Ein grosser Rucksack an theoretischem Wissen ist gut. Die Kenntnisse in die Praxis umzusetzen ist noch viel besser. Finanzkrise und Rezessionstendenzen verknappen das adäquate Stellenangebot für hochqualifizierte Hochschulabgänger derzeit scheinbar. Gefragt sind gute Beratungen sowie wirksame Starthilfen. In der Pflicht sehen sich neben unzähligen Berufsberatern auch die Hochschulen selbst. Mit eigenen Karriereprogrammen wollen sie ihren Abgängern vor der Entlassung in den harten Arbeitsalltag das nötige Rüstzeug für einen erfolgreichen Werdegang mit auf den Weg geben.

Seit bald drei Jahren offeriert etwa die ETH Zürich den Absolventen mit ihrem Academic and Career Advisory Program (ACAP) kostenlose und umfassende Beratungsleistun-gen zum Berufseinstieg. Das ACAP bietet Coachings und informiert Interessierte ausführlich zu allen Themen rund um die Karriereplanung. «Wir führen Standortbestimmungen durch, erstellen individuelle Persönlichkeitsprofile, ermitteln daraus passende Branchen und Tätigkeitsfelder, erarbeiten Bewerbungsstrategien, geben Tipps für Bewerbungsunterlagen und bereiten die angehenden Berufsleute auf Job-Interviews vor», fasst Jadwiga Gabrys, Medienverantwortliche des ACAP, zusammen. Zielgruppe sind neben ETH-Abgängern auch Studierende, die sich im Endspurt zu ihrem Lizenziat befinden. In Anspruch nehmen können die Leistungen vorderhand nur angehende Maschinen-ingenieure und Physiker.

Einen etwas anderen Weg sind die Universitäten Basel und St. Gallen (HSG) gegangen. In Basel wurde 2005 in Kooperation mit Firmen, Organisationen und dem Kanton Basel-Stadt das Career Service Center (CSC) gegründet. «Wir pflegen einen engen Kontakt zu Wirtschaft und Verwaltung», sagt Birgit Müller, Geschäftsführerin des CSC. Offeriert werden Absolventen sämtlicher Fakultäten kostenlose Laufbahnberatungen, Informationen sowie Dienstleistungen, die den Einstieg ins Berufsleben erleichtern sollen. Das CSC betreut Abgänger, die sich nicht für eine akademische Laufbahn entscheiden. Für die anderen ist die Nachwuchsförderung der Universität Basel zuständig.

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Auch in St. Gallen ist der direkte Draht zur Wirtschaft entscheidend. Das Career Service Center (CSC-HSG) versteht sich als strategischer Partner und Impulsgeber für rekrutierende Organisationen und fordert diese auf, an der HSG Präsenz zu markieren. Als Gegenleistung offeriert die HSG Studienabgänger, die schon während der Studienzeit über das Career Development Program mit nationalen und internationalen Firmen und Organisationen in Kontakt getreten sind. Mit persönlichen Beratungen und dem Check der Bewerbungsunterlagen begleitet das CSC-HSG die Studierenden beim Berufseinstieg. Als Begleitlektüre hat die HSG einen 132-seitigen «Bewerbungsratgeber für Hochschulabsolventen» herausgegeben.

Beratungsnachfrage nimmt zu

Noch wenig Tradition hat die aktive Karrierehilfe für Studienabgänger an den Universitäten Zürich und Bern. Während man in der Bundeshauptstadt ein entsprechendes Angebot erst für 2009 und in Kooperation mit einem externen Partner in Betracht zieht und zurzeit nur sporadisch sogenannte Career Days organisiert, hat die Universität Zürich vor gut drei Monaten die neue Abteilung Career Services in Betrieb genommen. «Wir bauen die Informations-, Beratungs- und Coaching-angebote zum Thema Berufseinstieg seither laufend aus», erklärt Roger Gfrörer, Leiter Career Services. Die Dienstleistungen fokussieren ? mit Ausnahme der Studienberatung ? auf ähnliche Themen wie beim ACAP in der benachbarten ETH. «Das Angebot steht bei uns den Studierenden aller Fakultäten offen.»

Die Nachfrage der Studierenden für solche Karriereberatungen der Hochschulen ist erwartungsgemäss gut und wächst aufgrund der unsicheren Zeiten im Arbeitsmarkt im Moment gar überproportional. «Uns wird förmlich die Tür eingerannt», beobachtet Birgit Müller an der Universität Basel, wo die Anfragen kaum mehr bewältigt werden können. Die Feedbacks der Studierenden auf das Angebot seien durchwegs gut. «Nicht selten schmuggeln sich sogar Absolventen anderer Universitäten in unsere Karriereberatungen.»

Von der ETH Zürich stammen diese mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht, denn dort hat die Zahl der Anmeldungen für die Dienstleistungen des ACAP in den vergangenen zwei Jahren ebenfalls markant zugenommen. Sie wird weiter steigen, da gemäss einer internen Umfrage 94% der vom Karrierezentrum gecoachten Personen die Beratung aktiv weiter empfehlen. «Man schätzt bei uns vor allem den sehr individuellen Ansatz», weiss Jadwiga Gabrys.

Erfolgsquoten sind relativ vage

Über noch wenig Erfahrungswerte bezüglich des Erfolgs der noch jungen Angebote verfügt man an den Universitäten Zürich und Bern. Die Career Days würden von den Studierenden der Wirtschafts- und Sozial- sowie teilweise Naturwissenschaften intensiv besucht, sagt Julia Gnägi, Kommunikationsbeauftragte an der Universität Bern. «Eher mässig ist das Interesse bei den Geisteswissenschaftlern.» Durch bessere Angebote der Firmen sowie eine gezieltere Kommunikation mit diesen Studierenden an den Career Days soll der Missstand behoben werden.

Die Career Services der Universität Zürich planen auf 2009 eine Werbeoffensive bei den Studierenden. Die Rückmeldungen auf die ersten Beratungen seien jedenfalls sehr positiv, meint dazu Roger Gfrörer.

Zu den Erfolgsquoten ihrer Beratungsdienste können die Hochschulen nur vage Auskunft erteilen. Die Universität Zürich verweist für Zahlen an das Bundesamt für Statistik. An der Universität Bern sind auch keine Daten vorhanden. «Ich erhalte auch nicht immer Rückmeldungen, ob und wie rasch Absolventen unseres Programms einen Job erhalten haben», räumt Birgit Müller von der Universität Basel ein. An der ETH haben laut einer Erhebung je ein Viertel der Studienabgänger, die sich im ACAP beraten liessen, den Einfluss auf den Bewerbungsprozess als «sehr hoch» oder «sehr gering» bezeichnet. Etwas anders sieht es an der HSG aus: Dort haben einer aktuellen Umfrage zufolge nicht weniger als 88% der Master-Absolventen bereits vor Abschluss ihres Studiums einen Vertrag bei ihrem zukünftigen Arbeitgeber unterschrieben.

 

 

NACHGEFRAGT


«Arbeitsmarkt nicht wesentlich negativer»

Roger Gfrörer ist Leiter der Abteilung Career Services der Universität Zürich.

Ist die aktuelle Krise ein spezielles Thema bei Ihren Gesprächen mit Hochschulabsolventen?

Roger Gfrörer: Die Konjunktur war in den Anfragen der Studierenden kein signifikantes Thema. Es scheint, dass sie demnach die Lage auf dem Arbeitsmarkt nicht wesentlich negativer einschätzen, als dies bislang der Fall war.

Was sind die Gründe für dieses fast normale Verhalten?

Gfrörer: Vielleicht ist dies darin begründet, dass die Firmen nach wie vor aktiv auf dem Hochschulrekrutierungsmarkt auftreten; vielleicht auch darin, dass die Arbeitslosenzahlen im Oktober zum Vorjahr 1,5% tiefer lagen und etliche Banken einen Abbau ihres Personals in der Schweiz bis jetzt vermeiden konnten. Eine dritte Erklärung könnte aber auch sein, dass sich die Absolventen zurzeit gar nicht so für Jobs im Bereich des Investment Banking interessieren, weil dieser an Beliebtheit eingebüsst hat. Absolventen von Banking und Finance steht eine Vielzahl anderer Einstiegsmöglichkeiten offen.

Was steht wohl hinter diesem eher unaufgeregt abwartenden Verhalten der Studenten?

Gfrörer: Bis anhin melden die Schweizer Finanzdienstleister keinen Abbau der Career-Starter-Programme. Die bisherigen Restrukturierungen lassen eher darauf schliessen, dass der Heimmarkt gestärkt wird.

Werden Unternehmen in einer schwierigen Lage trotzdem neue Mitarbeiter einstellen?

Gfrörer: Gerade Firmen, die sich in einer solchen Lage befinden, verlieren in der Regel durch Ab-gänge eine Vielzahl von Leuten, die sie wieder ersetzen müssen.

Schafft der Rückzug der Baby-Boomer-Generation vom Arbeitsmarkt neue Arbeitsplätze auch für Hochschulabsolventen?

Gfrörer: Davon kann man ausgehen. Grund ist nicht nur die spürbare Zunahme des Fachkräftemangels. Der Druck durch den demografischen Wandel wird verstärkt durch den Trend zu frühzeitigen Pensionierungen und die hohen Berufsnebenkosten für ältere Mitarbeitende. Da Einsteiger einige Jahre Berufserfahrung benötigen, bis sie ihre maximale Leistungsfähigkeit erreicht haben, müssen die Unternehmen frühzeitig dem Austritt der zahlenmässig stärksten Jahrgänge entgegenwirken.