Wenn Morgan Stanley zur «European Financials Conference» ruft, reist jeweils die globale Geldelite nach London. Dort treffen sich die Vertreter der Branche zum jährlichen Stelldichein. So auch wieder vor zwei Wochen. 800 Investoren und 95 Top-Shots aus der Hochfinanz trafen sich für drei Tage im «Hilton on Park Lane» im Stadtteil Mayfair. Darunter Grössen wie Josef Ackermann von der Deutschen Bank, Bob Diamond, Chef des britischen Barclays-Konzerns, oder Henri de Castries, der Lenker des französischen Versicherungsriesen Axa. Mit Bruno Pfister von der Swiss Life, Stefan Lippe von der Swiss Re oder Julius-Bär-Chef Boris Collardi sowie mit David Mathers, Finanzchef der Credit Suisse, war die Schweiz hochkarätig vertreten.

Auch John Cryan hätte am ersten Konferenztag ein Referat halten sollen. Doch der Finanzchef der UBS sagte seinen Auftritt kurzfristig ab. Stattdessen führte er Einzelgespräche mit ausgesuchten Investoren. Offiziell lässt die Grossbank verlauten, Cryan habe sich entschieden, «keine Präsentation zu bereits bekanntem Inhalt zu geben». Sprecherin Dominique Scheiwiller ergänzt: «Es gibt nichts, das da hineininterpretiert werden sollte.»

Grösste Baustelle

Die Branche interpretierte aber Cryans Rückzieher durchaus. Wie mehrere Teilnehmer des Treffens unabhängig voneinander bestätigen, kamen die Finanzprofis in London zu folgender Erklärung: Die UBS, so hiess es, stehe vor einer grossen Reorganisation ihres Investment Banking. Weil Cryan darauf noch nicht eingehen konnte, habe er seinen Auftritt abgeblasen.

In der Branche pfeifen es die Spatzen längst von den Dächern, dass das Investment Banking, das weltweit knapp 17 000 Leute beschäftigt, die grösste Baustelle im UBS-Konzern ist. Hohe Kosten, geringere Geschäftsvolumen sowie die strengeren Eigenkapitalvorschriften (Basel III und Swiss Finish), die den «Risikoappetit der Banker künftig zähmen sollen», wie Sarasin-Analyst Rainer Skierka sagt, haben die mittelfristigen Ertragsziele zur Illusion gedeihen lassen. Allerdings steckt die UBS in einem kommunikativen Dilemma, wie Skierka weiter weiss. Denn im Gegensatz zu anderen Instituten wie die CS, Barclays oder HSBC, die ihre Ertragsziele in den letzten Monaten zurückgenommen haben, hat es die UBS versäumt, ihre Ambitionen zu revidieren.

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Noch Ende 2010 bekräftigte Konzernchef Oswald Grübel am Investorentag den Anspruch, bis 2015 mindestens 15 Milliarden Gewinn vor Steuern zu erzielen und dass davon 6 Milliarden aus dem Investment Banking stammen. Immerhin räumt die UBS-Pressestelle nun ein: «Sollten wir einmal zum Schluss kommen, dass diese Ziele überarbeitet werden müssten, würde die Bank gemäss den Offenlegungsvorschriften der Börse informieren.»

Tatsächlich hinkt die UBS in manchen Bereichen der Konkurrenz so weit hintennach, dass der Rückstand kaum mehr aufzuholen ist, wie Kian Abouhossein, Finanzanalyst bei J.P. Morgan erklärt. Er meint damit vor allem den Handel mit festverzinslichen Finanzprodukten, auf Englisch Fixed Income. Es ist ein riskantes Geschäft, das in der Finanzkrise die grössten Verluste generierte. Darum soll es auf Geheiss der Regulatoren mit mehr Eigenkapital unterlegt werden. Das kostet und drückt auf Gewinn und Erträge.

«Die UBS steht unter einem enormen Druck»

Momentan sei die UBS noch überdurchschnittlich kapitalisiert, bestätigt Andrea Guth, Finanzanalystin bei der Basler Kantonalbank. Doch die neuen Vorschriften würden sich vor allem auf das Investment Banking negativ auswirken. Darum sei in absehbarer Zeit auch nicht mit einer Dividende zu rechnen. «Diese Aussicht lastet wie ein Bannstrahl auf der Aktie», sagt Guth.

Darum bleibt auch der UBS-Kurs seit Monaten in einer Bandbreite zwischen 16 und 20 Franken gefangen. Für Konzernchef Grübel, dessen Wertesystem von jeher auf der Börsenperformance beruht, und der seit seinem überraschenden Amtsantritt im Februar 2009 eine Herkulesarbeit geleistet hat, ist der Kurs eine herbe Enttäuschung. Das hat er im kleinen Kreis schon mehrmals gesagt.

«Die UBS steht unter einem enormen Druck, ihr Investment Banking zu überdenken und sich auf jene Bereiche zu konzentrieren, bei denen die Synergien mit anderen Sparten am grössten sind», erklärt Christian Stark, Finanzanalyst beim Research-Haus Cheuvreux in Zürich.

So fanden in den letzten Monaten zahlreiche Personalrochaden statt. «Vor einem Jahr wurde das Personal mit dem Ziel eingestellt, Erträge zu generieren. Nun ist die Zeit der Konsolidierung gekommen», sagte Finanzchef Cryan schon im Februar. Grosse Anstellungswellen werde es nun nicht mehr geben – eher eine «Rekalibrierung» jedes Arbeitsplatzes, so Cryan.

Vorerst sind verschiedene, sogenannte Co-Heads für einige der wichtigsten Sparten im Investment Banking ernannt worden. Sie sollen sich nun bewähren, sodass eine neue Struktur mit den fähigsten Leuten aufgebaut werden kann.

Eine leichtere Bank

Angesichts der anrollenden Regulierungswelle haben Analysten der Royal Bank of Scotland errechnet, dass die UBS für das Geschäft im Bereich «Fixed Income, Currencies and Commodities» (FICC) 16 Milliarden Franken an Eigenkapital aufwenden müsste. Bis zu 7 Milliarden Franken könnte die Division selber generieren. Der Rest müsste aus Gewinnen anderer Divisionen, namentlich aus der Vermögensverwaltung, kommen. Vor diesem Hintergrund fordern einige Investoren die Schliessung oder zumindest eine Abspaltung gewisser Geschäftssparten. Das nähme der UBS-Bilanz einiges an Gewicht: Laut den Analysten würde sie um 350 Milliarden Franken schrumpfen.

Eine «leichtere» UBS wäre immerhin ein geringeres Systemrisiko für die Schweiz. Es sei verfrüht, Entscheide über die Verlagerung von Geschäften, veränderte Strukturen oder den Ausstieg aus bestimmten Geschäften zu treffen, sagt UBS-Sprecherin Scheiwiller. «Sobald klar ist, wo welche Regeln gelten, werden international tätige Banken sich anpassen müssen – auch die UBS», gibt sich Scheiwiller jedoch sibyllinisch.

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UBS-Chef Grübel selber sagte unlängst, das Investment Banking werde in fünf Jahren ganz anders aussehen. Er schliesst nicht mehr aus, einzelne Bereiche juristisch ins Ausland zu verlagern und sie dort an der Börse zu kotieren. Damit könnte die Stammaktie der UBS wieder zu einem reinen Vermögensverwaltungs-Titel mutieren. Das würde wohl auch den Bannstrahl brechen, der heute auf den UBS-Papieren lastet.

 

Fokus auf Zahlen

Ambitiöse Ziele
Die Credit Suisse revidierte in diesem Jahr ihre Ertragsziele angesichts des veränderten Branchenumfelds und steht nun, zwei Wochen vor der Präsentation der Zahlen zum 1. Quartal 2011, weniger unter Erwartungsdruck. Anders die UBS. Nachdem die Führungsverantwortlichen noch Ende 2010 am Investorentag in London ihre Projektionen bis Ende 2014 bekräftigt hatten, sind sich Fachleute einig darüber, dass die grösste Schweizer Bank hinter ihren Zielen zurückliegt.

Schleppender Geschäftsgang
Analog zur Entwicklung an den Börsen dürften die ersten drei Monate im internationalen Investment Banking durchzogen gewesen sein. Tiefere Volumen und eine abwartende Haltung der Investoren, verbunden mit den politischen Unruhen, zunächst in Nordafrika und im Nahen Osten, dann aber vor allem die Naturkatastrophe in Japan haben die Marktdynamik beeinträchtigt. Die Zinsdiskussion sowie die Inflationssorgen belasteten zusätzlich.

Anpassungen bei der CS
An der kürzlichen Finanzkonferenz von Morgan Stanley in London erklärte David Mathers, Finanzchef der Credit Suisse, dass die Grossbank ihre Ressourcen vor allem in jenen Geschäftsbereichen ausbauen wolle, die von den verschärften Eigenkapitalvorschriften nach Basel III weniger betroffen seien. Dazu gehörten der Handel mit Aktien und aktiengebundenen Produkten sowie das Beratungsgeschäft. Im Gegensatz dazu wolle die Bank ihren Handel mit festverzinslichen Produkten den «Marktopportunitäten» anpassen.

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