Als die UBS Ende August zum ersten Mal einen Podcast mit Klaus Wellershoff ins Netz gestellt hat, wurde der sofort zum Grosserfolg: 4800 Mal wurde die Fragerunde mit dem Chefökonomen der Grossbank innerhalb von drei Tagen heruntergeladen. Klaus Wellershoff ist auch in den schwierigen Zeiten der Bank einer ihrer grössten Sympathieträger geblieben. Kein Wunder, hat die Meldung von Ende August, er könnte sich von der UBS abwenden, für Schlagzeilen gesorgt (siehe dazu unten). Als Chefökonom bleibt er der Bank, zumindest vorläufig, erhalten.

In jüngster Zeit sind er und seine Ökonomen vor allem mit düsteren Prognosen für die Weltwirtschaft insgesamt aufgefallen. Im Gespräch mit der «Handelszeitung» geht Wellershoff auch auf die tieferen Ursachen der aktuellen Krise ein.

USA in Schuldenfalle

Am Ursprung der aktuellen weltwirtschaftlichen Probleme liegen laut Klaus Wellershoff weltweite Ungleichgewichte, die nach wie vor durch das Verhalten der US-Konsumenten geprägt sind. Sie leben über ihren Verhältnissen. Möglich war das bisher, weil die aufstrebenden Volkswirtschaften – allen voran China – mit Käufen von Dollaranlagen ihre eigenen Währungen gegenüber dem Dollar stabil und damit ihre Produkte für die Amerikaner billig gehalten haben. Zusammen mit den tiefen Leitzinsen der US-Zentralbank hat das zu einem weltweit historisch tiefen Zinsniveau geführt: «Zum ersten Mal seit Anfang der 80er Jahre haben wir eine längere Phase negativer Realzinsen erlebt», sagt Klaus Wellershoff. In einer solchen Situation erscheint es besonders attraktiv, sich zu verschulden. Was auf den Immobilienmärkten der USA und einiger europäischer Länder mit all den bekannten Folgen geschehen ist.

Die weiteren Leitzinssenkungen und Geldspritzen der US-Zentralbank sind für Klaus Wellershoff Symptombekämpfung der alten Art: «Wir haben dem Patienten fiebersenkende Mittel gegeben, aber nichts gegen die Krankheit unternommen», sagt er und fährt fort: «Wir laufen nun Gefahr, dass aus der Erkältung eine Grippe und am Ende eine ausgewachsene Lungenentzündung wird.»

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«Rezession ist notwendig»

Um die bestehenden Ungleichgewichte zu beseitigen, führt in den USA kein Weg an einer deutlichen Abschwächung vorbei – die den Konsum einschränkt. Wellershoff glaubt, dass die durch die US-Politik verabreichten Medikamente gegen die bisherige Abschwächung – die Geldspritzen durch die Zentralbank und Steuererleichterungen durch die Regierung – nun auslaufen und der US-Wirtschaft härtere Zeiten bevorstehen: «Die Amerikaner haben sich mit diesen Massnahmen nur Zeit gekauft, sie werden trotzdem durch eine Rezession hindurch müssen, um den Konsum wieder ins Gleichgewicht zu bekommen.»

In der zweiten Hälfte dieses Jahres werden die USA laut Wellershoff – mit negativen Wachstumsraten des Bruttoinlandprodukts – in die Rezession schlittern. Die Erholung danach werde sehr langsam vonstatten gehen: «Bis wir wieder ein normales US-Wachstum sehen, dauert es bis zum Jahr 2010 oder 2011.»

Diese Abschwächung in der nach wie vor grössten Wirtschaftsmacht der Welt wird ihre Spuren laut Wellershoff in der gesamten Weltwirtschaft hinterlassen: «Es trifft vor allem jene Länder, die gegenüber den USA deutliche Exportüberschüsse verzeichnet haben: Das bekannteste Beispiel darunter ist China.» Die Weltwirtschaft werde sich nach den vergangenen goldenen Jahren stark abschwächen: «Wir haben in den letzten Jahren eine exzellente Welt-BIP-Wachstumsrate von 5% gesehen – wie in den legendären 60er und Anfang der 70er Jahre. Im kommenden Jahr rechnen wir nur noch mit 3,5%». In Europa werde sich die Krise vor allem dort zeigen, wo die Immobilienpreise dank dem billigen Geld ebenfalls drastisch angestiegen sind und jetzt fallen: So in Grossbritannien, Spanien, Italien, Frankreich, Dänemark und Irland. Auch in diesen Ländern tätige Banken könnten wegen ausfallender Hypothekenkredite noch in die Bredouille kommen. «Die zweite Welle der Krise beginnt bereits gewöhnliche Geschäftsbanken zu treffen, wo die Verbriefung kaum eine Rolle gespielt hat.»

Von der konjunkturellen Seite besser dran sind die Schweiz und deren wichtigster Handelspartner: «Deutschland war lang das Schlusslicht im Konjunkturzug der Eurozone. Jetzt könnte das Land zum Wachstumsmotor in Europa werden, wovon vor allem die Schweiz profitiert.»

Reallohnerhöhungen kommen

In der Schweiz werde sich das Wachstum im nächsten Jahr zwischen 1 und 2% einpendeln. «Das ist aber keineswegs mit einer Krise gleichzusetzen», betont Wellershoff, «daher erwarten wir auch bei der Arbeitslosigkeit keine deutliche Verschlechterung.»

Angesichts dieser verhältnismässig guten Lage der Schweizer Wirtschaft glaubt der UBS-Chefökonom, dass die Lohnverhandlungen mit Reallohnerhöhungen enden werden. Das liege einerseits am Gewinnwachstum der letzten Jahre, mit dem das Lohnwachstum nicht mitzuhalten vermochte, aber auch an der gestiegenen Produktivität der Beschäftigten: «Allein zur Erhaltung der Wettbewerbsfähigkeit werden die Unternehmen gegenüber den Forderungen der Gewerkschaften trotz aller Rhetorik die Ohren nicht verschliessen.» Volkswirtschaftliche Risiken daraus sieht er keine: «Wenn man eine ausgeglichene Wirtschaftsentwicklung haben will, kann man nicht jede Lohnforderung der Gewerkschaften als übertrieben und schädlich abtun.»