KUNST IM HOTEL. Wer kennt sie nicht, die Hotels überall auf der Welt, die, nach festen Standards eingerichtet, ihre öffentlichen Räume und ihre Zimmer mit Kopien berühmter klassischer Maler oder gar mit Reproduktionen schmücken. Vor einigen Jahren konnte ein Gast es noch als beglückend empfinden, dadurch in einer «vertrauten» Umgebung zu verkehren. Heute haben in dieser Hinsicht jedoch ein Umdenken und eine markante Trendwende eingesetzt. Zwar gibt es immer noch mehr Häuser, die, obwohl mit mehreren Sternen bedacht, für Kunst kein Budget haben, als solche, deren Eigentümer dermassen viel Wert auf Kunst legen, dass sie – wie ein Hotelmanager es ausdrückte – «lieber Bilder einkaufen, als Rohre reparieren lassen». Jene, die es jedoch verstehen, sowohl Komfort wie auch eine exklusive Ambiance anzubieten, sind eindeutig im Kommen. Die Zahl der Hotels, die wahre «Kunstsammlungsstätten» sind, nimmt von Jahr zu Jahr zu. Denn in der Hotellerie hat man rasch gelernt, dass jene Gäste, die Komfort und Luxus schätzen, auch für Kunst und Stil ein offenes Auge haben. Sie fühlen sich in einer Umgebung, die nicht nur architektonisch und interieurmässig stimmt, sondern auch einen gewissen Kunstgenuss bietet, bedeutend wohler, und die Exklusivität von sachkundig ausgewählter Kunst wird von ihnen nicht nur geschätzt, sondern sogar honoriert.

Museum im Keller

Das neueste Fünf-Sterne-Haus in Zürich, das 2004 eröffnete Park Hyatt, präsentiert in allen öffentlichen Bereichen, d.h. bis zu den Damen- und Herren-Toiletten, klassische Moderne und Gegenwartskunst vom Feinsten. Dies ist eine Spezialität der 23 Park Hyatt Hotels, die zur heute weltweit 735 Häuser zählenden Hyatt-Kette gehören. Aufgrund eines von einem Kunsthistoriker erarbeiteten Gesamtkonzeptes sind in Zürich 91 Werke verschiedener Formate und Techniken von etablierten Künstlern wie Lynn Chadwick, Eduardo Chillida, Hans Hartung, Serge Poliakoff und Sol LeWitt zu sehen. Kleinere Objekte wie Vasen von Gae Aulenti und Paolo Venini findet man darunter ebenso wie das speziell von Sol LeWitt geschaffene, 53 m2 grosse Wandgemälde «Appetizer» in der Empfangshalle. Der Text der informativen Broschüre, die kunstinteressierte Gäste bei der Reception verlangen können, wurde von Matthias Frehner, Direktor des Berner Kunstmuseums, geschrieben. Alle Werke wurden bei bekannten Zürcher und St. Galler Galerien eingekauft.Im neuesten in Buenos Aires eröffneten Park Hyatt wurde sogar zusätzlich zum Kunstkonzept für die öffentlichen Räume im Keller des Hotels ein hauseigenes Museum eingerichtet.

An- und aufregend

Während sich das Park Hyatt bewusst vom «konfrontationsfreudigen Hauptstrom der zeitgenössischen Kunst» absetzt, hat sich das Hotel Castell in Zuoz damit direkt in die Medien «gesprengt». Roman Signers «Tisch mit Raketen» ist nur eines der vielen unübersehbaren Exponate, mit welchen sich das Castell seit der Wiedereröffnung im Jahr 2004 profiliert hat. Besitzer, Hauptaktionär und Künstler Ruedi Bechtler hat dem Haus einen «kleineren Teil» seiner Privatsammlung zur Verfügung gestellt. Allein aus dieser sind im Eingangsbereich und in den fünf Stockwerken des 1912 erbauten Hotels rund 150 Bilder und Installationen zu sehen. Daneben gibt es grössere, von der Walter A. Bechtler Stiftung finanzierte Künstlerprojekte, und auch mit der renommierten Galerie Hauser & Wirth besteht eine enge Verbindung. Und während die in St. Gallen gestaltete rote «Stadt Lounge» von Pipilotti Rist infolge der Witterung am Verbleichen ist, strahlt die von der Künstlerin zusammen mit der Architektin Gabriele Hächler geschaffene «Rote Bar» im Castell in vollem Glanz.Kunst, so gesteht das Pächterehepaar Richard und Bettina Plattner freimütig, ist ein hervorragendes Marketinginstrument, welches Wege für eine breitere Kommunikation öffnet, zusätzliche Gästegruppen anzieht und Emotionen weckt. Der Erfolg gibt ihnen Recht. Auch einheimische Unternehmen bringen gerne ihre Kunden im Castell unter. Für die Leiterin Private Banking der Graubündner Kantonalbank, Maya Sonderegger, ist das Haus eines ihrer Lieblingshotels. Art Weekends, wo Gäste Gelegenheit haben, mit Künstlern wie Olaf Breuning, David Shrigley oder Erwin Wurm auf Tuchfühlung zu gehen, finden genauso Anklang wie die von Ruedi Bechtler initiierten «Collector’s Days».

Anzeige

Die Zimmer zuletzt

Während in vielen Hotels bereits seit Jahrzehnten in den öffentlichen Räumen repräsentative, gut gesicherte Originale zur Schau gestellt und dort auch Ausstellungen von – meist lokalen oder regionalen – Künstlern und Galerien gezeigt werden, werden die Gästezimmer nur sehr zögerlich in ein Gesamtkunstkonzept einbezogen. Im Park Hyatt fehlt in den Zimmern mit Ausnahme der Suiten Kunst gänzlich, und auch im Castell sind nur einige wenige Zimmer mit Videostills von Signer-Aktionen sowie Blumen- und Bergfotografien von Fischli/Weiss ausgestattet. Demgegenüber ist nun Yvette Thüring, Direktorin des Swissôtel Le Plaza am Messeplatz in Basel, daran, eine von ihrem Vor-Vorgänger Joe Gehrer angefangene Tradition, Basler Kunst in das Hotelinterieur zu integrieren, neu zu beleben. So wurden die 15 Zimmer des kürzlich vollständig renovierten zweiten Stocks des Hotels mit Fotografien des bekannten, 2001 verstorbenen Fotografen Peter Heman ausgestattet. Als sehr innovationsfreudig zeigt sich auch das Arte Luise Kunsthotel in Berlin Mitte. Obwohl preislich eher im mittleren Segment, hat sich das ehemalige «Künstlerheim Luise» mit einem radikalen Konzept positioniert: Alle 50 Zimmer des Hotels wurden von einem internationalen Reigen junger Künstler gestaltet. Dabei kann das gesamte Zimmer, ja sogar das Mobiliar und die sonstige Ausstattung, Gegenstand des künstlerischen Konzeptes sein. Jedes Zimmer ist deshalb ein «Unikat» und wird nicht nur mit einer Zimmernummer bezeichnet, sondern mit einem Titel. So hat der in New York lebende Holländer Hans van Meeuwen – nomen est omen, denn das holländische Wort «Meeuw» heisst «Möve» – ein Zimmer mit dem Titel «Nest» gestaltet: Über dem Bett ragt ein fast zwei Meter langer Vogelschnabel aus der Wand. Riesige Eier sind im Zimmer verteilt, und der Gast liegt tatsächlich in «seinem Nest». Der Bielefelder Heiner Meyer bringt demgegenüber mit seinem in schwarz-weiss gehaltenem Zimmer «Glamour» eine Hommage an Audrey Hepburn, die Hollywood-Ikone der 60er und 70er Jahre.

Umsatzbeteiligung

Ungewöhnliche Wege geht das Arte Luise Kunsthotel auch hinsichtlich der Honorierung der Künstlerinnen und Künstler. Als Honorar für ihre «Werke» erhalten sie nicht nur rund 5% vom jeweiligen Umsatz «ihrer Zimmer» als eine Art «Künstlerbonus», sondern auch eine einmalige Aufwandentschädigung für Material und andere Aufwendungen und schliesslich ein Kontingent an freien Übernachtungen. Damit das Haus dem Anspruch, zeitgenössische Kunst zu präsentieren, auch gerecht wird, werden die Zimmer alle zwei bis fünf Jahre wieder zur Neugestaltung ausgeschrieben.Das Brüsseler Royal Windsor Hotel Grand Place, nicht nur dem Namen nach ein Fünf-Sterne-Hotel, ging ähnliche Wege wie das Berliner Haus: Hier wurden zwölf von der Form her ungewöhnliche Zimmer von zwölf belgischen Modeentwerfern gestaltet. Diese seit 2004 bestehenden «fashion rooms» sind, trotz Preisen ab 450 Euro pro Nacht, auf Wochen ausgebucht. Für die Hotelbranche zeigt sich somit eindeutig: Kunst belebt das Geschäft!

Anzeige

Park Hyatt Zurich

Swissôtel Le Plaza Basel

Hotel Castell, Zuoz

Arte Luise Kunsthotel, Berlin

Hotel Royal Windsor, Brüssel