Anfang November kam die am Hauptsitz in Zürich ausgelöste Entlassungswelle in New York an. Und sie traf dort auch David Gallers. Der 40-jährige Banker leitete bis dahin den Handel mit Produkten auf Credit Default Swap Indices. Das Geschäft mit Kreditausfallversicherungen ist hochkomplex. Kleine Entscheidungen können grosse Unterschiede machen. Nun wurde er Opfer der Kos­tensenkungsmassnahmen bei der Grossbank. In Zukunft macht ein Computer seinen Job.

Schon seit langem läuft die Computerisierung des Börsenhandels. Zuerst wurden die Aktien auf den elektronischen Handel umgestellt, dann die Anleihen. Jedes Mal geht die Computerisierung mit geringeren Ausgaben für die Banken und geringeren Einnahmen aus den Spannen zwischen Kauf- und Verkaufskurs einher.

Zu individuell und komplex

Swaps aber galten bislang genau wie Optionen als zu individuell und komplex, als dass man sie rationeller auf einer elektronischen Plattform handeln könnte. Doch das Dodd-Frank-Gesetz setzt die Branche unter Zugzwang.

Ausgerechnet die UBS, die im Handel mit Credit Default Swaps nicht als führend gilt, unternimmt nun die weitreichendsten Reformschritte. Zum einen startete sie vor sechs Monaten ein hauseigenes Handelssystem für Credit Default Swaps, dann entschied sie sich, auch die Kursangebote darin von einem Algorithmus einstellen zu lassen.

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Das Vertrauen in die elektronische Lösung ist gross – so gross, dass sie gleich den Chefhändler einspart. «Was die UBS machte, ist ­­revolutionär», erklärt Sunil Hirani, der schon 2008 eine Börse für Credit Swaps grün­dete, die jetzt zur Intercontinental Exchange gehört. «Jetzt, wo die Kunden auf den Geschmack gekommen sind, kann man die Uhr nicht mehr zurück­drehen.»

Dass die UBS die führende Rolle bei den Innovationen einnimmt, ist vielleicht der Mut der Verzweiflung, denn die Schweizer haben nicht so viel zu verlieren. «Die können sich weniger kannibalisieren», sagt Peter Tchir, Gründer der Strategie­firma TF Market Advisors.

Gesetz treibt Veränderung voran

Der Gesetzgeber fördert den Übergang auf ein standardisiertes und damit leicht zu automatisierendes Handeln. Nachdem 2008 Credit Default Swaps den amerikanischen Versicherer AIG und mit ihm das Weltfinanzsystem 2008 an den Rand des Ruins getrieben haben, schreibt das Dodd-Frank-Gesetz vor, dass eine Grosszahl von Swaps nicht mehr zwischen einzelnen Teilnehmern am Telefon gehandelt werden dürfen, sondern stattdessen an Börsen und elektronischen Systemen. Auch die Verrechnung in ­einem Clearinghouse wurde mit dem ­neuen Gesetz Pflicht.

Noch immer bangt die Branche, weil viele Details des Gesetzes noch nicht ausformuliert sind. Die beiden grössten amerikanischen Bankenlobbys putzen in Washington Türklinken, um die Anforderungen aufzuweichen.

Eigene elektronische Plattform

Die UBS machte der Unsicherheit vorab ein Ende und gestaltete eine eigene elektronische Plattform für Credit Default Swaps. «Wir bauten einen sicheren Sandkasten für uns und unsere Kunden, in dem wir ausprobieren können, wie ein solcher Markt sich anfühlen kann», sagt Paul Hamill, Chef des Global Credit Trading, gegenüber der Finanznachrichtenagentur Bloomberg.

Die Plattform heisst Price Improvement Network, jeder nennt sie aber nur kurz PIN. Sie wächst in Windeseile. Wurden zwischen März und Juni im Schnitt 7,5 Milliarden Dollar im Monat auf ihr gehandelt, waren es im Juli und August monatlich schon 11 Milliarden. Neuere Zahlen liefert die UBS nicht. Vom Gesamtmarkt ist das noch ein kleiner Teil: Im Durchschnitt werden täglich 64,2 ­Milliarden Dollar in Credit Default Swaps gehandelt.

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Mit Credit Default Swaps können Marktteilnehmer sich gegen Zahlungsausfälle einzelner Unternehmen absichern. Sie zahlen, wenn das zugrunde liegende Unternehmen ausfällt. Ein Credit Default Swap Index kombiniert die Ausfallrisiken vieler verschiedener Unternehmen und lässt Marktteilnehmer auf einen breiten ökonomischen Trend wetten. Der Index fällt, wenn das Vertrauen der Investoren in die Wirtschaftskraft steigt.

Differenz ist der Spread

Die Swaps werden normalerweise von Brokern per Telefon für ihre Kunden verhandelt. Die Händler senden dann per ­E-Mail Preisangebote hinaus. Kauft ein Kunde einen Swap, verkauft der Händler zur gleichen Zeit den Kontrakt zu einem höheren Preis an einen anderen Kunden. Die Differenz ist der Spread, von dem der Händler lebt. Elektronische Systeme bringen mehr Preistransparenz in den Markt, sodass in der Regel diese Kursspan­nen enger werden.

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Dass die UBS nach der erfolgreichen Einführung des Price Improvement Network auch das Einstellen von Kursen eher von einem Programm erledigen lässt, ist der logische nächste Schritt. Der Algorithmus, den die UBS vor knapp zwei Monaten einführte, passt die Weite der Spreads der Liquidität im Markt an. Gibt es eine hohe Nachfrage, verengt sich die Kursspanne – wird der Markt eng, verlangt das Computersystem eine höhere.

Bis zu 250 Millionen Dollar

Der UBS-Algorithmus kann Orders in Höhe von bis zu 250 Millionen Dollar im Benchmark-Index Markit CDX North America Investment Grade handeln. Sind die Benchmarks spekulativer, ist die grösste Order auf 50 Millionen Dollar ­limitiert. Das Ziel der UBS ist, dass wenigstens 85 Prozent aller Gebote für Credit Default Swaps komplett automatisch gehandelt werden, ohne dass ein Händler noch einmal nachverhandeln muss. Das wurde bereits übertroffen. Schon heute sind es fast 100 Prozent.

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Die UBS ist nicht die erste Bank, welche ihre Preise für Credit Default Swap ­Indices von einem Computer berechnen lässt, statt ihren Kunden die Preise durch einen Händler persönlich zu offerieren. Der Erzrivale Credit Suisse startete bereits Anfang 2011 einen automatischen Algorithmus zur Preisberechnung. Die britische Barclays Bank begann im April 2011, die Preise für kleinere Orders per Computer zu stellen. So will sie den Händlern den Rücken freihalten, den Kunden kompliziertere und grössere Deals zu offerieren. Wohl aber ist die UBS die erste Bank, die sofort Führungspersonal entlässt, ohne es zu ersetzen.

Händler verdienten Millionen

Wenn der Algorithmus funktioniert, kann eine Bank tatsächlich besonders teures Personal einsparen. Gerade weil zurzeit die Handelsvolumina in Credit Default Swaps zurückgehen, werden Kos­tensparrunden nötig. Im vergangenen Jahr allein schrumpfte das Handels­volumen in Credit Default Swaps um 20 ­Prozent. In der Spitze verdienten Swap-Händler mehrere Millionen Dollar im Jahr – ein Vielfaches dessen, was die Entwicklung eines mathematischen Modells kostet. «Die Automatisierung wird von Kostenspargedanken getrieben», erklärt Bonnie Baha, eine Expertin für Kredit­risiken beim Hedgefonds Double Line Capital.

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Mög­licher Fehler der Computer

Baha warnt jedoch, dass ein mög­licher Fehler der Computer leicht die Kosteneinsparungen bei den Händlern wieder aufwiegen könnte. Immer wieder verursachen Fehler elektronischer Programme dramatische Kursabstürze – sei es im Crash 1987, beim Flashcrash im Mai 2010 oder im August beim Brokerhaus Knight Capital, als das Haus durch einen Fehler im elektronischen Handel 440 Millionen Dollar verlor.

«Es ist ein ganz natürliches Bestreben, sich vom menschlichen Handel wegzubewegen», sagt Tchir, früher selbst Credit-Default-Swap-Händler. Und selbst die Mathematiker, die solche Algorithmen entwickeln, sind sich ihrer Arbeitsplätze nicht ganz sicher. Banken lagern die Softwareentwicklung gern nach Indien aus – dort arbeiten drei Mathematiker für den Preis von einem.