Die aktuelle Finanzmarktkrise ist auch eine Krise des Riskmanagements. Denn die Fehleinschätzungen von Kreditrisiken, welche zu Milliardenverlusten geführt und mit Lehman Brothers eine ganze Investmentbank in den Ruin getrieben hat, haben Zweifel an der Wirksamkeit der Kontroll- und Überwachungsinstrumente geweckt und die Nützlichkeit der gesamten Disziplin in Frage gestellt. Noch bevor die Krise ausgestanden ist, mehren sich deshalb die Stimmen, welche verschärfte Regulierungen seitens des Staates fordern.

Doch in der Aufregung um die Finanzkrise und die Milliardenabschreiber darf nicht untergehen, dass einige Finanzinstitute die Zeichen der Zeit richtig gedeutet und rechtzeitig die nötigen Schritte eingeleitet haben, um möglichst unbeschadet durch die Krise zu kommen. «Die Unternehmen, die gut durch die Krise gekommen sind, verfolgen einen umfassenderen Ansatz im Riskmanagement», ist Axel Lehmann, Group Chief Officer der Zurich Financial Services Group, überzeugt (siehe Interview Seite 51). Insbesondere in globalen Konzernen genügt es nicht, wenn in den einzelnen Bereichen die Risiken aufgezeigt und überwacht werden, eine Zusammenführung und Gewichtung der Resultate an der Konzernspitze allerdings nicht erfolgt.

Zudem muss Riskmanagement an oberster Stelle angesiedelt sein, denn am Ende sind es immer die Geschäftsführung und der Verwaltungsrat als oberstes Organ, welche für die Entscheidungen im Unternehmen verantwortlich sind. «Ich bin zwar der Chief Risk Officer von Zurich, der eigentliche Risk Officer ist am Ende aber der CEO und der Verwaltungsrat», erklärt Lehmann.

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Im Riskmanagement ist ein Umdenken gefordert, weg von den rein finanziellen Aspekten hin zu einer breiteren Perspektive. «Das Verhalten von Individuen und Organisationen, insbesondere die menschlichen Motive und die spezielle Dynamik von Störprozessen, rückt in den Fokus der Unternehmenslenkung», schreibt Matthias Haller, Präsident der Stiftung Risik-Dialog und emeritier- ter Professor der Universität St.Gallen (Seite 53). Mit einer solchen Betrachtungsweise ergeben sich für das Riskmanagement durch die Krise nicht nur Pflichten, sondern eröffnen sich auch Chancen, und könnte gar den Ruf nach mehr Regulatorien verstummen lassen.

Schliesslich darf man in der Diskussion um Riskmanagement etwas nicht vergessen: Wer Geschäfte tätigen will, muss auch Risiken eingehen. Diese kann auch ein Ausbau der Regulierungen nicht verhindern. Zu viele Vorschriften können dagegen den Innovationsgeist vertreiben.