Hervorragende Produkte, eine einzigartige Marktposition, aber an der Börse ein Tiefflieger: Industriefirmen wie Rieter, Quadrant und Sia Abrasives ist mitten in der Wirtschaftskrise genau das passiert, was Experten wie der Aktienrechtler Peter V. Kunz voraussagten. Sie wurden übernommen: Freundlich wie Rieter oder in einer Bieterschlacht wie Quadrant und Sia Abrasives.

Die «Handelszeitung» hat die Beteiligungsverhältisse aller Industriefirmen aus dem Swiss Performance Index analysiert - mit verblüffendem Ergebnis (siehe Tabelle).

Fast alle Konzerne verfügen mittlerweile über mindestens einen Ankeraktionär. Ob grössere Firmen wie der Zementriese Holcim, die Industriezulieferer Sulzer und Rieter sowie der Technologiekonzern OC Oerlikon; oder kleinere Konzerne wie der Industrieausrüster Dätwyler, der Maschinenbauer Mikron, der Mischkonzern Conzzeta und der Fräsmaschinenhersteller StarragHeckert: Überall hält ein Grossinvestor - in vielen Fällen Familienvertreter - schützend seine Hand über das Unternehmen. Vorbei sind damit die Zeiten wilder Übernahmeattacken wie seinerzeit gegen Unaxis (heute OC Oerlikon), SIG, Ascom und Saurer.

Übrig bleiben die Perlen, die sich keiner leisten will. Beispiel Geberit: Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 16,5 für 2009 gilt die Aktie des Sanitärtechnikers im derzeitigen Börsenumfeld als eher teuer - nichts Neues bei Geberit. Dafür lockt der Sanitärtechniker Jahr für Jahr mit satten Dividenden, weshalb ihm die Anleger die Treue halten.

Anzeige

Eine (feindliche) Übernahme käme demnach teuer zu stehen. Zudem ist es mehr als zweifelhaft, ob ein nichtindustrieller Käufer das Unternehmen später tatsächlich mit einem Aufpreis wieder abstossen könnte - und darum geht es Beteiligungsfirmen ja. Kurz: Eine Übernahmeschlacht würde ziemlich sicher mehr Wert vernichten als hernach generiert werden könnte. Dasselbe gilt auch für den Life-Science-Konzern Lonza, den Computerzubehörhersteller Logitech und den Spezialsägenproduzenten Meyer Burger. Bezeichnend: Alle diese Firmen verzichten auf ein breit angelegtes Abwehrdispositiv.

Anders sieht es im Fall von Clariant aus. Der Basler Chemiekonzern gilt nach dem Verkauf von «Schwester» Ciba an die deutsche BASF als nächster Übernahmekandidat. Zwar verfügt Clariant über interessante Produkte, vermag jedoch keine überzeugenden Resultate zu erzielen. Das schlägt sich im Aktienkurs nieder: Seit gut zehn Jahren folgt die Clariant-Aktie, abgesehen von ein paar Ausschlägen, ein und demselben Trend: Abwärts. Mittlerweile kostet die Aktie, die einst stolze 70 Fr. wert war, noch gut 8 Fr. Ähnlich ergeht es dem Drehautomatenhersteller Tornos. Interessant: Walter Fust (Jelmoli, StarragHeckert) erhöhte im April seine Beteiligung auf 5,12%.

Zu Kontrollwechseln könnte es auch bei Firmen kommen, die zwar einen Grossinvestor haben, der aber vor dem Ausstieg steht. Beispiel Implenia: Der Baukonzern hat, unfreiwillig, den Hedge-Fonds Laxey im Haus. Der sucht seit längerem den Ausgang, findet aber keinen Investor für sein 50%-Paket. Wer die Titel übernimmt und damit (nicht stimmberechtigter) Besitzer des Baukonzerns wird, ist offen. Möglicherweise sucht Laxey den Ausweg über einen industriellen Partner.

Wie lange bleibt Renova an Bord?

Veränderungen könnten sich dereinst auch beim Industriezulieferer Sulzer und bei OC Oerlikon abzeichnen - selbst wenn die russische Beteiligungsfirma Renova unermüdlich betont, ein langfristiger Investor zu sein. Wir erinnern uns: Ronny Pecik, der zwischen 2005 und 2008 mit seiner Beteiligungsfirma Victory Unaxis, Saurer, Ascom und Sulzer angriff, sprach von langfristigen Anlagehorizonten. 2008 war er von der Bildfläche verschwunden.

Anzeige