Die Finanzkrise setzt den Pensionskassen schwer zu. Der Deckungsgrad hat neue Tiefststände erreicht. Gerät die berufliche Vorsorge in Schwierigkeiten?

Yves Rossier: Wir erleben turbulente Zeiten an den Finanzmärkten. Das ist für die Pensionskassen unangenehm, ebenso wie für alle anderen Markteilnehmer. Solche schwierige Situationen gab es bereits früher, und wir haben sie überstanden. Wichtig ist im Moment: Wir haben kein systembedingtes Problem in der 2. Säule. Für die Vorsorgewerke ist die mittelfristige Zukunft ausschlaggebend. Es stellt sich die Frage, wie sich die reale Wirtschaft weiter entwickelt. Kommt es zu einer massiven Abschwächung des Wirtschaftswachstums? Oder geraten wir gar in eine Rezession? Die von ausländischen Regierungen und dem Bundesrat eingeleiteten Massnahmen zielen darauf ab, die Finanzmärkte zu stabilisieren und das Vertrauen in das Bankensystem wieder herzustellen. Das stimmt mich optimistisch.

Letztmals rutschte die 2. Säule vor fünf Jahren nach dem Platzen der Internet-blase an den Börsen in die Krise und wurde zum Sanierungsfall. Droht das erneut?

Rossier: Die Vorsorgeeinrichtungen saniert man nicht per Ende Jahr, indem neues Kapital eingeschossen wird, wie damals nach der massiven Vermögensvernichtung bei gewissen Lebensversicherern. Die Pensionskassen funktionieren nach einem anderen System. Wenn der Deckungsgrad bei einer einzelnen Kasse unter 90% liegt, muss der Stiftungsrat die notwendigen Sanierungsschritte einleiten. Es steht ihm dafür aber ein längerer Zeitraum zur Verfügung. Deshalb ist die wirtschaftliche Entwicklung in den kommenden zwei bis drei Jahren derart wichtig. Seien Sie sich auch bewusst: Eine wirklich bedrohliche Krise der Pensionskassen ? nicht nur einzelner Kassen ? würde bedeuten, dass auch die Wirtschaft in einer gravierenden und anhaltenden Krise steckt. Dann müsste auf jeden Fall dort der Hebel angesetzt werden, damit es auch den Pensionskassen wieder besser geht.

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Was bedeutet eine Rezession?

Rossier: Bei einem konjunkturellen Einbruch entstehen die Probleme nicht in erster Linie bei den Pensionskassen, sondern an einem anderen Ort: Teile der Versicherten verlieren ihren Arbeitsplatz. In einer solchen Situation rückt die Aussicht auf eine in 20 Jahren allenfalls leicht verminderte Rente in den Hintergrund. Die Vorsorgeeinrichtungen sind generell auf eine lange Frist angelegt. Da wechseln sich ertragsmässig gute mit schlechten Jahren ab. In der günstigen Zeit an den Aktienmärkten von 2003 bis 2007 wurden bei gut geführten Pensionskassen Überschüsse erzielt, die nun als Reservepolster dienen.

Bei den öffentlichen Pensionskassen ist der Deckungsgrad per Mitte Jahr auf rund 90% gefallen. In der Zwischenzeit sind die Aktienkurse weltweit nochmals nach unten gerutscht. Wird es für diese Vorsorgewerke kritisch?

Rossier: Natürlich kann man den durchschnittlichen Deckungsgrad der Kassen verwenden, entscheidend ist aber der Zustand jeder einzelnen Vorsorgeeinrichtung. Es gibt öffentliche Pensionskassen mit einer guten und solche mit einer schlechten Deckung. Die öffentlichen Kassen können technisch betrachtet gar nicht in eine Unterdeckung geraten, weil ihre Verpflichtungen durch den Staat garantiert sind. Das Problem liegt in einem solchen Fall beim Garantieträger.

Gibt es Notfall-Szenarien?

Rossier: Nein, bei den öffentlichen Pensionskassen kennen wir das nicht. Diese Kassen haben eine Garantie.

Als grösster Problemfall gilt die SBB-Pensionskasse. Die volle Ausfinanzierung durch den Staat ist in der momentan angespannten wirtschaftlichen Situation kaum denkbar. Wie geht es dort weiter?

Rossier: Bei der SBB-Pensionskasse sprechen wir nicht von einem dringenden Notfall, sondern von einer Lösung in den nächsten Jahren. Bis 2013 soll der Deckungsgrad 100% erreichen.

Wie präsentiert sich die Situation bei den privaten Pensionskassen?

Rossier: Eine Momentaufnahme in diesem Vorsorgesektor macht keinen Sinn. Massgeblich ist die Bilanz per Ende Jahr. Besteht eine Unterdeckung, muss eine autonome Pensionskasse im Gegensatz zu einer Versicherung ihre Engagements am Aktienmarkt nicht sofort auflösen. Das vermindert den unmittelbaren Druck auf die Stiftungsräte und ist aus meiner Sicht ein wichtiges Kriterium für die Nachhaltigkeit des Systems.

Die schlechte Ertragslage dürfte einige kleinere und mittlere Kassen zu Fusionen zwingen. Rechnen Sie mit einer stärkeren Konsolidierung bei den Vorsorgewerken?

Rossier: Es hat bereits eine Konzentration stattgefunden. Zwischen 2000 und 2006 ist die Zahl der Pensionskassen von 3400 auf 2700 zurückgegangen. Zwangsfusionen aufgrund der schwierigen Marktlage sehe ich nicht.

Als gewisse US-Banken in eine Schieflage gerieten, ordnete der Staat aber Zwangsübernahmen an. Kann das BSV ähnliche Massnahmen bei den Vorsorgewerken treffen?

Rossier: Diesen Vergleich kann man nicht anstellen. Die Banken sind bei ihrer Kapitalausstattung klaren Pflichten unterworfen. Für eine Pensionskasse gilt das nicht, lediglich bei einer Versicherungsgesellschaft kommt das zum Tragen.

Sorgt die schwierige Marklage nicht für eine Konzentration?

Rossier: Davon gehe ich nicht aus. Die Konsolidierung wird begünstigt durch die höheren Anforderungen an die Kas-sen und den Trend zur Professionalisierung.

Wie sicher ist die berufliche Vorsorge in der Schweiz?

Rossier: In der wirtschaftlich schwierigen Zeit ist es angezeigt, sich auch etwas antizyklisch zu verhalten. Ich springe in den fetten Jahren nicht auf das Dach, und in den mageren Jahren stelle ich mich nicht ans Fenster. Wegen der Finanzkrise nun in eine Panik zu verfallen, ist ebenso falsch, wie bei einer Aktienhausse in eine Euphorie auszubrechen. Unser Vorsorgesystem ist sicher.

Der Versicherte muss aber künftig mit weniger Rente auskommen, weil der Umwandlungssatz sukzessive reduziert wird und der Mindestzins aufgrund der Finanzmarktkrise sinkt.

Rossier: Wir sprechen von nominellen Beträgen. Wenn wir 4% Mindestzins haben in einem Jahr mit 7% Inflation, ist das real betrachtet schlechter als in einem Jahr mit 2,5% Mindestzins und lediglich 1% Teuerung. Die Absenkung des Umwandlungssatzes sorgt auch dafür, dass nicht die Älteren gegenüber den Jungen privilegiert werden. Selbst wenn der Mindestzinssatz gesenkt wird, ist dies noch immer eine Garantie. Eine Einzelversicherungslösung ist immer weniger günstig für den Versicherungsnehmer als eine Kollektivlösung.

Vor zwei Jahren haben die Fälle Swissfirst und First Swiss den Gesetzgeber mit einer Verschärfung der Aufsichtspflicht auf den Plan gerufen. Nebst dem Front Running soll auch das Parallel Running verboten werden. Reicht das für eine verbesserte Pension Fund Governance?

Rossier: Für uns war vor allem die Konstruktion bei der Pensionskasse First Swiss problematisch. Die Stiftung ging vertragliche Abmachungen mit nahe stehenden Personen oder gar denselben Leuten ein. Da ist eine Trennung der Eigeninteressen und derjenigen des Beauftragten nötig. In der Strukturreform, die jetzt über die Bühne geht, ist in dieser Beziehung eine klare Regelung vorgesehen, wann die Revisionsstelle einschreiten muss.

Der Pensionskassenverband hat im Frühling bereits eine Ethik-Charta verabschiedet. Genügt diese Selbstregulierung nicht?

Rossier: Diese Charta des Verbandes ist in Ordnung. Aber wir müssen als Aufsichtsbehörde mit objektiven Risiken umgehen. Da braucht es abstrakte Regeln.

Das Versagen des Risiko-Managements bei den Banken hat die Finanzmarktkrise mit ausgelöst. Werden daraus Konsequenzen für die berufliche Vorsorge gezogen?

Rossier: Ja und nein. Jeder Mensch lernt aus realisierten Risiken für die Zukunft. Daneben gibt es die grundsätzlichen Risiko-Vorkehrungen: Dazu gehören eine Diversifikation der Anlagen oder kein Kauf von Produkten, die man nicht versteht.

Mit den neuen Anlagevorschriften wird es den Kassen möglich, bis zu 15% Anteil in komplexe Hedge-Fonds zu investieren. Welche Überlegungen standen dahinter?

Rossier: Es bestand bei den Pensionskassen eine Nachfrage nach solchen Produkten. Da gibt es auch grosse Unterschiede zwischen den Bedürfnissen einer Kasse in einem multinationalen Unternehmen und einem Kleinbetrieb. Bei den Hedge-Fonds sind die 15% ein Maximum. Dabei ist es wichtig, dass man solche Engagements permanent überwacht.

Der Versicherte ist bei der Pensionskasse schicksalshaft mit seinem Arbeitgeber verbunden. Wie stellen Sie sich zur freien Wahl der Kasse?

Rossier: Freie Wahl der Pensionskasse, das tönt zwar attraktiv, aber sie macht schlicht und einfach keinen Sinn. Das merkt man, wenn man diese Idee konkret durchspielt. Darum bin ich dagegen. Die Stärke der beruflichen Vorsorge ist der kollektive Ansatz.