Leidet der EuroAirport unter der TGV-Verbindung nach Paris?

Jürg Rämi: Wir leiden nicht, aber einen Einfluss hat die neue Bahnstrecke schon. Air France hatte in den ersten Monaten bis zu 20% weniger Passagiere. Hinzu kam, dass Ryanair und Easyjet Flüge gestrichen haben. Das führte zu einem Rückgang an Passagieren von 5% im 1. Quartal 2008.

Bleiben die dunklen Wolken am Himmel?

Rämi: Er wird sich wieder aufhellen. Bis Ende Jahr werden wir ein kleines Plus erreichen.

Was stimmt Sie so optimistisch? Die Finanzkrise ja kaum.

Rämi: Diese sicher nicht. Im Gegenteil. Wenn sich diese weiter ausbreiten sollte, dann hat das durchaus Konsequenzen. Vor allem bei den Touristen.

Weshalb nicht bei den Geschäftsreisenden?

Rämi: Geschäftsreisen gibt es auch in der Krise. Aber wenn sich das wirtschaftliche Klima verschlechtert und die Leute weniger Geld im Sack haben, dann steigen sie auch weniger in die Lüfte. Im Moment rechne ich noch mit einer Zunahme der Passagiere. Das Bedürfnis nach Reisen in alle Welt ist ungebrochen.

Was heisst das für das Wachstum 2008?

Rämi: Wir haben ein Passagierplus von 5% budgetiert.

Welche Passagiere fehlen dem Flughafen?

Rämi: Die Ski-Passagiere.

Jetzt im Sommer?

Rämi: Nein, vor allem in den Wintermonaten. Der meiste Wintertourismus wird derzeit über Genf abgewickelt. Aber der dortige Flughafen ist an der Kapazitätslimite. Zudem sind gewisse Skiorte in der Schweiz am nächsten von Basel aus erreichbar. Hier haben wir noch Potenzial.

Und sonst?

Rämi: Seit dem letzten Herbst fliegen neu Air Berlin und Ryanair von Basel aus. Beide brachten neue Destinationen. Auch ausserhalb des Mittelmeerraums.

Welche Regionen haben Sie noch auf dem Radar?

Rämi: Ein Markt mit grossem Potenzial ist Nordafrika. Wir sehen das in Marrakesch. Das ist eine In-Destination, die ein starkes Wachstum verzeichnet.

Und Osteuropa?

Rämi: Das ist ein Gebiet, das lange ein weisser Fleck auf unserer Landkarte war. Langsam entwickelt sich hier der Verkehr ab Basel. Mit Prag, Budapest und Warschau haben wir die ersten Reiseziele. Weitere werden folgen. Der Osten hat ein erhebliches Potenzial.

Bis auf unregelmässige Flüge nach Montreal gibt es ab dem EuroAirport keine Langstrecken. Wann ändert sich das?

Rämi: Ich bin nach wie vor überzeugt, dass von Basel aus New York gewinnbringend angeflogen werden könnte. Es ist eine Frage der Zeit, bis eine Fluggesellschaft diese Destination anfliegt.

Das heisst?

Rämi: Es kann in sechs Monaten so weit sein oder erst in zwei Jahren. Das ist abhängig davon, wann eine Airline den Markt als reif einstuft und eine passende Maschine zur Verfügung hat.

Welche Fluggesellschaft kommt hier in Frage? Air France, Lufthansa oder Swiss?

Rämi: Das sind drei mögliche Kandidaten. Es könnte aber auch ein Allianzpartner einer dieser Airlines sein, zum Beispiel Delta im Code Share mit Air France.

Wie wahrscheinlich ist die Zusammenarbeit mit einer Discount-Airline für eine Langstrecke ab Basel?

Rämi: Wir sind mit den entsprechenden Fluggesellschaften, insbesondere den asiatischen, in Kontakt. Auch hier ist es eine Frage der Zeit, bis es solche Flüge ab dem EuroAirport geben wird.

Damit kämen Sie Ihrem Traum eines Billig-Hubs ein wenig näher.

Rämi: Nein, es handelt sich um ein virtuelles Drehkreuz.

Was meinen Sie damit?

Rämi: Es wäre ein Modell, wie es zum Beispiel der Flughafen Stansted bereits betreibt. Ein Flughafen wird von einer oder zwei Billig-Langstrecken bedient und die Passagiere reisen über das vorhandene Netz an Low-Cost-Flügen auf der Kurzstrecke weiter.

Sie sprechen von Interkontinentalflügen aus Asien?

Rämi: Ja. Aus der Sicht von asiatischen Touristen spielt es keine Rolle, ob sie in Zürich, München oder Basel landen. Die meisten wollen London, Paris, Rom und vielleicht noch das Jungfraujoch sehen. Das bieten wir ab Basel.

Sind Sie davon überzeugt, dass Discount-Langstreckenflüge über eine längere Zeitdauer möglich sind?

Rämi: Gewisse Kostenvorteile der Low-Cost-Carrier auf der Kurzstrecke lassen sich auf die Langstrecke übertragen.

Also kein Gratisessen mehr?

Rämi: Nicht unbedingt. Ein Basisangebot ist wohl notwendig. Bei Vertrieb und Gepäck hingegen könnte es Kostenvorteile geben.

Wie viele Langstreckendestinationen ab Basel können Sie sich vorstellen?

Rämi: Realistisch sind zwei, drei Destinationen in Asien und nochmals zwei, drei Ziele an der amerikanischen Ostküste. Ein Hub wie Zürich können wir nicht werden.

Ist die aktuelle Finanzkrise nicht ein Hemmschuh für diese Entwicklung?

Rämi: Bei den Gesprächen mit den Fluggesellschaften ist das noch kein Thema. Jedenfalls nicht in dem Sinne, dass deswegen Pläne nun auf Eis gelegt würden.

Wie sehen die Pläne des EuroAirport für den Ausbau der Infrastruktur aus?

Rämi: Wir haben noch keinen Bedarf. Dieses Jahr werden rund 4,5 Mio Passagiere unseren Flughafen nutzen. Kapazität haben wir für 6 bis 8 Mio.

Und wie sieht es auf Seiten des Kommerzgeschäftes aus?

Rämi: Alle paar Monate kommt ein neuer Shop hinzu. Aber auch hier gibt es keinen grossen Schub. Dazu haben wir noch zu wenig Passagiere. Für den rentablen Betrieb eines Musikgeschäfts zum Beispiel benötigt es mindestens 5 Mio Passagiere. Für einen Fachladen wie Lindt & Sprüngli oder sogar ein Kaviarhaus haben wir die kritische Grösse noch nicht.

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Neben dem Passagier- und den Frachtgeschäft setzen Sie vermehrt auf Unterhalt und Innenausbau von Flugzeugen. Mit Erfolg?

Rämi: Sehen Sie den neuen Hangar der Jet Aviation? (Er zeigt aus seinem Bürofenster auf neue Gebäude.) Daneben werden weitere Hangars erstellt. In diesen werden Flugzeuge aller Art aus- und umgebaut. Auch Grossraummaschinen wie der A380 oder der Dreamliner von Boeing sind möglich.

Und für wen? Reiche Scheichs?

Rämi: Wir kennen die Auftraggeber nicht. Es sind Leute, die sich ein Grossraumflugzeug mit entsprechendem Ausbau leisten können. Das ist ein wachsender Geschäftsbereich, von dem wir profitieren.

Wie viele Unternehmen im Flugzeugausbau haben sich bereits im EuroAirport angesiedelt?

Rämi: Drei. Zudem prüft Swiss, ihren Technikteil in die Lufthansa-Sparte auszulagern und hier in Basel anzusiedeln. In einem Satz: Hier am EuroAirport entsteht ein Kompetenzzentrum für Flugzeugumbau- und -unterhalt. Zurzeit arbeiten 1700 Personen in diesem Bereich. Mittelfristig kommen weitere 1000 Personen hinzu. Ein Grossteil davon sind hochwertige Arbeitsplätze. Zudem gibt es regionale Jobs.

In welchen Bereichen?

Rämi: Das ansässige Handwerk kann profitieren. Viele Flugzeugausbauten sind Spezialanfertigungen. Da braucht es Schreiner, Sattler und Schneider.

Verschiedene Länder, insbesondere in der Golfregion, bauen riesige Flughäfen. Müssten die Schweizer Flughäfen ihre Zusammenarbeit nicht intensivieren, um hier Paroli bieten zu können?

Rämi: Hier gibt es tatsächlich offene Fragen. Alle Schweizer Flughäfen haben zusammen unter 40 Mio Passagiere. In Dubai wird zurzeit ein Hub mit drei- bis viermal so viel Kapazität gebaut.

Bedroht diese Entwicklung die Flughäfen in Europa?

Rämi: Die Entwicklung trifft zunächst mal die grossen Hubs in Europa, weil damit neue Alternativen zum Umsteigen angeboten werden. Des Weiteren haben wir in Europa eine so hohe Regulierungsdichte, dass wir für einen Ausbau der Infrastruktur mit einem Planungshorizont von mindestens 10 bis 15 Jahren rechnen müssen.

Zu viel, um mit der Konkurrenz mithalten zu können?

Rämi: Europa muss sich fragen, ob man gegenüber Staaten kapitulieren will, die aus verschiedenen Gründen sehr schnell riesige Bauprojekte realisieren können, oder ob auch in Europa für die Zukunft gebaut werden soll.

Unterschätzt die Politik die Entwicklung?

Rämi: Das ist Sache der Politik. Wir werden sehen.

Wie lange bleiben Sie noch Direktor des EuroAirport?

Rämi: Ich bin seit fünf Jahren im Amt. Wir haben vor zwei Jahren die Krise überwunden und sind jetzt in einer spannenden Entwicklungsphase. Es gibt viel zu tun.

Im Gegensatz zu den beiden Flughäfen Genf und Zürich, wo neue Chefs am Ruder sind, bleiben Sie also noch einige Jahre im Amt?

Rämi: Ich habe sechs Monate Kündigungsfrist (lacht). Aber ich habe keine Pläne, den EuroAirport zu verlassen.