Das Jahr 2007 stellt laut Ihren Worten einen «Wendepunkt» für Actelion dar. Weshalb?

Jean-Paul Clozel: 2007 kristallisierte sich die Richtung heraus, in die sich das Unternehmen entwickeln wird. Nun geht es darum, diese umzusetzen. Es geht um die Realisierung der Wachstumsstrategie.

Was bedeutet dies?

Clozel: Nun muss Actelion eine völlig neue Grösse erreichen. Nur so kann der gewählte Weg erfolgreich beschritten werden.

Was werden 2008 die Meilensteine sein, damit «Actelion 2» entstehen kann?

Clozel: Kurzfristig wollen wir unsere Position im Markt der Mittel gegen Bluthochdruck im Lungenkreislauf zuerst weiter stärken, um diese dann mittelfristig zu konsolidieren; seit dem vergangenen Sommer ist unser Produkt Tracleer bekanntlich nicht mehr das einzige Produkt gegen diese sogenannte pulmonal-arterielle Hypertonie, die PAH.

Und längerfristig?

Clozel: Längerfristig müssen wir unsere Infrastruktur vergrössern und so rasch als möglich weitere Mittel entwickeln.

Tracleer ist für über 95% des Actelion-Umsatzes verantwortlich. Wann werden Sie das nächste «grosse» Medikament lancieren können?

Clozel: 2009 wollen wir zuerst Tracleer auch gegen die Lungenfibrose lancieren. Das ist wichtig für uns, könnte diese doch die Tracleer-Verkäufe verdoppeln, ohne dass wir unsere Verkaufsaufwendungen stark nach oben anpassen müssten.

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Damit hätten Sie das Tracleer-Klumpenrisiko für Actelion aber nochmals erhöht.

Clozel: Einerseits möchten wir tatsächlich alles unternehmen, um Tracleer wachsen zu lassen. Bis jetzt werden 15% aller rund 200000 PAH-Patienten damit behandelt. Theoretisch könnten es aber 30% sein, weshalb wir noch viel Potenzial sehen. Andererseits werden wir alles tun, um rasch weitere Produkte zu lancieren.

Sie haben es angesprochen: Das US-Unternehmen Gilead hat mit Letairis ein Konkurrenprodukt für Tracleer lanciert. Um wie viel gingen die Verkäufe von Tracleer zurück?

Clozel: Ich rate allen Investoren, die Ergebnisse des Jahres 2007 von Actelion und Gilead genau zu analysieren. Entscheidend wird sein, wie viele Patienten Gilead tatsächlich gewonnen hat.

Im 3. Quartal 2007 gingen die Verkäufe von Tracleer bereits zurück.

Clozel: Aber nur, weil eine Liefercharge erst im 4. Quartal 2007 verbucht wurde. Insgesamt stiegen die Verkäufe 2007 um 31% auf rund 1,2 Mrd Fr.

Actelion muss sich fundamental ändern. 2018 soll Ihre Firma von der Grösse her mit dem US-Unternehmen Biogen Idec (Umsatz 2006: 3,1 Mrd Dollar) vergleichbar sein. Im 4. Quartal 2007 suchte Biogen einen Käufer ? wäre dieser Schritt auch für Actelion eine Option?

Clozel: Grundsätzlich vertritt unser Verwaltungsrat die Auffassung, dass das angestrebte Wachstum nur dann auch erreicht werden kann, wenn das Unternehmen selbstständig bleibt. Wir haben die Chance, mehr Wert zu schaffen, als jede andere klassische Biotechfirma es je konnte.

Weshalb?

Clozel: Die meisten Biotechfirmen richten sich auf grosse Moleküle aus. Wir setzen bewusst auf kleine, weil dann später immer auch eine orale Version eines Medikaments entwickelt werden kann.

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Trotzdem: Der Druck der Pharmakonzerne auf kleine Biotechunternehmen bleibt massiv.

Clozel: Unsere Pipeline ist deutlich besser als diejenige vieler Pharmakonzerne. Deshalb ist es logisch, dass sich jene Firmen für uns interessieren und uns besuchen. Und es ist klar: Wenn wir mit unseren eigenen Projekten nicht reüssieren, ist es mit der Unabhängigkeit sowieso vorbei.

Dies klingt absolut.

Clozel: Dieser Eindruck täuscht. Wir setzen viel auf Partnerschaften. Mit Roche arbeiten wir an einem grossen Projekt gegen neuromuskuläre Krankheiten, und mit dem US-Konzern MSD forschen wir seit 2003 an einem neuen Bluthochdruck-Senker. Auch unser Produktkandidat gegen Allergien könnte vielleicht ein Kandidat für eine solche Partnerschaft sein.

Auch für das Schlafmittel Almorexant, das 2011 lanciert werden soll, suchen Sie eine Partnerfirma. Laufen konkrete Gespräche?

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Clozel: Wir sind mit fast allen grossen Pharmakonzernen in Kontakt. Es ist aber klar, dass wir und nicht sie den Prozess steuern. Wir möchten uns 2008 für den richtigen Partner entschieden haben.

Ist der britische Pharmakonzern GlaxoSmithKline ein Kandidat?

Clozel: GSK arbeitet an einem eigenen Schlafmittel ?

? bei den Versuchen sind aber Probleme aufgetaucht. Für die Briten könnte eine Kooperation mit Ihnen einfacher sein.

Clozel: Allgemein erscheint es mir immer einfacher, wenn man mit einem potenziellen Partner verhandeln kann, der nicht gleichzeitig ein Konkurrent ist.

Sie haben die Kooperation mit Roche angesprochen. Kann die zweite Studienphase zum Produktkandidaten «S1P1» immer noch wie geplant in diesem Jahr gestartet werden?

Clozel: Ja, ich hoffe, dass dies im 1. Halbjahr 2008 möglich wird. Bis jetzt sehen wir keine Anzeichen, dass dies nicht möglich sein sollte.

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Welche Meilensteinzahlungen würden Sie dafür erhalten?

Clozel: Aus vertraglichen Gründen kann ich dies nicht kommentieren.

Können Sie dafür ein Update zum Produktkandidaten Bosentan gegen Hautkrebs geben. Da erlitten Ihre Forscher einen Rückschlag.

Clozel: Wir werden diese Indikation nicht weiterverfolgen.

Beim Projekt Clazosentan gegen Gefässspasmen tauchten im Sommer 2006 ebenfalls Probleme auf. Jetzt befindet es sich in der dritten, entscheidenden Studienphase. Wird es jetzt klappen?

Clozel: Das Medikament wirkt nicht nur gegen Gefässverengungen nach einer nichttraumatischen Gehirnblutung, sondern führt auch zu messbaren Verringerungen von Folgewirkungen. Allerdings muss richtig gemessen werden, und damit hatten wir ursprünglich Probleme. Diese haben wir aber inzwischen behoben. Eine absolute Garantie gibt es in der Pharmaindustrie aber nicht.

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Mit Zavesca gegen die Gaucher-Krankheit haben Sie ein zweites Produkt auf dem Markt. Dieses hat allerdings ein Imageproblem. Wann wird dieses behoben sein?

Clozel: Es hat sich bereits vieles zum Positiven verändert. Doch wir brauchen noch Zeit. Schliesslich hat die US-Firma Genzyme mit Cerezyme ein bereits etabliertes Konkurrenzprodukt auf dem Markt.

Ist es immer noch möglich, mit Zavesca bis 2009 einen Umsatz von 50 Mio Fr. zu erreichen? 2007 waren es 35,3 Mio Fr.

Clozel: Ja. Ich hoffe sogar, dass es mehr werden.

Das jüngste Actelion-Produkt auf dem US- Markt ist Ventavis, ein inhalierbares Medikament gegen PAH. Wie steht es um dessen angestrebte neue Formulierung?

Clozel: Zuerst geht es darum, die Bedienung des bestehenden Inhalators weiter zu verbessern. Darüber sprachen wir bereits mit der US-Aufsichtsbehörde FDA.

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Wie viel werden Sie in Ventavis investieren?

Clozel: Es sind wichtige Investitionen, die sich aber auszahlen werden. Hinzu kommt, dass wir keine neuen Verkaufsleute anstellen müssen, weil die Tracleer-Mannschaft gleichzeitig auch Ventavis betreuen kann.

2008 werden beinahe monatlich neue Studienresultate erwartet. Ist dieser Newsflow bereits im Aktienkurs reflektiert? 2007 war für die Actelion-Investoren ja nicht so ein erfolgreiches Jahr wie 2006.

Clozel: Wie erwähnt, stufe ich unsere Pipeline viel besser als die Pipeline manch grosser Pharmafirma ein. Unser Schlafmittel Almorexant etwa könnte vom Umsatz her zwei bis zehn Mal grösser werden als Tracleer. Wir bereiten uns daher auf grosses Wachstum vor.

Bedeutet dies auch, dass der Verwaltungsrat und das Management mit einem Anteil von insgesamt rund 11% weiterhin die grössten Investoren von Actelion bleiben werden?

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Clozel: Ich kann diese Frage nur aus meiner persönlichen Sicht beantworten. Ich kenne kein besseres Investment, als die Aktien zu halten (schmunzelt).

Ihre Verwaltungsräte scheinen dies aber anders zu beurteilen. Gemäss der Auflistung der Schweizer Börse (SWX) tätigten diese seit dem Sommer 2007 nur Verkäufe von eigenen Papieren, aber nur einen einzigen Zukauf.

Clozel: Ich kann nur über mich selbst sprechen. Sie müssen zudem bedenken, dass viele Leute seit der Gründung von Actelion im Jahre 1997 dabei sind. Dass sie jetzt profitieren wollen, ist für mich verständlich. Ich selbst werde aber auch in Zukunft ein grosser Aktionär von Actelion bleiben.

 

Was Jean-Paul Clozel mit den über 700 Mio. Fr. an flüssigen Mitteln vorhat: