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Twint in Orange: Migros setzt auf eigene Bezahl-App

Migros setzt auf eigenes Twint
Twint: Migros-Supermärkte sind Twintfreie Zone. Keystone

Twint wird bis auf weiteres nicht an den Kassen der Migros akzeptiert. Die Kunden sollen mit der M-App zahlen.

Von Michael Heim
2017-10-06

Und dann konnte sich PR-Profi Victor Schmid nicht mehr halten. «Warum hat #Migros so lange mit Umstellen ihrer Kassen auf #Twint?? Jetzt aber Vorwärtsgang», twitterte er. Schmid ist nicht irgendwer. Er ist der offizielle Sprecher von Twint, der Bezahl-App der Schweizer Banken. Und diese suchen noch immer Händler, die Twint als Zahlungsmittel in den Läden akzeptieren. Händler wie die Migros.

Doch der grösste Schweizer Detaillist ziert sich. Fast zwei Jahre, nachdem bei Coop die ersten Zahlungen per Twint stattgefunden haben, sind die Kassen der 600 Migros-Supermärkte noch immer Twintfreie Zone. Und sie werden es voraussichtlich bleiben. Bezüglich einer direkten Akzeptanz an den Kassen gebe es nichts Neues zu sagen, sagt Migros-Sprecher Luzi Weber. Die Migros hat andere Pläne.

Twint in Orange

Das Powerplay der Migros hat einen guten Grund: Die Händlerin setzt auf ihre eigene App. Diese ist ein Twint in Orange. Denn nebst etwas Marketing-Schnickschnack dient sie den Migros-Kunden auch als Zahlungsmittel in den Supermärkten und Fachmärkten. So wie Twint.

Belastet werden die Einkäufe entweder auf einer hinterlegten Kreditkarte oder direkt auf einem Konto der Migros Bank. Und diese Rolle will Migros-Chef Herbert Bolliger auch der Banken-App zuweisen.

Grosse Hürde für Twint

Twint und die Konten der Postfinance sollen als weitere App-Zahlungsmittel aufgeschaltet werden, sagt Sprecher Weber. «Die Integration in die App steht im Zentrum. Ob Twint in Zukunft auch direkt am Zahlterminal angeboten werden soll, prüfen wir.» Die Botschaft: Twint darf gerne Einkäufe finanzieren. Aber lieber nur als Zahlungsmittel im Hintergrund. Der Kunde soll das orange M sehen, und daran hat wiederum Twint wenig Interesse.

Das Zögern der Migros sei kritisch für Twint, sagt Andreas Dietrich, Professor an der Hochschule Luzern und Experte für den Payment-Markt. «Wenn der grösste Detailhändler das Zahlungsmittel nicht akzeptiert, bedeutet das eine grosse Hürde.» Viele Konsumenten liessen sich erst auf ein Zahlungsmittel ein, wenn es bei allen wichtigen Läden akzeptiert werde.

Migros hat 3,5 Millionen App-Kunden

Der Migros geht es offenbar weniger um die Transaktionskosten von Twint als um die Herrschaft über die Kundenbeziehung. Nicht weniger als 3,5 Millionen Schweizer haben die Migros-App installiert, sagt Weber. Diese direkten Beziehungen will die Migros nicht verlieren.

Die App ist Chefsache. Es war Bolliger, der die Bezahlfunktion im Januar 2015 ankündigte. Er wünschte sich eine Alternative zum gescheiterten Tapit, mit dem die Swisscom das kartenlose Bezahlen in der Schweiz lancieren wollte. Bolliger hatte Grosses vor: Die App sollte auch bei anderen Händlern gebraucht werden können, sagte er der «Schweiz am Sonntag».

Keine externen Partner

Als Vorbild diente ihm wohl die alte Plastikwelt. Noch vor EC-Direkt und Postcard startete die Migros Bank 1988 einst mit der M-Card eine eigene Debitkarte, die nicht nur bei der Migros, sondern auch bei Partnern wie den SBB funktionierte. Ob Bolliger das auch mit der App gelingt, ist indes höchst unklar. Sprecher Weber nennt keine Zahlen zur Nutzung. Und externe Partner gibt es auch keine.

Twint-Chef Thierry Kneissler hingegen konnte zuletzt etwas zulegen. Im Sommer fuhren die Grossbanken aufwendige Werbekampagnen. Kaum eine Bankfiliale ist seither ohne Twint-Plakate. Gleichzeitig schalteten weitere Banken Twint-Apps auf. Die Kunden von zehn Instituten können nun damit bezahlen. Derzeit habe Twint 470 000 Kunden, sagt Sprecher Schmid. 20 Prozent mehr als im August.

Alle zwei Monate mit Twint bezahlen

Doch verglichen mit der etablierten Konkurrenz ist Twint noch immer ein Winzling (siehe Grafiken): Gemäss Statistik der Nationalbank sind derzeit rund 6,5 Millionen Kreditkarten im Umlauf. Bei Debitkarten wie Maestro, deren Einkäufe direkt auf einem Konto belastet werden, sind es sogar zehn Millionen.

Noch grösser ist der Unterschied bei den Transaktionen. Im Topf mit Kreditund Debitkarten hat Twint derzeit einen Anteil von nur 0,2 Prozent aller Einkäufe in Läden und im Internet. Twint ist nicht nur wenig verbreitet. Jene, die es haben, brauchen es auch kaum. Im Schnitt wird eine Kreditkarte dreimal pro Monat eingesetzt, jede Debitkarte sechsmal.

Teufelskreis

Mit Twint bezahlen die Nutzer dagegen nur alle zwei Monate. Es ist ein Teufelskreis: Weil die Händler Twint nicht akzeptieren, steigen die Konsumenten nicht um. Und weil niemand mit Twint bezahlen will, bleibt der Druck für die Händler gering, Twint aufzuschalten. Hält dieser Zustand zu lange an, droht das System zu kippen.

Mit ihrem Abseitsstehen ist die Migros nicht alleine. Eine weitere, grosse Abwesende ist Kioskbetreiberin Valora, von der man seit langem nichts mehr zu Twint gehört hat. Bekannt ist nur, dass im Sommer 2016 Gespräche mit Twint scheiterten. Inzwischen setzt Valora wie die Migros auf eigene Bezahl-Apps für ihre Läden.

Unterstützung wichtiger Player fehlt

Einst seien es die Banken gewesen, die sich nur zögerlich auf Twint und das Vorgängerprodukt Paymit haben einlassen wollen, sagt Dietrich. Nun fehle im Handel teilweise die Unterstützung von wichtigen Playern. Das könnte damit zu tun haben, dass mit dem Neustart von Twint im Frühling auch eine neue Gebührenstruktur beschlossen wurde. «Twint ist für die Händler nun deutlich teurer.»

Twint-Sprecher Victor Schmid bleibt optimistisch. Im Oktober vervierfache sich die Zahl der an Twint angeschlossenen Online-Shops auf 4000, sagt er. Jene unter dem Migros-Dach sind heute schon dabei. 

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