Dass der Kunstmarkt eigenen Gesetzen folgt, bestätigte sich einmal mehr im vergangenen Monat in New York. Spektakuläre Weltrekorde wurden erzielt, als habe es nie eine Wirtschaftskrise gegeben. Nun wird es jenen kleinen Kreis von potenziellen Sammlern, die für das Objekt ihrer Begierde jeden noch so hohen Preis zu bezahlen bereit sind, immer geben. Wie stark das Interesse an einem Markt tatsächlich ist, lässt sich eher am Interesse für Werke in mittlerer Preislage ersehen. Derzeit gehen die Käufer auf Nummer sicher. Das mangelnde Vertrauen in die Mechanismen der klassischen Wertpapiermärkte treibt so manchen Anleger dazu, in Sachwerte zu investieren. Stimmen der Bekanntheitsgrad des Künstlers, die Qualität und Bedeutung eines Werks und darüber hinaus die Provenienz und Marktfrische, ist ein Auktionsrekord schon fast vorprogrammiert. Das haben die Höchstpreise für eine Bronzeplastik von Giacometti im Februar («Schreitender Mann», Sotheby’s, 104,3 Mio Dollar) und ein Gemälde von Picasso im Mai («Nu au plateau de sculpteur», Christie’s, 106,5 Mio Dollar) erneut gezeigt. Damit sind die Impressionisten und die Klassische Moderne nach wie vor ein verlässliches Standbein des Kunstmarkts. Werke von solcher herausragender Qualität befinden sich allerdings nur noch sehr wenige in Privatbesitz und gelangen dementsprechend selten auf den Markt.

Überaus erfolgreich waren auch die Auktionen mit Gegenwartskunst Mitte Mai. Der Umsatz bei Sotheby’s belief sich mit 53 Losen auf 190 Mio Dollar, bei Christie’s lag er mit 79 Losen bei 232 Mio Dollar. Vor allem die amerikanische Kunst konnte einige Triumphe feiern. Zu den Highlights zählte eines der späten Selbstporträts von Andy Warhol aus dem Jahr 1986, das nach intensivem Bietgefecht bei Sotheby’s für 32,56 Mio Dollar zugeschlagen wurde. Bei Christie’s waren vor allem die Werke aus dem Nachlass des Bestsellerautors Michael Crichton begehrt. So erzielte Jasper Johns 45 x 68 cm grosse «Flag» aus dem Jahr 1960/66 mit 28,6 Mio Dollar einen neuen Auktionsrekord für den Künstler. Anders als bei Impressionismus und Moderne, wo Bieter aus Europa und Asien besonders aktiv waren, führten hier die amerikanischen Käufer das Feld an.

Auch den Altmeistern konnte die Finanzkrise bisher wenig anhaben, allerdings ist hier das Angebot an guten Bildern der mittleren Preislage eher dünn. Im Top-Segment stehen jedoch bereits wieder Sensationen an. Im Juli, wenn Sotheby’s einen Turner für 12 bis 18 Mio Pfund und Christie’s einen Rubens für 8 bis 12 Mio Pfund im Auktionsprogramm hat, wird sich zeigen, wie stark der Altmeistermarkt derzeit effektiv ist.

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