Der Anspruch und das Motto des neuen Deutschen Uhrenmuseums Glashütte sind weitestgehend gleich: «Faszination Zeit – Zeit erleben.» Dahinter verbirgt sich nichts anderes als 160 Jahre gleichermassen bewegender wie faszinierender Uhrengeschichte im abgeschiedenen Müglitztal.

Auch ein Stück DDR-Geschichte

Natürlich besitzt die tickende sächsische Uhrenschau eine Vorgeschichte. Und die kann durchaus als illuster gelten. Bereits 1972 hatte der volkseigene Glashütter Uhrenbetrieb, aus dem die Uhrenmanufaktur Glashütte Original (gehört heute Swatch) hervorgegangen ist, ein kleines Uhrenkabinett eingerichtet. Hier konnte man jene Uhren bewundern, welche der Stadt nach den Enteignungen im Jahre 1951 zugefallen waren.

Auf die Wende folgte eine interessante, aber nicht unbedingt befriedigende Private-public-partnership-Phase: Die Uhrenmanufaktur stellte Räume und Personal, die Kommune einen Ausschnitt aus dem breiten Spektrum der verfügbaren Exponate zur Verfügung. Die engen Räumlichkeiten im Glashütte-Original-Foyer konnten allerdings den überlieferten Schätzen sächsischer Provenienz nicht gerecht werden.

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Damit war guter Rat zunächst einmal teuer. Glücklicherweise gab es in Glashütte ein adäquates Gebäude, welches im Jahre 1882 für die deutsche Uhrmacherschule errichtet worden war. Das Engagement des Fabrikanten Moritz Grossmann hatte 1878 zur Gründung dieser bedeutenden Bildungseinrichtung geführt. Nach dem Mauerfall wurde das stattliche Bauwerk im Herzen von Glashütte zunächst einmal zweckentfremdet. Danach stand es nicht zuletzt deshalb jahrelang leer, weil der Stadt die Mittel für eine grundlegende Sanierung fehlten. Ohne die war eine sinnvolle Nutzung jedoch nicht möglich.

Mit der gütigen Hilfe von Hayek

Deshalb brauchte es mit Blick auf das beinahe unverzichtbare Uhrenmuseum einmal mehr die Kooperation zwischen öffentlicher und privater Hand. Nach einigem Hin und Her konnte am 16. März 2006 die Urkunde zur Gründung der Stiftung Deutsches Uhrenmuseum Glashütte – Nicolas G. Hayek im Rahmen eines feierlichen Akts unterzeichnet werden.

Wie aus den Stiftungsnamen unzweifelhaft hervorgeht, ist die Schweizer Swatch Group massgeblicher Partner der gemeinnützigen Stiftung, deren primärer Zweck im Aufbau und Betrieb von Museum, Archiv, Bibliothek und Schauwerkstätten besteht. Rund 10 Mio Euro werden die Marke Glashütte Original und deren Mutter Swatch Group aus Biel in dieses kulturell ungemein wichtige Projekt investieren.

Seit Mai 2008 offen

Neben den Exponaten brachte die Stadt letztlich auch das Gebäude mit, welches Co-Stifter Swatch Group in der Folge käuflich erwarb, um es von Grund auf zu renovieren. Der Kaufpreis floss allerdings unverzüglich dem Stiftungsvermögen zu.

Das weitere Geschehen ging äusserst zügig und deswegen in erstaunlich kurzer Zeit über die Bühne. Deshalb konnte die Eröffnung des Deutschen Uhrenmuseums – wie geplant – im Mai dieses Jahres stattfinden.

Äusserlich hat das Gebäude seinen markanten Charakter voll und ganz bewahrt. Innen ist der Wandel hingegen unübersehbar. Modernität ist eingekehrt, verknüpft mit dem nötigen Respekt vor einer grossartigen Vergangenheit. Auf zwei Etagen und zirka 1000 m2 haben Professor Uwe R. Brückner und sein Team rund 160 Jahre Uhren- und Uhrmachergeschichte eindruckvoll in Szene gesetzt.

Lebendige Geschichtslektion

Museumsdidaktisch stützt sich das Stuttgarter Atelier dabei auf zwei völlig unterschiedliche Gestaltungselemente. In den sogenannten «Historienräumen» präsentieren sich die Dinge in streng chronologischer Reihenfolge. Die Besucher hangeln sich sozusagen am geschichtlichen Ablauf entlang, dargestellt unter anderem durch Dokumente, Bilder und jede Menge realer Objekte.

Hier lässt sich die Historie der Glashütter Uhrmacherei und der mit ihr verwandten Branchen im Rahmen des Rundgangs höchst anschaulich erleben. Auf diese Weise dringt die erstaunliche Genese von sehr bescheidenen Anfängen bis zur grossen Blüte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und danach auch die Jahre unter Obhut des vom Staat streng beaufsichtigten Volkes nachhaltig ins Bewusstsein.

Für die nötige Auflockerung zwischendurch sorgen «Zeiträume». Sie laden ein zum Verweilen, zur interaktiven Auseinandersetzung mit der Uhrenmaterie oder jenem kostbaren, weil unwiederbringlichen Gut, zu dessen Zerstückelung und damit präzisen Messung mechanische Uhren erfunden wurden. «Der metaphysische Aspekt der erlebten Zeit soll ein nachvollziehbarer Faktor der Ausstellung sein. In dieser Hinsicht haben die Vorstellungen unserer- und auftraggeberseits zusammengefunden», meint Professor Brückner beim Betreten eines lang gestreckten Raums, welcher eine multimediale Enzyklopädie der Uhrmacherei beherbergt. Hier lernen die Gäste in höchst anschaulicher Form, was beispielsweise ein Anker oder eine Unruh ist.

Eine Einladung zum Mitmachen

Ein anderer «Zeitraum» widmet sich dem tickenden Mikrokosmos. Ein eindrucksvoller Projektionstisch macht Interessierten verständlich, wie ein mechanisches Uhrwerk funktioniert. Ebenfalls interaktiv lassen sich die verschiedenen Baugruppen des Kalibers 60 von Glashütte Original aufrufen und anhand detaillierter Erläuterungen studieren.

Dass sich die Zeit, die Uhren sowie die mit ihrer Entwicklung und Herstellung befassten Berufszweige quasi auf einer musealen Bühne zur Schau stellen, ist ganz im Sinne des Ausstellungsarchitekten, eines gelernten Bühnenbildners, der die Auffassung vertritt, einen Inszenierungsrhythmus in die historischen Räumlichkeiten gelegt zu haben.

Zeit für die Zeit

Der Besuch in Glashütte, dem Ort im Ost-Erzgebirge zwischen Dresden und der tschechischen Grenze, verlangt nach einem gerüttelt Mass an Zeit. Wer möchte, kann locker einige Stunden im Uhrenmuseum Glashütte verbringen. Oder man kommt einfach immer wieder. Täglich von 10 bis 17 Uhr sind die Türen offen. Und neben der Tageskarte für 6 Euro gibt es auch einen Jahrespass für 30 Euro.