Die EGL wurde von den USA wegen des Gasliefervertrags mit dem Iran kritisiert. Wenn Sie den Gasstreit zwischen der Ukraine und Russland betrachten, der nach ganz Europa ausstrahlt: Fühlen Sie sich im Nachhinein in Ihrer Strategie bestätigt?

Hans Schulz: Es geht nicht darum, ob der Gasstreit unsere Strategie rechtfertigt. Zentral ist Folgendes: Bei den Gaslieferungen braucht es eine doppelte Diversifikation, sowohl bei den Gasquellen als auch bei den Transportrouten. Insofern haben wir uns damals sicher richtig positioniert.

Die EGL plant für das iranische Gas eine Pipeline von Griechenland durch Albanien via die Adria nach Italien, genannt TAP. Geht es bei diesem Projekt nicht lediglich darum, die Abhängigkeit vom Lieferanten Russland zu reduzieren?

Schulz: Für die EGL besteht diese Abhängigkeit nicht, denn wir beziehen Gas aus diversen Quellen. Es ist aber richtig, dass die TAP eine neue Transportroute eröffnet, welche die europäischen Märkte erstmals mit den Erdgasreserven im kaspischen Raum und im Mittleren Osten verbinden. Die TAP kann damit einen wesentlichen Beitrag zur Diversifikation und Sicherheit der Versorgung Europas - und damit auch der Schweiz - mit Erdgas leisten.

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Warum gerade der Iran? Gibt es keine valablen Alternativen?

Schulz: Der Iran hat die zweitgrössten Gasreserven der Welt; um den Iran kommt deshalb niemand herum. Die Frage ist, ob westliche Kunden an die iranischen Gasquellen herankommen, oder ob es Länder aus anderen Weltgegenden sind, die ebenfalls einen hohen Energiebedarf aufweisen - und die sogar bereit sind, im Iran zu investieren.

Wer zuerst kommt, mahlt zuerst?

Schulz: Ja, oder wie es Michail Gorbatschow sagte: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.

Wie schätzen Sie in Bezug auf den Iran die politischen Unsicherheiten ein? Das Land wird immer wieder von den USA ins Kreuzfeuer genommen.

Schulz: Es bleibt abzuwarten, wie sich die Lage unter der neuen Administration von Barack Obama entwickelt. Hier eine Aussage machen zu wollen, ist zum jetzigen Zeitpunkt reine Spekulation. Wie wir immer betont haben, werden wir auch in Zukunft alle Gesetze einhalten und die UN-Sanktionen respektieren.

Die Türkei muss Ihnen Durch- leitungsrechte gewähren, damit Gas nach Südosteuropa und via die TAP nach Italien fliessen kann. Wie laufen die Verhandlungen?

Schulz: Wir gehen davon aus, dass wir diese Verhandlungen erfolgreich abschliessen können. Die Türkei hat den europäischen Energiecharta-Vertrag unterschrieben und gehört damit zu den Ländern, die sich verpflichten, den diskriminierungsfreien Transport von Energie zu gewährleisten.

1,5 Mrd Euro soll die TAP-Pipeline kosten. Doch die Banken sprechen derzeit kaum noch Kredite.

Schulz: Es ist momentan in der Tat schwierig, Projektfinanzierungen zu bekommen. Aber wir müssen im Moment noch keinen Kreditvertrag abschliessen. Noch sind weitere Planungsarbeiten nötig, unser Bauentscheid wird erst Ende 2009 oder Anfang 2010 fallen. Wir gehen davon aus, dass sich die Finanzwelt in den nächsten sechs Monaten so weit normalisiert, dass man wieder über Projektfinanzierungen reden kann.

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Sie sind noch offen für weitere Partner am TAP-Projekt. Nach dem Gasstreit müssen Ihnen die Interessenten doch geradezu die Türen einrennen.

Schulz: Das ist so, aber das Interesse besteht schon länger, nämlich seit klar wurde, dass unser Vorhaben eine realistische Chance hat. Es gibt fast niemanden in der europäischen Gasindustrie, der nicht schon bei uns angefragt hat.

Wegen des Klimaschutzes wird Gas unbeliebter. Ist dieser Brennstoff ein Auslaufmodell?

Schulz: Sicher nicht. Gas-Kombikraftwerke sind die bessere Lösung als Kohlekraftwerke, weil der CO2-Ausstoss ungefähr um den Faktor 2 bis 3 tiefer liegt. Gas-Kombikraftwerke sind zudem sogenannte Mittellastkraftwerke. Wenn mehr erneuerbare Energiequellen eingesetzt werden sollen, dann braucht es solche Kraftwerke für jene Zeiten, wenn der Wind nicht bläst oder die Sonne nicht scheint.

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