Vom Licht am Ende des Tunnels, von dem die Prognostiker zum ersten Mal seit langem wieder sprechen, sehen die meisten Unternehmen in der Schweiz noch nichts. André Kormann, Direktor der Bürgschaftsgenossenschaft Mitte (BGM), bestätigt, was Cornelia Luchsinger, Analystin Volkswirtschaft Schweiz bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB), sagt: «Im Binnenmarkt kommen die konjunkturellen Probleme mit einer zeitlichen Verzögerung auf die Betriebe zu.» Kormann zur «Handelszeitung»: «Die Nachfrage auch nach grossen Bürgschaften nimmt laufend zu, was ein Indiz dafür ist, dass die Weltwirtschaftskrise jetzt voll auf die Betriebe des gesamten KMU-Bereichs durchschlägt.»

Bürgschaftswesen: Viele Gesuche

Kormann unterlegt seine Beobachtungen mit Zahlen: Die BGM rechnet bis Ende Jahr mit Bürgschaftsgesuchen in der Höhe von rund 60 Mio Fr. Bereits heute sei der Stand der eingegangenen Gesuche mit 46 Mio Fr. genau gleich hoch wie die Gesamtsumme für das Jahr 2008. Dieses Jahr hat die BGM schon Bürgschaften in der Höhe von 20 Mio Fr. bewilligt. Als zweites Indiz für die Krisensituation, in der die Unternehmen stecken, wertet BGM-Direktor Kormann die Tatsache, «dass derzeit 45% der gesprochenen Kredite verwendet werden, um Probleme wegen fehlender Betriebsmittel oder mangelnder Liquidität zu beheben». Mit anderen Worten: Die «Nothilfe» hat der Unterstützung bei Investitionen den Rang abgelaufen, auf der noch 2008 der Löwenanteil der Bürgschaften gegangen war (43%).

Von einer ungebrochenen krisenbedingten Nachfrage nach Finanzmitteln berichtet auch Reto Kolb, Geschäftsführer von KMUFinance plus. Zwischen November 2008 und Ende April 2009 hat die Stiftung rund 1 Mrd Fr. von Investoren an 200 Unternehmen vermittelt. Von Anfang Mai bis Ende September gingen bei KMUFinance plus Gesuche in der Höhe von 700 bis 800 Mio Fr. ein. Vermittelt wurden nochmals 250 Mio Fr. Reto Kolb, der trotz dieser Zahlen heute ein bisschen weniger pessimistisch in die Zukunft sieht als vor ein paar Wochen: «Wir erhalten immer mehr Gesuche von Unternehmen, die es bis jetzt geschafft haben, über die Runden zu kommen, aber jetzt nicht mehr über genügend Mittel verfügen, um die nächsten Monate aus eigener Kraft zu überbrücken.»

Anzeige

UBS: «Grosse Unsicherheit»

Es sind vor allem die Unsicherheiten über die Länge der Konjunkturkrise, die Fulvio Micheletti, Leiter KMU Schweiz bei der UBS, in Gesprächen mit Firmen feststellt. «Viele haben in den letzten Monaten mit Überbrückungsmassnahmen wie Kurzarbeit, mit vorläufigem Verzicht auf Investitionen oder Massnahmen zur Senkung der Kosten bisher der Krise getrotzt.» Zudem verfügten besonders die etablierteren KMU noch über finanzielle Reserven aus den Vorjahren. «Dennoch ist es wichtig, dass diese Firmen zumindest schwache positive Zeichen für den Aufschwung erhalten, damit sie Entscheidungen für die Zukunft treffen können.»

Nur: Solche Zeichen gebe es aus Sicht der Unternehmen derzeit noch kaum. «Eine Reihe unserer Kunden berichten von weiterhin tiefen Auftragsbeständen», sagt Micheletti. Es gebe zwar gewisse Korrekturen bei den Bestellungen, weil die Lager leer seien, aber als nachhaltig könne man dies bisher nicht bezeichnen.

Fazit: Die Zahl der Firmen, die zusätzliche Mittel zur Überbrückung der Krise benötigen, bleibt hoch oder nimmt gar noch zu, weil die Dauer der Krise die schwierige Lage noch verschärft. UBS- Mann Micheletti ist aber überzeugt, «dass auch hier der normale Kreditweg über die Banken funk-tioniert». Demgegenüber ist man bei der ZKB der Ansicht, dass es einen KMU-Überbrückungsfonds brauche, «um den Zugang zu Bankfinanzierungen auch unter sich gegebenenfalls nochmals verschlechternden Bedingungen sicherzustellen». Dieser Fonds soll im Dezember stehen. Die ZKB begrüsst für den Fall einer länger anhaltenden Rezession auch ein Auffanginstrument für Grossunternehmen (siehe Kasten).

KMUFinance plus: An der Grenze

Während KMUFinance plus bei der Suche nach Investoren für notleidende Betriebe ohne Unterstützung - etwa des Bundes - zunehmend an Grenzen stösst, will eine Mehrheit des Nationalrats den Aktionsradius der Bürgschaftsgenossenschaften ausdehnen. Sie hat in der Herbstsession einer Motion von CVP-Nationalrat Norbert Hochreutener gegen den Willen des Bundesrats zugestimmt, die eine Erhöhung der Bürgschaftslimite von heute 500000 auf 1 Mio Fr. fordert. BGM-Direktor Kormann: «Der Markt zeigt, dass das Bedürfnis nach einer Erhöhung vorhanden ist.» Bevor man das jedoch realisieren könne, müssten die Strukturen der Bürgschaftsgenossenschaften angepasst werden. Kormann: «Wir sind heute in der Lage, Gesuche bis zu 500000 Fr. zu beurteilen. Was mehr ist, würde Investitionen erfordern.»