Das DaimlerChrysler-Forschungszentrum in Ulm gehört zum Vorstandsressort For-schung und Technologie des Stuttgarter Automobilkonzerns und steht unter der Verantwortung von Klaus-Dieter Vöhringer. Mit ihren Forschungsarbeiten ist diese Einrichtung in die Entstehung von Produkten aller Geschäftsfelder eingebunden, somit auch für Nutzfahrzeuge. Im Fokus der Ulmer Forschungs-abteilung «Maschinelle Wahrnehmung» steht derzeit das Programm «Unfallfreies Fahren», das dazu beiträgt, Nutzfahrzeu-ge aller Art noch sicherer zu machen.

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Ulm befindet sich mit seinem DaimlerChrysler-Forschungszentrum in einer international bekannten Gesellschaft von Forschungs- und Technologiezentren. In Deutschland sind diese in Berlin, Frankfurt, Friedrichshafen und Stuttgart zu Hause. Ausserdem noch in Europa in Moskau und Turin, in Nordamerika in Palo Alto und Portland/USA und in Asien in Bangalore/Indien, Schanghai/Volksrepublik China und Tokio/Japan.

Mehr als 2500 Ingenieure, Naturwissenschaftler, Informatiker, Betriebswirte und Psychologen sind in Forschungsaufgaben für die Kerntechnologien Antriebstechnik, Fahrzeugkonzepte, Werkstoff- und Produktionstechnologie, Verkehrstechnik und Telematik, Informations- und Kommunikationstechnik, Elektronik, Mechatronik, Leit- und Steuerungstechnik eingebunden.

Die DaimlerChrysler-Forscher arbeiten konzernübergreifend und anwendungsbezogen auf den vorgenannten Technologiefeldern.

Kurz vor einem Unfall, so haben Wissenschaftler herausgefunden, fehlt häufig der entscheidende Sekundenbruchteil: Selbst wenn der Fahrer eine gefährliche Situation erkannt hat, kann er nicht mehr rechtzeitig reagieren. Elektronische Systeme jedoch kennen keine Schrecksekunde. Klaus-Dieter Vöhringer umreisst deshalb die Ausgangspunkte zu den bei Daimler-Chrysler laufenden Forschungsprojekten, die den Fahrzeuglenker informieren, warnen oder gar im Notfall selbsttätig eingreifen und Schutzsysteme aktivieren: «Mindestens jeder zweite Unfall im Strassenverkehr wird sich künftig vermeiden lassen, wenn die Autos mit entsprechenden Fahrerassistenzsystemen ausgestattet sind.» Damit wird sich die Zahl der Toten und Verletzten in den nächsten 15 bis 20 Jahren deutlich verringern. Das ist die Vision vom unfallfreien Fahren.

«Fühlende» Fahrzeugsysteme

Mit dem Forschungsprogramm «Unfallfreies Fahren» will DaimlerChrysler nicht nur seine Rolle als Innovationsführer der Automobilindustrie weiter ausbauen, sondern auch die bisherigen und künftigen technischen Fortschritte dazu einsetzen, dass Unfälle vermieden werden können und nicht nur die Unfallfolgen gemindert werden. Schritt für Schritt setzt der Konzern seine Visionen des «Unfallfreien Fahrens» in die Realität um und verschafft sich einen Wettbewerbsvorsprung durch Innovation. Die herausragenden und nutzfahrzeugrelevanten Projekte dieses Programms, an denen das Ulmer Forschungszentrum mit wesentlichen Anteilen beteiligt gewesen ist oder noch daran arbeitet, sind:

Spurassistent zur Vermeidung des unbeabsichtigen Spurwechsels auf Autobahnen. Das System steht seit 2000 für den Mercedes-Benz Actros zur Verfügung.

Night Vision bietet bei Nachtfahrten und selbst bei Regen und Gegenlicht eine deutlich grössere Sichtweite.

Elektronische Knautschzone: Sie bremst ein Fahrzeug selbstständig ab, wenn es einem vorausfahrenden Fahrzeug zu nahe kommt. Rund 80% aller verletzungsträchtigen Lastwagen-Auffahrunfälle und über 30% aller Lastwagenunfälle auf Autobahnen sollen sich damit vermeiden lassen.

Maschinelle Sehsysteme, die künftig in PW und Lastwagen ihren Einsatz finden können.

«Zuerst haben wir dem Auto das Fühlen beigebracht jetzt lernt es das Sehen», formuliert ein DaimerChrysler-Forscher. Und in der Tat, die verschiedenen Sensoren fühlen heute schon für den Fahrzeuglenker die Fahrsituation. Ein bereits serienmässig verbautes und fühlendes System stellt der Bremsassistent dar. Dieser erkennt eine brenzlige Situation an der Geschwindigkeit, mit welcher der Fahrer das Bremspedal betätigt und baut bei zaghaftem Bremsen in Notsituationen, durch das oft kostbare Bremswege verschenkt werden, sofort die volle Bremskraft auf.

«Sehende» Fahrzeugsysteme

Stefan Hahn, Diplom-Informatiker und Leiter der Forschungsabteilung Maschinelle Wahrnehmung im DaimlerChrysler-Forschungszentrum, umreisst die schwierige Aufgabenstellung, dem Auto «Augen» zu geben: «Wir müssen dem Rechner nur zeigen, wie die Welt aussieht.» Das ist einfacher gesagt als getan. Man stelle sich nur einmal die komplexe Situation einer Strassenkreuzung vor. Eine Unterstützung des Autofahrers durch sehende Fahrzeugsysteme bringt aber die effektivste Steigerung der Verkehrssicherheit. Dazu muss man allerdings über die heute verwendete Radartechnologie hinausgehen.

«Wir arbeiten deshalb mit Kameras», sagt Hahn und unterstreicht: «Die Bildinformationen sind dem menschlichen Sehsinn am ähnlichsten und bilden so die Voraussetzung für eine umfassende Erkennung das Auto lernt sehen.» Allerdings: Maschinelle Sehsysteme müssen genau wie das menschliche Gehirn mit immensen Datenmengen umgehen. «Sie müssen aus 10 Mio Bildpunkten pro Sekunde Informationen wie Warnen oder Nicht-Warnen, Bremsen oder Nicht-Bremsen herausfiltern», erläutert der Ulmer Forscher. Gestiegene Rechnerleistungen und effektivere Rechenalgorithmen haben in dieser Hinsicht schon grosse Fortschritte gebracht.

Doch die Forscher arbeiten nicht nur an der Verbesserung der technischen Intelligenz, sondern auch an Methoden, mit denen festgestellt werden kann, wie die menschliche Intelligenz Unfälle vermeiden kann.

Hier hat die Entwicklung der Medizintechnik innerhalb der letzten zehn Jahre viele neue, ungeahnte Möglichkeiten gebracht. Die Wissenschaftler können heute direkt in das Gehirn des Autofahrers blicken. Ausgehend von weiter reichenden Erkenntnissen der Hirnforschung können künftige Informations-, Assistenz- und Warnsysteme so gestaltet werden, dass sie noch effektiver wirken und Fahrzeuglenker in Gefahrensituationen optimal unterstützen. Bisher war der Fahrer auf seine Sinne zur direkten Erfassung der Umgebung angewiesen und hat dies im Fahrschulunterricht und jahrelanger Fahrpraxis trainiert.

In Zukunft unterstützt ihn sein Fahrzeug mit eigener Aufmerksamkeit und aufbereiteter Information. Diese Zukunft mit intelligenten Fahrzeugen den Verkehr in Städten und auf Fernverkehrsstrassen sicherer zu machen hat schon begonnen, und sie wird im Ulmer Forschungszentrum der DaimlerChrysler AG tatkräftig mitgestaltet.