Die Reinigung von Strassen und Plätzen in den Städten und Gemeinden der Schweiz kostet laut Berechnungen der Fachorganisation für Entsorgung und Strassenunterhalt (FES) jährlich über 300 Mio Fr. Darin schlägt der besondere Aufwand, der durch das achtlose Wegwerfen von Gegenständen entsteht, mit gegen 50 Mio Fr. zu Buche. Nebst der Take-away-Branche, aus der fast die Hälfte des Littering stammt, sind grosse Events – von Fussballspielen bis zu Openairs – die zweite enstcheidende Quelle für Littering. Kein Veranstalter kommt deshalb heute um ein Umweltmanagement herum, das dem Littering-Phänomen spezifische Massnahmen entgegensetzt.


Turnfest: Unrat in der Festmeile

Am 74. Eidgenössischen Turnfest in Frauenfeld (ETF) zum Beispiel gehörte zur Infrastruktur ein dichtes Netz von prominent platzierten Abfalleimern. Leuchtfarben und entsprechende Symbole signalisierten, für welche Art von Abfall die einzelnen Behälter gedacht waren. Sie animierten die Besucher zur getrennten Entsorgung der PET-Flaschen und Alu-Dosen sowie des kompostierbaren und des brennbaren Kehrichts. Das Konzept setzte weiter auf kompostierbares Einweggeschirr sowie ein Pfand auf PET–Becher.

Trotz der ausgeklügelten Massnahmen konnte Littering nicht verhindert werden. «In der Festmeile, wo das Nachtleben tobte, sah es am Morgen jeweils ziemlich schlimm aus», erklärt Peter Schegg, der beim Turnfest im Thurgau für Ökologie und Umwelt verantwortlich war. In der Frühe musste die Putzequipe ausrücken, um die Plätze gründlich vom Unrat zu reinigen. Während des gesamten Festes standen zudem 60 freiwillige Abfallhelfer im Dreischichtenbetrieb im Einsatz.

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Die am Turnfest produzierten Abfallmengen waren am Ende fast so beeindruckend wie die sportlichen Leistungen: Rund 30 t Brennbares, 150 m3 Kompostiergut und fast 250 m3 PET. Wie viel von dieser Menge direkt in den Abfalleimern landete und wie viel als Littering von den Entsorgungspatrouillen eingesammelt werden musste, ist nicht bekannt. Auch über die Kosten der aufwendigen Abfallbewirtschaftung will Schegg keine Zahlen verraten. «Es wäre aber sehr teuer geworden, wenn wir unsere freiwilligen Helfer normal hätten entlöhnen müssen.»


OpenAir St.Gallen: Geschirrdepot

«Am OpenAir St. Gallen, einem der grössten Festivals der Schweiz, waren heuer 300 sogenannte Trash Heroes in Reinigungsteams ständig unterwegs. Sie verteilten Abfallsäcke auch an die Besucher. Wer einen gefüllten Abfallsack später zu einer Sammelstelle brachte, wurde mit einem Bon belohnt. Zum Umweltkonzept gehörte in diesem Jahr erstmals ein Geschirrdepot von 2 Fr. Auf dem Festivalgelände, einem Naherholungsgebiet, das von einem Biobauern bewirtschaftet wird, wurden reichlich Müllfässer für normalen Kehricht sowie Mulden für grössere Abfälle aufgestellt. Diese wurden nach dem Festival teils von externen Kräften nach Materialien getrennt.

Wie weit die getroffenen Massnahmen zur Verhinderung von Littering in diesem Jahr erfolgreich waren, kann die Medienverantwortliche Sabine Bianchi noch nicht verraten.


Gurten-Festival: Mit dem WWF

Mit rund 45000 Besuchern, die vom 19. bis 22. Juli 2007 in Bern erwartet werden, gehört das Gurten-Festival zu den grösseren Openairs der Schweiz. Schon seit Jahren pflegt es eine erfolgreiche Partnerschaft mit dem WWF. Auch hier bemühen sich Trash Heroes um eine saubere und gepflegte Festivalatmosphäre. Sie sind mit fahrbaren Abfalleimern unterwegs und leeren die Kübel, die mit einer weithin sichtbaren Fahne beflaggt sind. «Die Trash Heroes sind die wahren Heldinnen und Helden unseres Festivals», lobt Veranstalter Micha Günter. Er weist auf verschiedene weitere Massnahmen, die dazu beitragen sollen, dass es nicht zum Littering kommt.

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Eine Schlüsselrolle spielt dabei das Depotsystem, das auf Geschirr erhoben wird. Die Konsequenz: Wer auf dem Gurten «littert», wirft gleichsam sein Geld in den Dreck.

In diesem Jahr wird am Gurten-Festival erstmals aus Zuckerrohrfaser hergestelltes Geschirr verwendet. Dieses kann nach dem Event in der Biogasanlage Ittigen CO2-neutral entsorgt werden. Bier und Longdrinks werden im Mehrwegbecher mit einem Depot von 2 Fr. verkauft, PET-Flaschen mit einem Depot von 50 Rp.

Sogar eine Weltneuheit wird am Festival lanciert: Ein Energy-Drink in einer PET-Dose, die auf den ersten Blick wie eine Alu-Dose aussieht. Die verschiedenen Aktionen sollen laut Günter das Bewusstsein der Festivalbesucher für Umweltbelange sensibilisieren, unterstützt zudem durch einen auf der Festival-Website aufgeschalteten Online-Test. Damit können die Musikfans die Umweltverträglichkeit ihres persönlichen Lebensstils messen.

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Stadion St. Jakob-Park: Basel übernimmt für die EM Vorreiterrolle

Vorbereitung: Bestens gerüstet für das grösste Fussballereignis im kommenden Jahr ist die Basel United AG, die Betreiberin des Stadions St. Jakob-Park. Sie rückt seit Februar dieses Jahres dem Abfallberg, der bei den 30 Grossanlässen pro Jahr rund 60 t ausmacht, ganz gezielt zu Leibe (siehe auch «Handelszeitung» Nr. 20 vom 16.5.2007). Das zu diesem Zweck entwickelte Konzept ist nachhaltig und umfassend. Und es lässt sich einfach umsetzen.

Verzicht: Nicht zum Einsatz gelangt in Basel Mehrweggeschirr mit Depot, weil das eine personalintensive Lösung sei. Die Wahl fiel stattdessen auf das Einweg-system. Sämtliche Catering-Artikel, ob Trinkbecher, Teller oder Servietten – ja sogar das Matchprogramm – sind aus nachwachsenden Rohstoffen. Über 90% des Abfalls sollen so biologisch entsorgt und zu Kompost verarbeitet werden können.

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Verfahren: Im ganzen St. Jakob-Stadion sind 90 Doppelabfalleimer in Grün und Schwarz verteilt. Die Farben signalisieren den Besuchern auf einfachste Weise die richtige Abfalltrennung. Die biologisch abbaubaren Materialien sollen in den grünen, alle übrigen Materialien, die letztlich in der Kehrrichtverbrennungsanlage entsorgt werden müssen, in den schwarzen Behältern landen. «Das Konzept funktioniert, wie unsere ersten Erfahrungen zeigen, und es stösst beim Publikum auf breite Akzeptanz», sagt Marketingchef Jonas Blechschmidt.

Verwechslungen: Doch 100%ig in den Griff kriegen lässt sich das Littering-Problem selbst mit dem straffsten Konzept kaum, es kommt zu Verwechslungen. Speziell geschultes Reinigungspersonal muss deshalb nach den Spielen jenen Abfall einsammeln, den die Zuschauer auf den Rängen wild hinterlassen haben. Auch die propagierte Abfalltrennung funktioniert nicht ganz wie gewünscht: Der grüne Abfall aus den Mülltonnen muss nach den Events in der Muldenzentrale jeweils nachsortiert werden. Trotzdem zieht Blechschmidt eine positive Bilanz: «Unser Konzept nimmt nicht in Anspruch, ökologischer zu sein als ein Mehrwegsystem. Es ist aber auch nicht weniger ökologisch. Und es ist für die Stadionsituation, gerade weil es sich einfach und effizient anwenden lässt, die absolut richtige Lösung.»

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Vorbild: Basel United AG kann damit dem Europäischen Fussballverband Uefa ein leistungsfähiges System anbieten, mit dem bei der Euro 08 auch in anderen Stadien der Abfall entsorgt und Littering weitestmöglich verhindert werden könnte. Am 27. Juli 2007 will Blechschmidt sein Konzept den Behörden und anderen Stadionbetreibern vorstellen. Und auf die neue Fussballsaison hin wird es noch verfeinert. Blechschmidt: «Wir lassen künftig während der Spiele ‹Clean and Green-Girls› patrouillieren, die das Publikum auf korrekte Abfallentsorgung aufmerksam machen.»

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Euro 08: Herausforderung für Stadien und Fanmeilen

Empfehlungen: Das Problem des Littering stellt sich verstärkt in den Fussballstadien. Im Rahmen der Fussball-EM Euro 08 sind neben den Austragungsorten Basel, Bern, Zürich und Genf auch jene 17 Schweizer Städte besonders gefordert, in denen sogenannte Fanmeilen eingerichtet werden. Swiss Olympic Association und das Bundesamt für Umwelt (Bafu) empfehlen den Organisatoren von Fanmeilen Mehrweggeschirr gegen Depot, den Verzicht auf Wegwerfprodukte sowie das Aufstellen von genügend Abfalleimern.

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Wunsch: Die Fussball-EM in der Schweiz und in Österreich soll zu einer vorbildlichen «grünen Veranstaltung» werden. Dies haben jedenfalls die beiden Umweltminister Österreichs und der Schweiz, Josef Pröll sowie Moritz Leuenberger, einmütig betont, als sie vor kurzem das Nachhaltigkeitskonzept für die Euro 08 vorgestellt haben. Dieses klingt allerdings seltsam unverbindlich, umsetzen sollen es die Austragungsstädte zusammen mit den Betreibern der Stadien.