Die Schweizer bangen gemeinsam mit den Österreichern: Was in einem Skirennen undenkbar wäre, ist im Insolvenz-Poker um den Quelle-Versand Realität. Eine Rettung der Schweizer Quelle-Tochter ist nämlich unmöglich, wenn nicht auch für die Töchter in Österreich und Osteuropa eine Lösung gefunden wird. Der deutsche Insolvenzverwalter will die ausländischen Quelle-Töchter nur im Paket verkaufen.

Österreich steht im Zentrum der Bemühungen, da sich dort eine grössere Logistikeinheit befindet, die bisher gut funktioniert hat. Von Österreich aus wurden das ganze Osteuropa-Geschäft und auch die Schweiz mit Waren versorgt. Die Schweizer Niederlassung bietet zudem teilweise identische Angebote in den Katalogen an wie die österreichische Tochter.

Gemäss der Zeitung «Österreich» soll sich nun eine internationale Beteiligungsgesellschaft gemeinsam mit Ex-Rewe-Austria-Chef Martin Lenz für Quelle Österreich interessieren. Lenz war zuletzt Chef des deutschen Versandhändlers Neckermann und bis 1998 Vorstand von Quelle Österreich. Lenz ist als Sanierer bekannt, das hat er bei Neckermann.de bewiesen. Lenz braucht aber einen Finanzinvestor.

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Klar ist: Gespräche mit Investoren sind derzeit am Laufen. Und klar ist auch: Die Zeit drängt. Nur noch bis Ende dieser Woche läuft die Frist, um eine Lösung zu finden. Gibt es keine Einigung, gehen auch die Quelle-Töchter Konkurs. Für die Schweizer Niederlassung mit 140 Mitarbeitern, die profitabel gearbeitet hat, wäre dies eine Hiobsbotschaft.

Gemäss Informationen der «Handelszei-tung» spricht der deutsche Insolvenzverwalter noch mit drei Interessenten für die Quelle-Töchter. Einer davon soll die Schweizer Modekette Charles Vögele sein. Vögele will im Versandhandel Fuss fassen und ist in Österreich sowie in Osteuropa bereits tätig. «Multichannel ist die Zukunft. Wir wollen auch Onlineshops anbieten», sagte André Maeder, CEO von Charles Vögele, erst vor kurzem im Interview mit der «Handelszeitung». Und Dirk Seifert, Chief Marketing & Sales Officer bei Charles Vögele, war von Mitte 2005 bis Ende 2007 Geschäftsführer der Quelle GmbH in Deutschland und kennt Quelle also bestens.

La Redoute mögliche Käuferin

Bei der Vögele-Konzernzentrale in Pfäffikon SZ gibt man sich zu einem Kauf von Quelles Tochter verschlossen. «Wir kommentieren das nicht», sagt Mediensprecher Daniel Bärlocher. Auch bei La Redoute, einem weiteren möglichen Käufer, will man zu den Gerüchten keine Stellung nehmen. Das Unternehmen gehört zur französischen Gruppe PPR Pinault-Printemps-Redoute. Der Firma geht es derzeit nicht besonders gut. Das französische Katalog- und Online-Versandhaus hat bereits im letzten Jahr angekündigt, in den nächsten vier Jahren 672 Stellen zu streichen. Nun fallen weitere 230 Arbeitsplätze dem Rotstift zum Opfer. In den ersten drei Quartalen hat La Redoute 9,5% weniger Umsatz erzielt als noch in der Vorjahresperiode. Als dritter Interessent soll wie erwähnt Martin Lenz zusammen mit einem Finanzinvestor mit von der Partie sein, heisst es in der Branche.

Bei Quelle in der Schweiz verweist man auf Anfrage auf den Insolvenzverwalter in Deutschland. Gemäss Quelle-Schweiz-Sprecherin Karin Müller ist die Stimmung unter den hiesigen Mitarbeitern trotz Unsicherheit gut. «Wir freuen uns über einen ausgezeichneten Geschäftsverlauf im Oktober und bereiten uns mit Hochdruck auf das bevorstehende Weihnachtsgeschäft vor.» Die Angst, dass ein Käufer am Ende nur an der Marke und dem Adressstamm interessiert sein könnte und die Mitarbeiter auf der Strecke bleiben, habe man nicht. «Die Auslandsgesellschaften haben weit mehr zu bieten als die Marke und die Adressen.

Sie erwirtschaften, vor allem auch in der Schweiz, ein positives Ergebnis. Daher sehen wir dem Abschluss der Gespräche mit grosser Zuversicht entgegen und freuen uns auf die Chancen, die sich mit einem neuen Eigentümer ergeben.»

Dieser Optimismus in Ehren, doch dass sich tatsächlich noch ein Investor findet, ist alles andere als gewiss. Reiner Versandhandel mit eigenem Warenbestand ist sehr kapitalintensiv. Die Ware wird erst einmal ins Lager gestellt und sie «dreht» dort im Normal-fall langsamer als im stationären Detailhandel. Die Quelle-Auslandtöchter müssten also eine Kapitalspritze erhalten, um überhaupt ihre Waren beschaffen zu können. «Ein Finanzinvestor müsste zuerst einmal einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag in Euro in die Hand nehmen, um die Warenbeschaffung sicherzustellen», sagt ein Versandhandelsmanager. Ganz zu schweigen davon, dass nach dem Konkurs des deutschen Mutterhauses auch eine neue Struktur geschaffen werden müsste.

Reine Textilversender darben

Lichtblick für Quelle ist aber, dass es vielen spezialisierten Versandhändlern trotz Krise relativ gut läuft. Patrick Kessler, Präsident des Schweizer Versandhandelsverbandes, bestätigt: «Die Umsätze der Branche liegen in etwa auf Vorjahresniveau. Viele Spezialversender konnten dieses Jahr sogar ihre Umsätze noch steigern.» Nach wie vor schwierig sei es für die reinen Textilversender - und das ist Quelle mit seinem Angebot, das von Schmuck bis zu Spielsachen reicht, längst nicht mehr