Die neusten Nachrichten malen ein düsteres Bild. Wie sehen Sie die Aussichten für die Weltwirtschaft?

Aymo Brunetti: Die Risiken für die US-Wirtschaft sind deutlich gestiegen. Fast noch überraschender ist aber, wie stark sich die Stimmungsindikatoren in der EU eingetrübt haben. Einige Schwellenländer halten sich zwar noch gut, insgesamt hat sich das weltwirtschaftliche Umfeld in den letzten Wochen aber klar verschlechtert. Die Situation ist heute eine ganz andere als vor drei Monaten. Die starken realwirtschaftlichen Auswirkungen der Finanzkrise in so vielen Ländern sind ein neues Phänomen. Die Prognoserisiken sind sehr gross.

Wie stark wird das Exportland Schweiz darunter leiden?

Brunetti: Wenn diese weltweite Wachstumsschwäche länger anhält, wird sich dies deutlich in den Wachstumszahlen der Schweizer Wirtschaft niederschlagen. Entscheidend wird also sein, wie lange und wie tief der globale Abschwung ausfallen wird.

Gibt es dafür Indikationen?

Brunetti: Die Organisation für Entwicklung und Zusammenarbeit OECD und der Internationale Währungsfonds sind bemerkenswert optimistisch und erwarten, dass die Weltwirtschaft schon nach wenigen Quartalen wieder anziehen wird.

Was erwarten Sie?

Brunetti: Auch unsere Wachstumsprognose für das nächste Jahr geht davon aus, dass es nur zu einer vorübergehenden Abschwächung der Weltwirtschaft kommt und diese ab 2010 bereits wieder in Richtung Trendwachstum geht. Aber diese Annahme ist mit grossen Unsicherheiten verbunden.

Wie stark wird in diesem Fall die Schweizer Wirtschaft wachsen?

Brunetti: Wir haben im September für 2009 ein Wachstum von 1,3% prognostiziert, machten aber auch öffentlich klar, dass dies nur unter der Voraussetzung gilt, dass sich die europäische Wirtschaft nicht deutlich verschlechtert. Genau dies scheint jetzt aber der Fall zu sein. Deshalb erwarten wir heute, dass das Wachstum sehr wahrscheinlich spürbar unter 1% liegen wird.

Wie wird die Exportindustrie von der Euroschwäche getroffen?

Brunetti: Auch wenn der Eurokurs mittlerweile zeitweise auf unter 1.44 Fr. gefallen ist, wurde damit real noch keine neue Rekordmarke erreicht. Da die Inflation im Euroraum höher ist als in der Schweiz, hat sich der reale Eurokurs damit im langjährigen Vergleich gar nicht so stark abgewertet. Der Euro notiert auch erst seit wenigen Tagen auf so tiefem Niveau. Doch sollte er dort verharren oder sich der Trend gar fortsetzen, belastet dies ohne Zweifel die Exportwirtschaft zusätzlich.

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Mit welcher Entwicklung des Eurokurses muss in Zukunft gerechnet werden?

Brunetti: Das Seco macht keine Währungsprognosen. Wir gehen deshalb in unseren Schätzungen von der rein technischen Annahme aus, dass der Wechselkurs stabil bleibt.

Sind die Exportfirmen bereits vorsichtiger geworden?

Brunetti: Die Indikatoren haben gedreht, liegen aber noch nicht auf einem dramatischen Niveau. Die Auftragsbestände sind ebenfalls noch gut. Auch wenn es für den Exportsektor Unsicherheiten gibt, darf nicht unterschätzt werden, dass die Schweizer Binnenwirtschaft robust ist.

Was stützt die Binnenwirtschaft?

Brunetti: Der Konsum ist bisher robust, der Immobiliensektor ist in der Schweiz im Gegensatz zu vielen anderen Ländern gesund und es gibt auch keine Anzeichen für eine Kreditverknappung. Das ist ein grosser Vorteil.

Muss auch nicht befürchtet werden, dass es künftig zu einer Verknappung kommt?

Brunetti: Nur wenige Banken in der Schweiz sind von der Finanzkrise stark betroffen, und die Daten weisen bisher auf keine Kreditklemme hin. Auch der Bank Lending Survey der Schweizerischen Nationalbank zeigte keine Anpassungen der Kreditstandards.

Wie stark bremst der Finanzsektor das Wachstum?

Brunetti: Den grossen Anteil des Finanzsektors am Bruttoinlandprodukt merkt man jetzt auch im Wirtschaftsabschwung. Schon in den ersten zwei Quartalen 2008 ist der Wertschöpfungsbeitrag des Sektors gesunken, besonders beim Export von Finanzdienstleistungen. Wir werden weiterhin eher negative Impulse sehen. Es darf aber nicht vergessen werden, dass es trotz Finanzkrise vielen Banken in der Schweiz noch immer gut geht.

Muss mit einer höheren Arbeitslosigkeit gerechnet werden?

Brunetti: Die Arbeitslosigkeit wird leicht ansteigen, dürfte aber 2009 unter 3% bleiben. Der Abschwung kommt erst nach zwei bis drei Quartalen im Arbeitsmarkt an. Wenn sich das Wachstum relativ schnell wieder verbessert ? wie wir hoffen ?, muss nicht mit einem grossen Effekt auf dem Arbeitsmarkt gerechnet werden.