Noch findet Sergio Ermotti Zeit, um unter der Woche mit seinen Kollegen aus dem Tessin Abendessen zu gehen. Doch im Grossen und Ganzen sei er seit drei Monaten auf Achse, sagt der Banker im Gespräch. Bald steht er seit 100 Tagen im Sold der UBS – als Chef der Grossregion Europa, Naher Osten und Afrika.

Designierter UBS-Präsident Weber und die vier Chef-Kandidaten: Carsten Kengeter, Sergio Ermotti, Mark Branson und Jürg Zeltner.
Designierter UBS-Präsident Weber und die vier Chef-Kandidaten: Carsten Kengeter, Sergio Ermotti, Mark Branson und Jürg Zeltner.

Schon bei seiner Nomination im letzten Dezember hiess es umgehend, der polyvalente Banker, der seine Karriere beim US-Finanzriesen Merrill Lynch und beim deutsch-italienischen Unicredit-Konzern machte, sei der ideale Nachfolger für Konzernchef Oswald Grübel. Und da nun mit Axel Webers Ernennung auch der dereinst starke Mann im UBS-Verwaltungsrat feststeht, erhält die Personalie Ermotti weiteres Gewicht. Denn in seinen ersten Stellungnahmen erklärte der designierte Präsident Weber tatsächlich den Generationenwechsel an der Spitze der Grossbank zur Priorität.

Mehr als nur «best dressed man»

In der Praxis ist es mit Kronfavoriten allerdings immer so eine Sache. Je länger sie als solche gehandelt werden, desto mehr schwinden ihre Erfolgsaussichten. Dennoch hat Ermotti zurzeit die besten Karten auf Grübels Nachfolge. Schon Ende 2010 erklärte er im Freundeskreis selbstbewusst, er wäre dumm, wenn er dies nicht tun würde.

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Seit April 2011 ist er nun im Amt. Wie intern zu vernehmen ist, hatte er bislang noch keinen Grossauftritt. Das hat allerdings damit zu tun, dass sein Verantwortungsbereich auf der Organisationsmatrix weit verzweigt ist. Darum reiste er viel herum, sodass sich UBS-intern auch schon die Redewendung eingebürgert hat: «Ermotti war hier.» Parallel dazu folgt eine Anmerkung zu seinem Aussehen – besonders von den Frauen, wie ein UBS-Mitarbeiter anfügt. Verbürgt ist dazu, dass Ermotti schon zu Merrill-Lynch-Zeiten in London als «the best dressed man in the room» galt.

Auf seiner Mission soll er nun das Optimierungspotenzial zwischen der Vermögensverwaltung (Wealth Management) und dem derzeit darbenden Investment Banking ausloten. Davon hängt nicht zuletzt die Zukunft der sogenannten inte­grierten Bank ab. Ein wichtiger Verbindungsmann ist Jakob Stott. Der 56-jährige Däne stiess erst letzten Oktober zur Grossbank, nachdem er 30 Jahre in Diensten des US-Instituts J.P. Morgan gestanden hatte und Investment-Banking-Erfahrung mitbringt. Nun leitet Stott 45 Niederlassungen der UBS in Europa und ist für ­Ermotti von zentraler Bedeutung.

Ein weiteres, wichtiges Traktandum des potenziellen Grübel-Nachfolgers ist der Kontakt mit den internationalen Regulatoren, gerade weil sich die Branche weltweit mit einer weiter anschwellenden Flut an neuen Gesetzen und Bestimmungen konfrontiert sieht.

Darüber hinaus hat sich Ermotti bereits mit einer Reihe von grossen Kunden und Investoren getroffen, wie es aus dem Innern der UBS weiter heisst. Der Umgang auf dem internationalen Parkett ist ihm vertraut. Bereits in seiner Rolle als Nummer zwei bei Unicredit bewegte er sich trittsicher in der Welt. Zudem hat Ermotti in den Meetings des Executive Committees, also in den obersten Steuerungsgremien der Grossbank, auch Dossierfestigkeit an den Tag gelegt – sei es zur Abgeltungssteuer oder zum Thema «too big to fail». Und er überzeugt als Gastgeber bei den anschliessenden Dinners mit den UBS-Top-Leuten. «Er füllt den Raum», sagt einer, der meist dabei ist.

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So erstaunt es kaum, dass der Banker mit einem Büro an der Zürcher Bahnhofstrasse und in London intern gut ankommt – zum strammen Deutschen Axel Weber, der nächstes Jahr in den Verwaltungsrat der UBS einzieht, wirkt der Tessiner wie eine Antipode. Dabei werden sich gerade diese zwei Hoffnungsträger bestens verstehen müssen, soll die grösste Schweizer Bank nachhaltig in ruhigere Gewässer navigiert werden.

Kulturell wagt sich Ermotti bei der UBS auf neues Terrain vor, hat er doch – abgesehen von seiner kaufmännischen Lehre bei der Tessiner Cornèr Bank – nie in einem Schweizer Bankkonzern gearbeitet. Es sei so etwas wie ein «Weg nach Hause», liess er nach seiner Nomination verlauten. Inzwischen gestand er auch, dass er innerhalb der UBS mehr Schweizer Mentalität erwartet hätte. Stattdessen sei die Bank international, sprich sehr angelsächsisch organisiert. Er stellte in den ersten drei Monaten auch fest, dass die Bürokratie wie in allen Konzernen beträchtlich sei.

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Ermotti kommt zu einer Zeit, in der es vor allem zwei Traktanden gibt: Erstens die Zukunft der teuren und wenig berauschenden Investmentbank und zweitens die seit längerem stagnierende UBS-Aktienkursentwicklung. Das eine hänge mit dem anderen zusammen, sagt Beat Wittmann, Gründer und Chef der Zürcher Vermögensverwaltungsfirma Dynapartners. Eine grosse Investmentbank habe innerhalb der UBS, deren Kerndisziplin die Vermögensverwaltung sei, nichts verloren. Darum sei das Investment-Banking auf die Bedürfnisse im Wealth Management zurechtzustutzen, sagt Wittmann: «So würde der Aktienkurs schlagartig steigen.»

Die Rolle des Investment-Banking

Tatsächlich dürfte das Investment-Banking bei der Bestellung eines neuen Konzernschefs eine zentrale Rolle spielen. Seit die Sparte aber untertourig läuft, wird die Wahrscheinlichkeit aber immer kleiner, dass dereinst ein Investmentbanker oberster Chef wird. Kommt hinzu, dass der amtierende Leiter, Carsten Kengeter, Deutscher ist, was nach der Ernennung des Landsmanns Weber seine Aufstiegschancen klar schmälert. Trotzdem braucht die UBS in der Post-Grübel-Ära nach wie vor Vollblut-Investmentbanker.

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Axel Weber, als UBS-Präsident in spe, hat dies nicht unbedingt. Er arbeitete lange in einer Zentralbank, wo kommerzielle Überlegungen nicht zentral sind. Anders Ermotti. Bei Merrill Lynch bewegte er sich im Epizentrum des Investment-Banking, und bei Unicredit war er ebenfalls für die Sparte zuständig. Gleichzeitig leitete er das Firmenkundengeschäft und die Vermögensverwaltung. Mit diesem Erfahrungsschatz ist er zweifelsohne der heis­seste Anwärter auf den renommierten Job bei der UBS.

 

Grübel-Nachfolge: Das Personal-
Karussell dreht

Carsten Kengeter
Der 1967 geborene Investmentbanker hätte ideale Qualitäten, um die Nachfolge von UBS-Konzernchef Oswald Grübel ­anzutreten. Er studierte an der London School of Economics, arbeitete in Frankfurt, Hongkong und London für Barclays und Goldman Sachs, ­bevor er 2008 zur UBS stiess. Seine Arbeit als Chef der Investmentbank fand aber wegen der schlechten Märkte wenig Anerkennung. Mit der Nomination seines Landsmanns ­Weber ins UBS-Präsidium sind seine Chancen für einen Aufstieg weiter geschwunden.

Jürg Zeltner
Der Privatbanker, 1967 geboren, ist ein Urgewächs der UBS. Nach einer kaufmännischen Ausbildung begann er 1987 beim Bankverein, wo er sich nach oben arbeitete. Er besitzt auch Auslanderfahrung und war Chef für die UBS Deutschland. Heute leitet er das internationale Wealth Management der Grossbank. Allerdings beschränken sich seine Erfahrungen auf die Vermögensverwaltung.

Mark Branson
Der 43-jährige 
Brite arbeitet heute bei der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht Finma als Leiter des Bereichs 
Banken. Zuvor war er von 1997 bis 2009 in diversen Funktionen bei der UBS tätig, unter anderem als Kommunikationsmann, Finanzchef, Japan-Chef und Strategieexperte. Er repräsentierte die UBS auch vor Gericht in den USA. Kaum ein anderer Schweizer Banker verfügt über einen derart wertvollen Leistungsausweis.

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