Herr Kamber, wo stehen Ihre Verbandsmitglieder, das sind Firmen der Eventbranche, heute finanziell? 
Christoph Kamber: Unseren Mitgliedern steht das Wasser bis zum Hals. Über 95 Prozent der im Spätsommer mühsam generierten Aufträge wurden in den vergangenen zwei bis drei Wochen annulliert oder erneut verschoben. Durch den Ausfall der dringend benötigen Aufträge im Herbst, fehlen die wenigen erwarteten Umsätze nun komplett. 

Die Eventbranche war auf Stützungsmassnahmen des Bundes angewiesen. Welche Massnahmen waren die wichtigsten?
In Anbetracht der aktuellen Situation, waren alle erhaltenen Massnahmen wichtig und notwendig. Ohne diese Unterstützungen hätte eine Konkurswelle die Branche bereits im Sommer überrollt. 

Durch die erhaltenen Covid-19- Kredite, konnte die nötige Liquidität aufrecht erhalten werden. Gepaart mit einer Normalisierung im Herbst 2020 wäre eine Weiterführung der geschäftlichen Aktivitäten durchaus denkbar gewesen. Die Schattenseite der Kredite ist die Verschuldung der Unternehmen, welche die Kredite zurückzuzahlen haben.

Innert der gesetzten Frist von rund 5 Jahren mit normaler Wertschöpfung, wäre dies schwierig, aber nicht unmöglich gewesen. Das sieht Stand heute anders aus. Die Reserven sind erschöpft. 

In der kleinen Schweiz müsste es möglich sein, zumindest die Kriterien für die Restriktionen einheitlich zu handhaben.

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In welchen Kantonen ist die Eventbranche bereits heute stark eingeschränkt, weil diese das Veranstaltungsverbot bereits verhängt haben?
Vorreiter der kantonalen Einschränkung war sicher der Kanton Bern, das Wallis, die Westschweizer Kantone Waadt und Genf aber auch die beiden Basel, welche hier die Schraube angezogen haben. Als unglücklich erachten wir die nicht einheitlichen Bemessungsgrundlagen, welche die Kantone für die Entscheidungen beiziehen. In der kleinen Schweiz müsste es möglich sein, zumindest die Kriterien für die Restriktionen einheitlich zu handhaben.

Wie stark wird die Eventbranche von den Massnahmen betroffen sein, die der Bundesrat am Mittwoch verhängt hat?
Massiv. Viele Wirtschaftsvertreter und Politiker sprechen sich dafür aus, dass ein weiterer Lockdown unbedingt verhindert werden muss. De facto befindet unsere Branche längst in einem Lockdown. Die Rahmenbedingungen erlauben es unserer Branche nicht, wirtschaftlich zu produzieren.

Unsere Auftraggeber sind derart verunsichert, dass die meisten jegliche Aufträge annullieren oder in das Jahr 2021 verschieben. Die Branche steht still und mit den zusätzlichen Massnahmen werden auch noch die letzten, kleinen Aufträge annulliert - Lockdown total! 

 

Zürich, 25.05.2016, Christoph Kamber, Messe Zürich am Mittwoch, 25. Mai 2016, in Zürich. (Nicola Pitaro)

«Die Unternehmer der Branche sind finanziell, nach über acht Monaten Krise, finanziell ausgeblutet.»

Quelle: Nicola Pitaro

Das sorgt für Reaktionen?
Wir sind bestürzt, dass trotz aufwändigen und gut funktionierenden Schutzkonzepten ein erneutes nationales Veranstaltungsverbot droht. Schutz- und Hygienemassnahmen werden streng befolgt und deren Einhaltung durch Sicherheitspersonal überprüft. Deshalb verzeichneten wir in den letzten Monaten keine Corona-Infektionen an den Anlässen.

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Auf welche neuerliche Wirtschaftshilfen ist die Eventbranche für die nächsten Monate angewiesen?
Wenn wir davon ausgehen, dass die COVID-19-Krise einmal ein Ende haben wird, müssen wir uns Gedanken machen, wie wir die Veranstaltungsbranche über die Zeit retten wollen. Die Unternehmer der Branche sind finanziell, nach über acht Monaten Krise, finanziell ausgeblutet. Viele stellen in den kommenden Monaten, abhängig von den zu erwartenden Hilfe, die Weichen - Entlassungen sind zu erwarten.

Mit welchen Folgen?
Ohne rasche, finanzielle Unterstützungsleistungen werden zahlreiche Unternehmen den Betrieb einstellen, die Mitarbeiter zwangsläufig auf die Strasse stellen und oft einfach Konkurs anmelden müssen.

Die zu erwartenden Kosten dafür während für den Staat ungleich grösser, abgesehen von den vielen verlorenen Arbeitsstellen und dem tiefen Einschnitt, welches diese Szenario auf unser künftiges Kulturleben haben dürfte. Die angekündeten «Afond perdu»-Zahlungen machen nur Sinn, wenn diese sehr zeitnah ausbezahlt werden können.

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Die zweite Welle dürfte 80 Milliarden Franken kosten: Eine Berechnung

Die Härtefallregelung des Bundes und der Kantone soll erst im Februar in Kraft treten..
Ein Abwarten bis im Frühling ist für sehr viele Unternehmer kein Szenario. Wir brauchen Hilfe, schnell und nachhaltig. Wir fordern nun eine sofortige Umsetzung der Härtefall-Massnahmen für Unternehmen nach Art. 12 des Covid-19-Gesetzes. Der laufende Umsetzungsprozess dauert zu lange. Die Notfallkredite und Reserven sind aufgebraucht. Hilfeleistungen im Februar sind zu spät! Wir fordern einen praktischen und unkonventionellen Ansatz zur Auszahlung von Soforthilfe für Härtefälle, eine Vorleistungspflicht des Bundes oder der Kantone sowie kantonsübergreifende, einheitliche Kriterien und Verfahren zur Beurteilung und Zulassung für die Auszahlung der Hilfsmittel.

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Sollten die Covid-19-Kredite neu aufgelegt und in der Anwendung erweitert werden?
Die Bereitschaft weitere Kredite aufzunehmen, dürfte bei vielen Unternehmern klein sein. Die Aussicht darauf, dass die oft magenschwache Branche, aufgrund einer unverschuldeten Krisensituation jahrelang Kredite zurückzuzahlen hat, dürfte für viele Unternehmer nicht interessant sein.

Die Branche braucht in dieser schwierigen Zeit die Solidarität der Schweizer Regierung, wie andere Wirtschaftszweige wie Banken oder die Fluggesellschaft Swiss, ebenfalls darauf vertrauen durfte. Das Argument der Systemrelevanz ist neu zu interpretieren. Das kulturelle Leben in der Schweiz ist in Gefahr und definitiv ebenfalls Systemrelevant, denn die Kultur ist der Kitt einer Gesellschaft!

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