Weshalb hat das Riskmanagement in der aktuellen Finanzkrise versagt?

Raj Singh: Das Problem lag weniger bei der fehlenden Anwendung von Prozessen und Richtlinien, sondern vielmehr in der fehlerhaften Beurteilung der zugrunde liegenden Kreditrisiken. Man hat sich an Modellen orientiert, die auf historischen Daten basieren, wie es im Bankgeschäft üblich war. Dabei wurden die möglichen, aber äusserst seltenen Extremereignisse, die undenkbaren Szenarien, zu wenig berücksichtigt. Gleichzeitig hat die Finanzindustrie ein hohes Vertrauen in Ratings gesetzt. Wegen dieses «Übervertrauens» in Ratings wurde die Prüfung der zugrunde liegenden Werte vernachlässigt.

Hätte ein Riskmanager nicht die zugrunde liegenden Risiken prüfen sollen, statt sich auf Ratingagenturen zu verlassen?

Singh: Doch. Für ein erfolgreiches Riskmanagement sind sowohl historische Datenreihen als auch ein Szenariendenken nötig, welches das Unvorhersehbare mit einbezieht. Wenn die Modelle auf historischen Datenreihen basieren, dann geht das Undenkbare oft vergessen. Der auf historischen Zeitreihen basierte Ansatz ist häufig im Bankwesen anzutreffen, während die Versicherungen eher mit Szenarien arbeiten.

Trotzdem war auch Swiss Re direkt von der Finanzkrise betroffen.

Singh: Ja, vor allem durch zwei isolierte Transaktionen zur Absicherung eines Kundenportfolios mit hypothekengesicherten Anleihen aus den USA. Die Massnahmen der Ratingagenturen im Oktober des vergangenen Jahres führten dazu, dass die zugrunde liegenden Wertschriften des Kunden mehrfach in schneller Folge herabgestuft wurden und dadurch an Marktwert verloren. Wir haben diese beiden strukturierten Credit-Default-Swaps in den Run-off überführt und schliessen in diesem Bereich keine neuen Transaktionen mehr ab.

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Wie werden Sie das Riskmanagement nun anpassen?

Singh: Wir sorgen dafür, dass im Riskmanagement in allen Bereichen dieselben Prozesse und derselbe kombinierte Denkansatz angewandt werden.

Wie gewährleisten Sie dies?

Singh: Einerseits indem wir die bestehenden Reporting-Linien verstärken. Heute arbeiten innerhalb unserer Riskmanagement-Struktur ein Chief Risk Officer im Bereich Financial Markets, einer im Lebengeschäft und einer im Sachgeschäft. Entscheidend dabei ist, dass diese Leute eng zusammenarbeiten und nicht als isolierte Riskmanager tätig sind. Die Veränderung ist daher eher kulturell denn strukturell. Wichtig ist, dass die verschiedenen Stärken kombiniert werden.

Gehen diese Lehren nicht vergessen, sobald der Return on Investment wieder im Vordergrund steht?

Singh: Bei den beiden isolierten Transaktionen, die uns in den letzten Quartalen zu schaffen gemacht haben, haben wir uns zu sehr auf historische Daten verlassen und auf die Tatsache, dass zu dieser Zeit die Basiswerte, die wir als Portfolio versichern wollten, sehr hohe Ratings aufwiesen. Die Transaktionen waren aus damaliger Sicht der Finanzmärkte nicht falsch.

Wird Riskmanagement nicht zu Gunsten eines hohen Gewinns übergangen?

Singh: Der Risk Officer hat eine hohe Verantwortung. Insbesondere wenn es darum geht, die Renditemaximierung der Risikooptimierung gegenüberzustellen. Allerdings wird Riskmanagement von den Unternehmen global sehr unterschiedlich angewandt. In einigen Firmen ist Riskmanagement auf Geschäftsleitungsstufe angesiedelt, so dass die Kontrolle der Geschäftsaktivitäten gewährleistet ist. In anderen Fällen beschränkt sich Riskmanagement auf das Rapportieren an verschiedene interne Stellen. Die Durchschlagskraft des Riskmanagements hängt somit von der Positionierung innerhalb der Unternehmung ab und welche Kompetenzen den Verantwortlichen übertragen werden.

Besteht die Tendenz, dass in einem Aufschwung das Riskmanagement vernachlässigt wird?

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Singh: Wichtig ist, dass bei der Auswahl der Riskmanager erfahrene Personen gewählt werden, welche die Euphorie von wachsenden Märkten kennen, aber auch die schmerzlichen Folgen, die überhöhte Risiken verursachen. Zudem ist die Kompetenzregelung ausserordentlich wichtig. Die Krise hat aber auch gezeigt, dass es durchaus erfolgreiche Modelle und Riskmanager gegeben hat. So oder so bleibt der Druck der Rendite immer bestehen.

Können Sie heute die Versicherungsrisiken weiterhin an den Kapitalmarkt weitergeben, wie es mit dem Aufbau des Financial Market Business geplant war?

Singh: Absolut. Zurzeit hat sich dieser Vorgang über alle Asset-Klassen zwar etwas verlangsamt. Doch angesichts der geringen Korrelation unserer Produkte mit dem Gesamtmarkt sind sie nach wie vor gesucht. Das Modell ist weder für die Banken noch für die Versicherungen zusammengebrochen. Wir werden definitiv in diesem Geschäft bleiben und dieses noch weiter ausbauen.

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Wie hat sich Riskmanagement nach der aktuellen Krise verändert?

Singh: Heute gilt der Fokus allgemein wieder verstärkt dem eigentlichen Riskmanagement und nicht mehr nur dem Risk Reporting. In einzelnen Firmen wurde Riskmanagement bisher einem Analysetool mit Reporting-Funktion gleichgesetzt. Man darf aber die Risiken nicht nur rapportieren, sondern muss diese interpretieren und eine Entscheidungsgrundlage abliefern. In unserer Industrie hat es eine starke Veränderung gegeben und es besteht weltweit eine hohe Nachfrage nach Riskmanagern mit Business- und Riskerfahrung. Weiter ändert sich im Riskmanagement die Denkhaltung in Richtung von Szenarien, bei denen man das Undenkbare in die Planung mit einbezieht. Eine ähnliche Entwicklung macht die Bankenwelt durch.

Erwarten Sie durch die Krise zusätzliche Regulatorien?

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Singh: Die Reaktionen werden in diese Richtung zielen, nachdem die Krise weltweite Auswirkungen gezeigt hat. Schon heute bestehen aber sinnvolle Vorschriften und Regeln, wie Risiken eingeschätzt werden sollten. Gleichzeitig gibt es eine Überwachung durch die Regulatoren. Wir brauchen keine zusätzlichen Vorschriften und Verbote, denn sie konnten eine Krise in der Vergangenheit nicht verhindern und werden es auch in Zukunft nicht.

Wie sollte Riskmanagement zukünftig aussehen?

Singh: Das Wichtigste ist, dass Riskmanagement frühzeitig in die Bewilligungs-, Management- und Entscheidungsprozesse einbezogen wird, also noch vor dem Abschluss eines Geschäftes. Zudem müssen unvorhersehbare Szenarien berücksichtigt werden. Riskmanagement sollte nicht als alleinige Grundlage bei Entscheidungen dienen, aber sicherlich aufzeigen, welche Optionen möglich sind und welche Auswirkungen daraus entstehen.

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Geht es heute in die richtige Richtung?

Singh: Ja, absolut. Die Einbindung hat schon immer stattgefunden, heute ist sie aber viel proaktiver.

Welches sind für Sie die grössten Herausforderungen im Riskmanagement für die Versicherer, neben den Finanzmarktrisiken?

Singh: Wir müssen uns mit veränderten Regulatorien und rechtlichen Rahmenbedingungen auseinandersetzen. Insbesondere beschäftigt uns die starke Ausbreitung der Kultur der Haftpflicht, die von den USA mehr und mehr in unsere Region vordringt. Ich denke, dies ist ein anhaltender Prozess, den wir im Auge behalten sollten. Es wird zu höheren Schadensummen für die Versicherer und somit zu höheren Prämien führen.

Welche Gegenmassnahmen planen Sie diesbezüglich?

Singh: Es ist wichtig, dass wir nicht zum amerikanischen Haftpflichtsystem übergehen, welches auf rechtlichen Auseinandersetzungen basiert. Allerdings können wir die Entwicklung nur beobachten und mögliche Folgen aufzeigen. Wir müssen dem Gesetzgeber und den Regulatoren immer wieder vor Augen führen, welche negativen Auswirkungen für die Gesellschaft, die Wirtschaft und die Preise daraus resultieren.

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Hat sich das Riskmanagement aufgrund von globalen Umweltkatastrophen verändert?

Singh: Ich denke, die Risiken verändern sich. Insbesondere die Häufigkeit und die Stärke von Naturkatastrophen nehmen zu und richten grössere Schäden an als in der Vergangenheit. Dies hat mehrere Gründe: Einerseits nimmt die Bevölkerungszahl in gefährdeten Gebieten markant zu, andererseits ist in diesen Regionen auch der Wert der Infrastruktur deutlich angestiegen. Daneben spürt man aber auch die Klima- und Wetterveränderung, die sich ebenfalls negativ auf die Häufigkeit und die Schwere der Katastrophen auswirkt.

Und wie reagiert Swiss Re auf diese Veränderungen?

Singh: Wir sind an Forschungsprojekten mit führenden Universitäten beteiligt und in einem sehr frühen Zeitpunkt in die Studien involviert. Aufgrund der Resultate der Studien passen wir unsere Modelle ebenfalls frühzeitig an, um die Veränderungen so schnell und genau wie möglich einzubringen. In diesen Bereich investieren wir viel Manpower, Mittel und Zeit.

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Wo sehen Sie konkret die grössten Risiken, die auf uns zukommen?

Singh: In Europa stellen sicherlich Stürme ein grosses Risiko dar. Daneben sind aber auch Erdbeben in Kalifornien ein wichtiges Thema oder Taifune in Japan. Wir haben zahlreiche Risiken, die wir versichern, das ist der Kern unseres Geschäfts, aber wir managen diese sehr effektiv.