Universitäten produzieren Jahr für Jahr Absolventen, denen elementare Kenntnisse fehlen – so die Kritik, die aus Wirtschaftskreisen immer wieder zu hören ist (siehe nächste Seite). Derlei Behauptungen weist man an Schweizer Universitäten entschieden zurück. Tatsache sei vielmehr, dass dem Grossteil der Uni-Absolventinnen und -Absolventen der Berufseinstieg problemlos gelinge, sagt Daniel Schönmann, Generalsekretär der Uni Freiburg.

Rudolf Stichweh, Rektor der Uni Luzern, doppelt nach: «Die Arbeitsmarktstatistik belegt, dass in der Schweiz innerhalb eines Jahres nach Studienabschluss über 95% der Studenten eine Anstellung finden.» Das schliesse auch Geisteswissenschaftler und Absolventen mit Bachelor-Abschluss ein. Kurt Reimann, Generalsekretär der Uni Zürich, stellt den Absolventen ein gutes Zeugnis aus: «Freilich bieten wir keine jobspezifische Ausbildung. Dennoch sind unsere Absolventen gefragt, und nach gezielten Trainings in den Firmen wissen sie schnell, worauf es in der Praxis ankommt.» Gunter Stephan, Vizerektor der Uni Bern, weiss schliesslich, dass seine Betriebswirtschaftler und Juristen im Schnitt spätestens drei Monate nach dem Abschluss einen Job haben.

Wunsch und Realität

Das auf Karriereberatung spezialisierte Unternehmen Hobsons rekrutiert bei Jobmessen die besten Hochschul-Absolventen. Hoch im Kurs stehen Wirtschaftswissenschaftler, Ingenieure und Informatiker. Dennoch sieht Hobsons-Mitarbeiter Jens Reufsteck Verbesserungsbedarf: Schweizer Hochschulen sollten sich künftig weniger auf die Forschung und mehr auf die Praxis konzentrieren. Und sie sollten sich auch kurzfristigen Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt stellen.Eine Ansicht, die man nicht an jeder Hochschule teilt. Die Uni Luzern richte ihr Angebot nicht am Arbeitsmarkt und den Berufschancen ihrer Absolventen aus, sondern danach, wie stark ein Studiengang nachgefragt werde, betont Rektor Stichweh. Und damit legten eben nicht unbedingt jene Fächer zu, die sich die Wirtschaft wünsche. Es wäre kontraproduktiv, würden Universitäten ihre Studiengänge ständig an mutmassliche neue Bedürfnisse der Wirtschaft anpassen, heisst es auch an der Uni Freiburg. Gleichwohl bemühe man sich um eine «Wechselwirkung» zwischen Berufswelt und universitärer Lehre, etwa mit Lehrbeauftragten aus der Berufspraxis.

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Dass sie einen besseren Draht zur Praxis finden müssen, haben auch andere Hochschulen erkannt, so zum Beispiel die ETH Zürich: Wie an US-Eliteuniversitäten läuft dort das Projekt «Academic and Career Advisory Program» (Acap) in den Fachbereichen Maschinenbau und Physik. Es bietet Absolventen unter anderem Hilfe beim Berufseinstieg – und Firmen die Möglichkeit, hoffnungsvolle Talente frühzeitig zu kontaktieren. Ob Unis künftig auch Softskills wie Sozialkompetenz als Lehrfach verankern müssen, darüber denkt man in Bern und Zürich ernsthaft nach. Bislang hänge es stark vom Studienfach und den jeweiligen Dozenten ab, ob diese elementaren Zusatzqualifikationen gelehrt würden.Jens Reufsteck von Hobsons empfiehlt allen Studierenden, sich in Praktika oder mit Nebenjobs rechtzeitig ein Bild davon zu machen, worauf es in den Firmen ankommt. Was die Universitäten an Fachkompetenz vermitteln, sei in aller Regel zwar eine gute Grundlage für den Beruf. Das allein reiche aber nicht: Wichtig sei, bei der Bewerbung mit praktischer Erfahrung zu punkten. Sie zu sammeln, dafür sollten auch die Bachelor- und Master-Studiengänge noch ausreichend Freiraum bieten.

Trendwende zeichnet sich ab

Der Wirtschaft fehlen auch Absolventen aus den Naturwissenschaften. Das aber nicht, weil man den Bedarf ignoriere, sondern weil die Nachfrage nach solchen Studienrichtungen in den letzten Jahrzehnten stagnierte, während das Interesse an den Geistes- und Sozialwissenschaften stark wuchs, sagt Daniel Schönmann von der Uni Freiburg. Immerhin: Dass Naturwissenschaftler glänzende Startchancen haben und noch vor dem Abschluss von Firmen umworben werden, hat sich herumgesprochen. In Freiburg stellt man zarte Anzeichen einer Trendwende fest.