Walter Knabenhans war von 2001 bis 2005 CEO der Privatbank Julius Bär. Nach Unstimmigkeiten mit dem damaligen Verwaltungsratspräsidenten Thomas Bär verliess er den Chefsessel und wechselte zur Swissfirst. Diese fusionierte darauf mit der Bellevue Bank. Daraus entstand die heutige Bellevue Group. Der Ex-Bär-Manager ist für seine prononcierten Aussagen zu den Finanzmärkten bekannt.

Seit den Swissfirst-Schlagzeilen ist es um Sie und um die ganze Bellevue Group ruhig geworden. Wie geht es Ihnen heute?

Walter Knabenhans: No news are good news. Wir sind froh, dass nun die ganze Swissfirst-Thematik vorbei ist. Alle Schuldzuweisungen und Vorwürfe haben sich ja als gegenstandslos erwiesen.

Hat die Swissfrist-Affäre noch negative Auswirkungen auf das Image der Bellevue Group?

Knabenhans: Nein. Ich kann mit gutem Gewissen sagen, dass die ganze Angelegenheit nun definitiv abgeschlossen ist. Dazu beigetragen hat sicherlich auch der vorgenommene Namenswechsel.

Nachdem Sie 2005 als CEO bei Julius Bär zurückgetreten sind, wollten Sie sich eigentlich zur Ruhe setzen. Bereuen Sie es noch nicht, das Präsidium der Bellevue Group angenommen zu haben?

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Knabenhans: (lacht) Im arbeitsrechtlichen Sinne bin ich heute bereits in Pension. Noch bis vor zwei Jahren hatte ich hier vorübergehend ein Vollzeitpensum. Damals musste ich vor allem viel Krisenmanagement betreiben. Heute kann ich es wesentlich ruhiger angehen.

Sind Sie sicher? Schliesslich musste die Bellevue Group im 1. Halbjahr 2008 einen massiven Gewinnrückgang von 56% hinnehmen.

Knabenhans: Beim Halbjahresergebnis müssen zwei essenzielle Punkte auseinander gehalten werden. Einerseits sorgte der Erlös aus dem Verkauf des Private Bankings der Swissfirst für einen ausserordentlich hohen Gewinn im letzten Jahr. Andererseits spüren wir im Kerngeschäft wie alle anderen auch eine klare Verlangsamung der Finanzmärkte.

Mit welchen Massnahmen geben Sie Gegensteuer?

Knabenhans: Schwierige Zeiten sind immer die besten Zeiten, um die gewählte Positionierung zu stärken. So ist es wesentlich einfacher, positiv aufzufallen, wenn alles um einen herum in einen negativen Mantel gehüllt ist. Wir sind darin bestrebt, unsere bereits bestehenden guten Kundenbeziehungen zu intensivieren. Weiter investieren wir stark in unser organisches Wachstum. So gelangen derzeit viele gute Mitarbeiter der Konkurrenz in den Arbeitsmarkt. Allerdings dürften sich die Neueinstellungen kurzfristig auf der Kostenseite bemerkbar machen. Ich denke aber, dass dadurch, langfristig gesehen, ein grosser Mehrwert geschaffen wird.

Die Aktie der Bellevue Group hat seit Anfang Jahr über 40% eingebüsst. Das ist mehr als bei einigen Ihrer Konkurrenten. Woran liegt das?

Knabenhans: Die Kursentwicklung der Aktien ist immer das Resultat von Angebot und Nachfrage an der Börse. Wir glauben aber, dass der Kursrückgang, gemessen an unseren unternehmerischen Leistungen, zu hoch ausgefallen ist.

Was unternehmen Sie in dieser schwierigen Zeit, um die Aktie wieder auf Kurs zu bringen?

Knabenhans: Mit der Zeit wird diese Übertreibung wieder korrigiert. Unser grosser Vorteil ist es, dass wir im Gegensatz zu einigen Konkurrenten nicht in riskanten US-Papieren engagiert sind. Des Weiteren dürfte auch das angelaufene Aktienrückkaufprogramm einen positiven Effekt auf den Aktienkurs haben. Und nicht zuletzt bemühen wir uns mit Hilfe unserer Investors Relations, die Attraktivität unserer Aktie zu propagieren.

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Wie stark ist Ihrer Meinung nach der Finanzplatz Schweiz von der herrschenden Krise betroffen?

Knabenhans: Wir leben in einer vernetzten Welt. Die Finanzmärkte sind über verschiedene Systeme stark aneinander gekoppelt. Unsere Grossbanken haben das bereits zu spüren gekriegt. Damit ist aber das Ende der Finanzkrise noch nicht ausgestanden. Im Gegenteil: Viele Kunden der Schweizer Banken erleiden derzeit einen grossen Vermögensverlust. Daher werden auch die für die Banken wichtigen Kommissionserträge wesentlich tiefer ausfallen als noch in den letzten Jahren. Das dürfte weiterhin für schrumpfende Ergebnisse sorgen.

Könnte die aktuelle Systemkrise auch Schweizer Banken bedrohen ?

Knabenhans: Das kommt immer darauf an, wo man die Grenze der Krise zieht und über welchen Zeithorizont man denkt. Ich glaube, dass die bisher getroffenen und noch absehbaren Massnahmen der einzelnen Instanzen den Abwärtsstrudel verlangsamen. Entsprechend gibt es meiner Ansicht nach keine Wackelkandidaten unter den Schweizer Banken. Langfristig wird es interessant sein zu sehen, welche Finanzdienstleister mit welchen Geschäftsmodellen eigenständig weiterexistieren.

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Wie schlimm steht es tatsächlich um die Grossbank UBS?

Knabenhans: Wenn man die hohen Ansprüche und die ambitionierten langfristigen strategischen Marschrichtungen berücksichtigt, steht es inakzeptabel schlecht um die Bank. Massgebliche Elemente sind in der Zwischenzeit weggebrochen. Entsprechend kann die Bank sehr viele Ziele gar nicht mehr erreichen.

Müssen sich die Kunden der UBS um ihr Geld sorgen?

Knabenhans: Nein, das denke ich nicht. Auch wenn die für die Aktionäre wichtigen Zielsetzungen nicht erreicht werden können, sollten die Kundengelder nicht in Gefahr sein.

Neben dem Verbot von ungedeckten Leerverkäufen hat die Eidgenössische Bankenkommission (EBK) verlauten lassen, dass das Streuen von irreführenden Gerüchten in keiner Form toleriert wird. Können absichtlich platzierte Fehlinformationen überhaupt vermieden werden?

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Knabenhans: Nein, Gerüchte können nicht verhindert werden. Es werden immer wieder irreführende Informationen von Marktteilnehmern verbreitet, die sich erhoffen, damit grössere Gewinne einzufahren.

Könnte auch die UBS-Aktie Opfer von Gerüchten analog zu den amerkanischen Investmenthäusern werden?

Knabenhans: Ich glaube nicht. Gerüchte haben nur dann einen massiven Effekt auf einzelne Aktien, wenn gleichzeitig das ganze Umfeld emotional sehr aufgewühlt ist. Das passierte jüngst vor allem in den USA. Denn amerikanische Banken haben nicht den gleichen Schutz ? bestehend aus Regulator und Notenbank ? wie die hiesigen Banken. Entsprechend sind Panikeffekte in den USA ausgeprägter.

Das geplante US-Rettungspaket ist eben gescheitert. Was hat das für Folgen für die Finanzbranche?

Knabenhans: Der definitive Verzicht der US-Politiker auf ein «glaubhaftes» Rettungspaket hätte höchstwahrscheinlich dramatische Konsequenzen. Diese würden deutlich über das Erlebte hinausgehen und vermutlich weitere Finanzdienstleister kollabrieren lassen.

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Wird es auch in den kommenden Verhandlungen nicht durchkommen?

Knabenhans: Ich interpretiere die Ablehnung nicht als prinzipielle Absage und die Marktteilnehmer wohl auch nicht. Sonst wäre der Kurszerfall dramatischer ausgefallen. Ich gehe vielmehr davon aus, dass nach weiteren und vor allem wahltaktisch beeinflussten Anpassungen ein Rettungspaket sehr bald die Gesetzeskraft erlangen wird.

Macht ein Rettungspaket wie der 700-Mrd-Vorschlag der US-Regierung überhaupt Sinn?

Knabenhans: Aus marktpsychologischer Sicht ist die Intervention durchaus angebracht. Ihren gesamtwirtschaftlichen Nutzen wird man allerdings erst in ein paar Jahren rückwirkend beurteilen können.

Welche möglichen Auswirkungen hätte die Lancierung der Pläne für die Schweiz?

Knabenhans: Angesichts der globalen Vernetzung unserer Finanzmärkte und unserer Volkswirtschaft müssten sich die erhofften positiven Effekte auch bei uns bemerkbar machen.

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Wie lange wird die Finanzmarktkrise Ihrer Meinung nach noch andauern?

Knabenhans: Es kommt darauf an, wie man die Genesung definiert. Geht es dabei nur um die Aktienmärkte, ist es durchaus denkbar, dass sich bereits im Laufe des nächsten Jahres eine solide Trendwende abzeichnet. Hingegen wird es wesentlich länger dauern, bis wieder neue Arbeitsplätze geschaffen werden und das Vertrauen in die Finanzbranche zurückgekehrt ist.

Führt die Finanzkrise zwangsläufig zu verstärkten Regulierungen auf dem Schweizer Finanzmarkt?

Knabenhans: Ich denke, dass im Rahmen der bestehenden Regulierungen Anpassungen sinnvoll sind.

Ist nun der richtige Zeitpunkt eingetreten, um bald in Rente zu gehen?

Knabenhans: (lacht) Ich hoffe, meine Mandate noch eine vernünftige Weile auszuüben. Natürlich wird sich aber mein Pensum nach und nach reduzieren.

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