Das schwierige wirtschaftliche Umfeld macht auch vor den Logistikdienstleistern nicht Halt. Wie hat sich der Dachser- Konzern im 1. Halbjahr 2009 behauptet?

Bernhard Simon: In den ersten Monaten dieses Jahres mussten wir wesentlich stärkere Einschnitte in Kauf nehmen, als wir dies eigentlich erwartet haben, zumal auch deshalb, weil das Jahr 2008 ein sehr erfolgreiches Jahr für uns war. Nach dem schlechten 1. Vierteljahr 2009 erholte sich die Situation im 2. Vierteljahr etwas, doch wir gehen davon aus, dass wir die Talsohle in der verladenden Industrie wohl noch nicht erreicht haben. Wir sind allerdings der Meinung, dass der anhaltende Trend zum Outsourcing unser Geschäft weiter beleben wird.

Stichwort Outsourcing, welche Entwicklung erwarten Sie hier?

Simon: Wir haben noch nie so viele Anfragen erhalten wie gerade in den vergangenen Monaten. Wir konnten auch eine ganze Reihe von Neukunden gewinnen, doch diese haben die Rückgänge bei den bestehenden Kunden leider nicht kompensieren können.

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In welchen Regionen und Branchen erwarten Sie am ehesten eine Erholung der Konjunktur?

Simon: Wir rechnen weiterhin mit einer relativ stabilen Entwicklung im Konsumbereich. Hier sind wir auch mit unseren spezifischen Logistiklösungen sehr gut aufgestellt. In anderen Branchen, wie etwa dem Maschinenbau oder der Zulieferindustrie, wird es noch länger dauern, bis sich die früheren Volumen wieder einstellen.

Dachser bietet Logistikdienstleistungen für verschiedene Schlüsselindustrien mit einem Schwergewicht im Foodbereich an. Bleibt es bei diesen Branchen, oder erwägt man weitere Branchen zu betreuen?

Simon: Unsere Triebfeder ist primär nicht eine spezifische Branche, sondern wir bieten heute integrierte Logistik in offenen Systemen an. Dabei entwickeln wir ganz bestimmte Kernkompetenzen, die sich in vielen Branchen wiederfinden. Wir können, quasi im Baukastensystem, auf den Kunden bezogene Logistiklösungen anbieten und betrachten uns deshalb als ein Generalist, welcher für die Kundschaft spezifische Logistiklösungen entwickeln kann. Diese Flexibilität hilft uns gerade in der momentanen Krise, sind wir doch nicht nur auf einige wenige Branchen konzentriert.

Der Trend zum Outsourcing lässt aber auch erkennen, dass sich viele Unternehmen ernsthaft überlegen, ob man die Logistik noch selber machen will.

Simon: Dies ist zweifellos der Fall, und wir stellen derzeit auch umfangreiche Überlegungen an, wo in der Logistik noch Geld eingespart werden kann. Mit unserem weiteren Ausbau in der Kontraktlogistik können wir unserer Kundschaft kostengünstige Dienstleistungen im gesamten Bereich der Logistik anbieten.

Es gibt Logistikdienstleister, die investieren in teure Infrastrukturen und Fuhrparks, andere wiederum sind stolz, mit möglichst wenigen Assets auszukommen. Welche Strategie verfolgt die Firma Dachser?

Simon: Unser derzeitiger Investitionsplan sieht Ausgaben von rund 1 Mrd Euro in den kommenden fünf Jahren vor. Daran halten wir fest, werden aber einige Projekte zeitlich etwas erstrecken. Wir beschreiten in dieser Beziehung einen Mittelweg. Zum einen verfügen wir über eigene Lageranlagen, oder wir bauen auch Lagerkapazitäten für unsere Kunden auf, die wir allerdings über einen Zeitraum von sieben bis zehn Jahren unseren Kunden anbieten. In der Transportlogistik, unserer Kernkompetenz, bieten wir heute Dienstleistungen mit hoher Qualität an und verfügen deshalb auch über ganz spezielle nach Dachser-Spezifikationen errichtete Lagerkapazitäten, die wir auch multifunktionell nutzen können. Wir investieren nur in ganz spezifische Objekte, die aber auch in Zukunft flexibel nutzbar sind.

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Gibt es aus der Sicht des Logistikdienstleisters noch immer Möglichkeiten, Kosten einzusparen, oder ist diese Zitrone nicht langsam völlig ausgepresst?

Simon: Im Gütertransport oder in der reinen Lagerung ist die Zitrone schon weitgehend ausgepresst. Immer mehr Firmen erkennen heute die wichtige Managements-Querschnittsfunktion der Logistik. Mit unserem Denkmodell, der sogenannten Logistik-Bilanz, gehen wir von den Prinzipien der Bilanzerstellung aus und der Frage nach, wie Logistik in alle Unternehmungsbereiche hineinwirkt. Mittels verschiedener Bilanzkennziffern kann festgestellt werden, wo mit der Logistik noch Optimierungspotenziale bestehen.

In jüngster Zeit ist der Begriff «Green Logistics» stärker in den Vordergrund gerückt. Wie «grün» kann Logistik überhaupt sein?

Simon: Einiges bei dieser Diskussion muss relativiert werden. Slogans allein bringen da eigentlich wenig, gefragt ist vielmehr langfristiges Denken. Es geht darum, Logistik wirklich nachhaltig zu gestalten, und dies ist mit einigem Aufwand verbunden. Auch wir bemühen uns, Transporte, die nun einmal notwendig sind, so ökologisch wie möglich durchzuführen. Wir müssen uns allerdings noch intensiver als bisher mit der Frage auseinandersetzen, welche Entscheidungen in der Logistik zu Umweltbelastungen - Stichwort CO2 - führen. Dabei stehen Überlegungen im Vordergrund, wie die einzelnen Wirtschaftssubjekte, aber auch die Politik dazu beitragen können, die Umweltbelastungen weiter zu reduzieren. Durch weitere Optimierungen der Verkehrswege und Transporte lässt sich noch einiges bewegen. Wir sind derzeit auch daran, unseren gesamten Steuerungsprozess in der Logistik mit einem CO2-Management zu verbinden. Dadurch können wir die einzelnen Transporte auf ihre Umweltverträglichkeit prüfen.

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Ist im Rahmen dieser Bemühungen der einzelnen Logistikdienstleister mit einer weiteren Konzentration in der Branche zu rechnen, zumal ja die zunehmenden Umweltschutzauflagen Geld kosten?

Simon: Aufgrund der wohl weiter zunehmenden Restriktionen und Umweltauflagen entsteht ein erheblicher Druck nach optimaler Grösse, um alle diese Restriktionen auch unter vernünftigen Kostenrelationen erfüllen zu können. Logistikdienstleister müssen in Zukunft zwingend über die kritische Masse in Bezug auf Netzwerke und Transportvolumen verfügen, wollen sie langfristig überleben. Dieser Trend wird zu einer weiteren Konsolidierung in der Logistikbranche führen.

Welche Strategie verfolgt der Dachser- Konzern in Sachen Expansion? Eher Eigenwachstum oder Akquisitionen?

Simon: Wir sehen hier einen Mix aus Eigenwachstum und Akquisitionen. Im Rahmen der stärkeren Integration von Logistikprozessen beim Logistikdienstleister und seinem Kunden, ist es wichtig, dass der Logistiker die Führung bei den Logistikprozessen innehat. Akquisitionen müssen heute von der Integrationsseite her betrachtet werden und nicht aufgrund der angestrebten Markterweiterung. Dies bedeutet, dass wir in Zukunft stärker organisch wachsen werden, zugleich aber mögliche Akquisitionen, die sich optimal in unser Netzwerk integrieren lassen, wahrnehmen werden.

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Schwerpunkt der Dachser-Aktivitäten ist derzeit Europa. Wird sich das in Zukunft ändern?

Simon: Europa ist unser starkes Standbein, hier verfügen wir über das leistungsfähigste Netzwerk, das wir auch weiter ausbauen werden. Weltweit sehen wir im Bereich Luft- und Seefracht noch erhebliche Expansionsmöglichkeiten. Dabei wollen wir diese Aktivitäten auch in unser europäisches Netzwerk integrieren. Ziel ist es, unsere Kunden weltweit in gleichem Umfang bedienen zu können, wie wir dies in Europa schon tun.

Welche Bedeutung haben China und Indien?

Simon: Wir verfügen in China über insgesamt 14 Niederlassungen mit rund 600 Mitarbeitenden. In Indien verfügen wir über 33 Standorte, dank einem 50%-Joint Venture mit AFL. Aber auch in anderen asiatischen Staaten werden wir unsere Präsenz weiter ausbauen. Jüngstes Beispiel sind die neuen Stützpunkte in Thailand und Bangladesh.

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Welche Bedeutung haben Nord- und Südamerika?

Simon: Auch in Nordamerika bestehen Ausbaupläne. In Südamerika verfügen wir über eine eigene Landesgesellschaft mit 13 Niederlassungen in Brasilien und seit kurzem über ein Büro in Chile. In Mexico sind wir ebenfalls seit einiger Zeit aktiv.

Wie wichtig sind für Dachser die neuen EU-Länder in Osteuropa?

Simon: Wir verfügen bereits über zahlreiche Stützpunkte in dieser Region und konnten in jüngster Zeit erfreuliche Wachstumsraten erzielen, vor allem in Tschechien, Polen und in der Slowakei. In Ungarn sind wir derzeit einer der marktführenden Logistikdienstleister mit dem dichtesten Netz und einem der grössten Warehouses, das zudem Seveso II zertifiziert ist. Die osteuropäischen Länder werden auch in Zukunft für Logistikdienstleister interessante Märkte darstellen.

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Sie wurden im vergangenen Jahr mit dem Preis «Familienunternehmer des Jahres» ausgezeichnet. Mit einem Umsatzvolumen von 3,6 Mrd Euro gehört die Firma Dachser zu den ganz grossen Familienunternehmen in Europa. Welche Zukunftsaussichten sehen Sie für Familienunternehmen in naher Zukunft?

Simon: Ein grundlegender Unterschied zwischen Familienunternehmen und börsenkotierten Firmen ist das langfristige Denken der Familienfirmen. Wir sind nicht getrieben von Quartalsabschlüssen und können uns auf eine nachhaltige Unternehmenspolitik konzentrieren. Jede Generation ist bemüht, das Unternehmen weiterzuentwickeln und auf finanziell sichere Grundlagen zu stellen.