Der Dollar notiert bei 1.02 Fr. Die UBS prognostiziert per Ende 2008 einen Kurs von 1.12 und per Ende 2009 1.20 Fr. Was macht Sie so sicher, dass der Dollar steigt?

Klaus Wellershoff: Der Dollar ist in einer aussergewöhnlichen Situation. Gegenüber dem Euro, aber auch gegenüber dem Schweizer Franken war er kaufkraftbereinigt nie so billig wie heute. Wir wissen aus der Vergangenheit, dass Übertreibungen immer wieder stattfinden, dass sie aber in der Regel nicht langlebig sind.

Solange die USA ein grosses Leistungsbilanzdefizit haben, gibt das doch auch Abwärtsdruck auf den Dollar?

Wellershoff: Wechselkurse spiegeln nicht nur die heutige Situation wider, sondern auch die Erwartungen. Im tiefen Dollar ist bereits eingerechnet, dass die USA in der Rezession sind und es auch für einen Moment bleiben werden. Gleichzeitig reflektiert der Dollar auch die Erwartungen an die Zinspolitik der Notenbanken.

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Nämlich?

Wellershoff: Die Märkte erwarten, dass die Zinsen in den USA weiter sinken werden. Das steht im Kontrast zur Einschätzung, dass die Europäische Zentralbank, aber auch die Schweizer Nationalbank SNB eher abwartend agieren werden. Ein Teil dieser Erwartungen wird aber wohl enttäuscht werden.

Inwiefern?

Wellershoff: Diejenigen, die glauben, dass die Wirtschaftsentwicklung ausserhalb der USA so weitergeht wie in den letzten fünf Jahren, haben ein Weltbild, das wir nicht teilen. Wir rechnen damit, dass das Wachstum in Europa, aber auch in Asien deutlich abnehmen wird.

Merrill Lynch und Citigroup haben weitere Milliarden von Dollar abgeschrieben. Was erwartet uns noch?

Wellershoff: Wir haben uns monatelang nur auf die grossen Investmentbanken der Welt konzentriert. Die Aufmerksamkeit wird sich in den nächsten Monaten verschieben. Banken operieren unter strengen Rechnungslegungsvorschriften. Sie müssen praktisch zeitgleich kommunizieren, wenn etwas passiert. Daneben gibt es Finanzmarktteilnehmer, die unter ganz anderen Rechtsvorschriften operieren.

Hedge-Fonds, Pensionskassen, Versicherungen, Kreditversicherungsgesellschaften.

Wellershoff: Ja, wir sind sicher, dass wir in dem Bereich noch schlechte Nachrichten hören werden. Er ist von der aktuellen Krise genauso betroffen. Der Internationale Währungsfonds IWF schätzt den Verlust wegen der Kreditmarktkrise auf insgesamt 1 Billion Dollar. Knapp die Hälfte fällt bisher auf die Banken. Situationen wie beim weltgrössten Versicherer AIG, der wegen der Kreditmarktkrise überraschend Milliardenverluste geschrieben hat, werden wir noch vermehrt erleben.

Was heisst das für die Konjunktur in Europa und Asien?

Wellershoff: Es gibt dort eine Reihe hausgemachter Probleme. Diese lassen sich nicht mehr länger übertünchen. Die Weltwirtschaft wird unabhängig von dem, was in den USA passiert, langsamer wachsen. Europa hat mindestens genauso grosse Immobilienmarktprobleme wie die USA. Und China hat seit Jahren höhere Wachstumsraten, als inflationsneutral wäre. In Japan bröckelt die Wirtschaftsentwicklung, seit der Yen gegenüber dem Dollar etwas stärker geworden ist. Die Zentralbanken in Europa und in der Schweiz müssen mit grosser Wahrscheinlichkeit von ihrer aktuellen Geldpolitik abrücken.

Sie erwarten Zinsschritte nach unten?

Wellershoff: Ja, nach unserer Einschätzung innerhalb der nächsten zwölf Monate.

Wie spürt die Schweiz die Abkühlung?

Wellershoff: Was bis jetzt konjunkturell in den USA passiert ist, hat uns praktisch nicht berührt. Hauptsorge für uns in der Schweiz ist der schwache Franken, der ein erhebliches Aufwertungspotenzial bekommen hat. Die Schweiz hat in den letzten zwei, drei Jahren eine Wechselkursentwicklung gesehen, in der sich der Euro weit weg von den 1.45 Fr., dem handelsneutralen Wechselkurs, bewegt. Die SNB hat das tatenlos zugelassen.

Nationalbanken sollten mehr auf Währungsungleichgewichte fokussieren?

Wellershoff: Ich bin überzeugt, dass das Problem Währungsgleichgewicht für die ganze Welt um ein Vielfaches grösser ist als die aktuelle Kreditkrise im Hypothekenmarkt. Viele Schwellenländer haben eine Geldpolitik verfolgt, die wachstumsorientiert gewesen ist. Sie beschleunigten über tiefe Zinsen und einen schwachen Wechselkurs das Wachstum. Davon haben nicht nur die Exporteure dieser Länder profitiert: Wir haben Investitionsgüter geliefert, die Produktion ausgelagert und tiefere Preise für unsere Importgüter bezahlt, das hat unsere Inflation gedrückt. Das war ein tolles Spiel.

Es funktioniert aber nur so lange, wie man keine Inflation sieht und man eine so orientierte Geldpolitik betreiben kann. China hat nun 8% Inflation.

Wellershoff: Genau. Der beschriebene Mechanismus funktioniert so lange, wie es keine Inflation gibt. China ist so ein Musterbeispiel. Die Chinesen mussten ihre Währung deutlich aufwerten und die Geldpolitik straffen, um eine komplette Überhitzung der Wirtschaft zu vermeiden. Die Aufwertung des Yuan führt dazu, dass wir nicht mehr so billig importieren können. Wir importieren nun höhere Inflation, das heisst auch höhere Zinsen. Vor dem weltweit höheren Zinsniveau kann sich keiner verstecken.

Wenn das Preisniveau in den Schwellenländern steigt, wird Europa als Produktionsland plötzlich wieder attraktiv?

Wellershoff: Weltwirtschaftliche Arbeitsteilung wird nicht wegen Wechselkursschwankungen ausser Kraft gesetzt. Aber die Fehlbewertung des Euro im Verhältnis zu den asiatischen Währungen ist krass. Euro/Yen zum Beispiel notiert bei über 160. Wir glauben, dass er bei 110 liegen müsste. Wenn sich das korrigiert, braucht man nicht besonders intelligent zu sein, um zu merken, dass sich einige Investitionspläne im Bereich des Offshoring plötzlich nicht mehr rechnen. Das bedeutet grosse Abschreibungen in den Unternehmen. Teile der Auslagerung dürften dann auch wieder überdacht und vielleicht Teile der Produktion sogar wieder zurückgeholt werden.

Wann könnte das passiere?

Wellershoff: Vor einem halben Jahr wäre die Antwort gewesen: Die asiatischen Länder versuchen, die Währung schrittweise in geregelten Bahnen anzupassen, sodass es nicht zu starken konjunkturellen Verwerfungen kommen muss. Wenn ich nun das 1. Quartal anschaue, dann ging es unheimlich schnell.

Was schliessen Sie daraus?

Wellershoff: Wenn die Entwicklung so weitergeht, dann haben wir weltwirtschaftlich ein Problem. Dann werden die Wachstumsraten deutlich unter dem Trendwachstum bleiben. Der IWF geht davon aus, dass wir mit einer 25%-Wahrscheinlichkeit eine weltweite Rezession prognostizieren müssen. Das ist viel.

Auch der Ölpreis macht mit seinen immer neuen Höchstständen Sorgen. Wie wird er sich weiterentwickeln?

Wellershoff: Wenn unser Szenario stimmt, müsste der Erdölpreis in Richtung 70, 80 Dollar sinken. Er ist immer noch hoch, weil ausserhalb des US-Immobilienbereiches von einer Wachstumsverlangsamung noch wenig zu spüren ist.

3% Wachstum sind nicht schlecht für die Schweiz, der man lange kein Wachstum mehr zugetraut hat.

Wellershoff: In unserer Unternehmensbefragung Ende letzten Jahres sagten uns 29 von 30 Branchen, dass ihr Geschäftsgang überdurchschnittlich ist. Das ist auf Dauer nicht haltbar. Im Augenblick profitieren wir noch von der soliden Konjunktur Europas und einem schwachen Franken zum Euro. In dem Masse aber, wie wir mit einer Aufwertung des Franken rechnen müssen, werden unsere Exporteure leiden. Das wird Wachstum kosten.

Wie viel?

Wellershoff: Laut unserer Schätzung kann eine 10%-Aufwertung des Frankens bis zu 0,8% Wachstum kosten. Diesmal ist es schwieriger abzuschätzen, weil nicht nur die Exporteure unter der Aufwertung des Schweizer Frankens leiden werden, sondern auch die Finanzindustrie.

Inwiefern leidet diese?

Wellershoff: Bei Banken und Versicherungen sind die verwalteten Vermögen ein wesentlicher Werttreiber. Ein grosser Teil dieser Vermögen sind auf Eurobasis. In dem Masse, wie sich der Franken abwertet, schrumpfen diese Vermögen und damit auch die Fähigkeit, die in Franken gerechneten Erträge zu erzielen.

Das ist neu für die Schweiz?

Wellershoff: Ja, früher hat der Finanzplatz Schweiz profitiert, wenn der Franken aufgewertet wurde ? Stichwort sicherer Hafen. In dieser neuen Situation helfen uns unsere empirischen Erwartungen nicht viel. Wir rechnen damit, dass wir aufgrund der Frankenaufwertung signifikant an Wachstum verlieren. Für 2009 prognostizieren wir noch 1,4%.

Die Schweiz hängt von ihrer Exportindustrie ab. Was raten Sie den Unternehmen?

Wellershoff: Die Geschäftspolitik auf die aktuellen Wechselkurse abzustützen, wäre verantwortungslos. Firmen sollten sich bei der Budgetierung an dem orientieren, was langfristig erzielbar scheint.