple Zeit, um vorzulegen. Dessen Partner-Banken Cornèr («Cornèrcard», Bonus Card») und Swiss Bankers werben seit Anfang August für ihre Apple-Pay-Angebote und sind nach eigenen Angaben auf grosse Nachfrage gestos­sen. Zahlen nennt zwar keiner, aber es gibt Indizien: Bei der Kreditkartenfirma ­Viseca, die selber nicht mit Apple ­kooperiert, versuchten bereits «meh­rere zehntausend» Kunden, ihre Karten bei Apple Pay zu registrieren, wie ein ­In­sider erzählt.

Die Graubündner Kantonalbank vermittelt ihren Kunden mittlerweile die mit Apple kompatiblen Karten von Swiss Bankers, obwohl sie selber mit ­Viseca verbandelt ist. Damit steigt der Druck auf die grossen Kartenheraus­geber UBS, Swisscard und Viseca, doch noch einen Deal mit Apple abzuschlies­sen. Die Verteidigung von Twint, die auf einem Boykott durch die Banken beruht, käme zum Erliegen.

Verbesserungen müssen warten

Ausgearbeitet wurde das Vorgehen unter anderem vom globalen Beratungsunternehmen McKinsey, wie Recherchen zeigen. Bereits 2014 entwarf dieses für das Top-Management der SIX Group eine Abwehrstrategie. Daraufhin wurde Paymit kurz vor der Einführung neu positioniert. Auch die im Frühling beschlossene Zusammenführung von Paymit und Twint werde von McKinsey überwacht, berichten drei unabhängige Quellen. Mit dem Startup-Groove von Kneisslers Postfinance-Truppe hat das nicht mehr viel zu tun.

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Längst versprochene Verbesserungen am bestehenden System mussten für den aufwendigen Prozess zurück­gestellt werden. Twint-Zahlungen können, ausser bei der Postfinance, noch immer nicht direkt auf den Konten angeschlossener Banken belastet werden. Deren Kunden müssen im Voraus Geld auf ein separates Twint-Konto ein­zahlen, um damit shoppen zu können.

Schwierige Fusion

Das direkte Durchbuchen komme erst mit dem neuen Twint, sagt Sprecher Schmid. Andere Banken wurden noch gar nicht eingebunden. Etwa die Migros Bank, die sich eigentlich bereits im März als Twint-Partnerbank angekündigt hatte. Deren Sprecher sagt, man warte nun auf das neue Twint. Technische Spezifikationen dafür hat auch die ­Migros Bank noch nicht erhalten.

Der grosse Schulterschluss der ­Banken erweist sich als aufwendig. Dafür gibt es zwei Gründe: Einerseits muss Twint-Chef Kneissler zwei redundante Systeme verschmelzen. Twint und ­Paymit setzen auf unterschiedliche Technologien an den Kassen, die beide ­weiterhin unterstützt werden sollen. ­Zudem sollen die Transaktionsdaten neu nach gängigen Kreditkarten-Protokollen ausgetauscht werden. Das ganze tönt nach eierlegender Wollmilchsau.

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Nicht kompatible Geschäftsmodelle

Gleichzeitig muss Kneissler zwei ­unterschiedliche Geschäftsmodelle vereinen: Das Bankenprodukt Paymit orientierte sich einst an der eher teuren Gebührenstruktur von Kreditkarten und sah seinen Zweck alleine im Ab­wickeln von Zahlungen. Twint dagegen pries sich dem Detailhandel mit extrem billigen Gebühren an und wollte das Geld in erster Linie mit Werbung ­verdienen. Man munkelt, Coop bezahle praktisch gar nichts für Twint.

Derzeit sei unklar, welche Philosophie sich durchsetzen werde, hört man in der Branche. Doch das wird entscheidend sein. Denn die grossen Händler werden nicht plötzlich in Gebühren einwilligen, wie sie von Paymit vorgesehen waren. Bei Coop geht man denn auch davon aus, dass der bestehende Vertrag weiterhin gilt, wie Baumgartner erklärt. Dazu kommen allenfalls Zuschläge für Kreditkarten, die neu in Twint eingebunden werden. «Doch das ist alles noch nicht entschieden.»

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Die Weko prüft noch die Fusion

Auch das Plazet der Wettbewerbskommission für die Fusion steht noch aus, obwohl die Absicht dazu bereits im Mai angekündigt worden war. Formell gemeldet wurde sie aber erst am 10. August, wie Weko-Sprecher Patrik Ducrey sagt – auch das ein Indiz für Verzö­gerungen. Für den Entscheid hat die ­Behörde Zeit bis Mitte September. Über Fragebogen hat sie nun betroffene Firmen befragt: Händler, Twint-Konkurrenten. Es ist zu vermuten, dass viele Wünsche platziert wurden.

«Gut möglich, dass die Fusion nur unter Auflagen bewilligt wird», vermutet ein Kreditkartenmanager. Denn die Allianz rund um das nationale Handy-Zahlungsmittel kontrolliert den Markt. Von der UBS bis zur Bank Brienz Oberhasli setzen alle Banken auf die gleiche App. Und nur auf diese. Ihre Kunden haben keine Möglichkeit, auf Alternativen auszuweichen, denn diesen wird der Zugang zu den Konten verwehrt. So sehen Kartelle im Lehrbuch aus.

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Möglich wäre, dass die Weko diese Konstellation aufzubrechen versucht, indem sie die Banken zwingt, ihre Schnittstellen für andere Anbieter zu öffnen. Für Twint-Chef Kneissler wäre das der GAU, denn er verlöre das Monopol auf den Direktzugang. Apple-Chef Cook hingegen hätte geschafft, was ihm bisher noch nirgends gelungen ist.