Die ein halbes Jahr dauernde Übernahmeschlacht um ABN Amro ist beendet. Barclays-Chef John Varley räumte jetzt seine Niederlage ein. Damit ist der Weg frei
für Royal-Bank-of-Scotland-Chef Fred Goodwin und das von ihm angeführte Dreierbündnis, das die Zerschlagung der niederländischen Grossbank plant. Die Annahmefrist für die Offerte der Royal Bank of Scotland (RBS) endete am vergangenen Freitag. Wie viele ABN-Amro-Aktionäre ihr zustimmten, soll erst in der kommenden Woche veröffentlicht werden.

Am Erfolg des Konsortiums aus RBS, der spanischen Banco Santander und der belgisch-niederländischen Fortis gab es in den vergangenen Wochen kaum noch Zweifel. Zu weit lagen die beiden Angebote auseinander. Während das Trio rund 71 Mrd Euro auf den Tisch legte, war das Barclays-Angebot am Ende lediglich knapp 62 Mrd Euro wert. Dazu bestand die Barclays-Offerte noch zum grössten Teil aus Aktien. Das sehen viele Investoren, gerade Hedge-Fonds, nicht so gern, da sie dadurch zunächst einmal an das neue Unternehmen gebunden sind. Sie bevorzugen in solchen Fällen einen möglichst hohen Baranteil.

Bisher grösste Transaktion

Die Übernahme von ABN Amro ist nicht nur die grösste, die es je im Finanzsektor gab. Das Dreierbündnis hat auch bewiesen, dass es möglich ist, gegen den Willen des Managements eine solche Transaktion abzuschliessen. Feindliche Übernahmen in der Bankenbranche werden von vielen Beobachtern als wenig Erfolg versprechend erachtet. Zu gross erscheint die Gefahr, dass Mitarbeiter und Kunden aufgeschreckt das Weite suchen.
Zu Beginn des Übernahmekampfes im Frühjahr sprach sich das ABN-Management für die Barclays-Offerte aus und lehnte das Konkurrenzangebot ab. Die ABN-Führung verkaufte sogar die US-Tochter La Salle, um das eigene Haus unattraktiver für das RBS-Bündnis zu machen. Dies liess sich davon nicht abschrecken, sondern hielt an seinem Angebot fest.
Aus seinen Plänen machte das Trio nie einen Hehl: ABN Amro soll zerschlagen werden. RBS hat es auf die Investment-Banking-Aktivitäten abgesehen, Santander will seine Position in Brasilien und Italien stärken und Fortis will das Filial- und Vermögensverwaltungsgeschäft. Gewerkschaften befürchten, dass rund 19 000 der mehr als 100 000 Arbeitsplätze verloren gehen.

Anzeige

200 Mio Euro «Strafgebühr»

Die Barclays-Aktionäre be-grüssten den Rückzug. Die Aktie lag deutlich im Plus. Vorstandschef Varley hatte zuletzt immer wieder klar gemacht, dass er nicht um jeden Preis an seinen Plänen festhalten werde. Zumal auch
Barclays von den durch die US-Hypothekenkrise verursachten Turbulenzen betroffen ist.
Varley äusserte sich nun zuversichtlich, dass sein Institut auch ohne ABN Amro in den kommenden Jahren bedeutend wachsen werde. Es wird erwartet, dass er sich nach neuen Übernahmezielen umschaut.
Der britische Mitbewerber Standard Chartered wurde in Finanzkreisen schon in den vergangenen Wochen als eine der Optionen genannt. Mit den gesparten Milliarden will Barclays zunächst aber einmal eigene Aktien zurückkaufen. Zudem fordert das Institut von ABN Amro 200 Mio Euro als «Strafgebühr», da die Bank ursprüngliche Zusagen nicht eingehalten habe.

----

Die Nachahmer warten erst noch ein wenig ab

Der Kauf von ABN Amro ist nicht nur die grösste Transaktion, die es je in der Finanzbranche gab. Es ist auch das erste Mal, dass die Führungskräfte beider Seiten nicht schon vorher monatelang hinter verschlossenen Türen verhandelten und ihren Aktionären anschliessend eine einvernehmliche Lösung präsentierten – wie dies beispielsweise vor zwei Jahren bei der Übernahme der HypoVereinsbank durch den italienischen UniCredit der Fall war.

Das Dreierbündnis um die Royal Bank of Scotland überging das ABN-Amro-Management einfach und wandte sich direkt an die Investoren. Nicht das bessere Konzept für die niederländische Grossbank, sondern die Höhe des Angebotes gab denn auch letztlich den Ausschlag. Für die Vorstände von Banken rund um den Globus ist der Rückschluss nun klar: Niemand kann sich mehr sicher fühlen.

Anzeige

Doch es wäre zu früh, in den nächsten Monaten nun eine Welle von Nachahmer-Transaktionen zu erwarten. Viele Interessenten werden zunächst einmal den Ausgang einer weiteren Premiere abwarten. Noch nie wurde eine Bank dieser Grössenordnung zerschlagen und unter drei Kreditinstituten aufgeteilt. Geht dies schief, bleibt ABN Amro eine Ausnahme.